Am 1. Jänner feiert DIE jugoslawische Band Geburtstag: Bijelo Dugme gab vor genau 50 Jahren ihr erstes Konzert in Sarajevo. Heute begeistert Bijelo Dugme die dritte Generation Fans – auch wenn es die Band seit 1989 nicht mehr gibt. Eine Annäherung an ein jugoslawisches Phänomen.
Mit manchen Worten sollte man zurückhaltend sein. „Legende ist eines dieser Worte“, sagt Vagabondi, einer von Albaniens bekanntesten Hip Hop Stars. „Davon gibt’s nur ein paar. Bijelo Dugme ist eine davon. Das ist eine Legende.“ Vaga nennen ihn seine Fans.

Das kommt aus dem Mund eines Künstlers, der als Jugendlicher in Durres in den 1970-ern eine Haftstrafe riskierte, um Bijelo Dugme im Radio zu hören. Ausländisches Radio war streng verboten in Enver Hoxhas Albanien. Und als junger Mann setzte er sein Leben aufs Spiel, um den Traum zu verwirklichen, den ihm Bijelo Dugme gegeben hatte: Sänger zu werden. (Mehr über seine unglaubliche Geschichte erfahrt ihr HIER.)
Vagas Geschichte ist für Außenstehende schwer zu fassen. Das gilt für vieles, was mit Bijelo Dugme zu tun hat.
Eine Band der Superlative
Auch mit kritischer Distanz kann man die Band nur als eine der Superlative beschreiben. Kommerziell erfolgreicher war keine Rockband im ehemaligen Jugoslawien.
Für die Formation von Goran Bregović, Željko Bebek, Ipe Ivandić, Vlado Pravdić und Jadranko Stanković erfand das Label Jugoton, heute Croatia Records, die Kategorie „Diamantene Schallplatte.“ Für die Goldene hatte Bijelo Dugme längst den Rahmen gesprengt.
1977 stellte die Band den Rekord für das meistbesuchte Konzert in der jugoslawischen Musikgeschichte auf: In die Hajdučka česma in Beograd kamen 100.000 Zuhörer.
Der Rekord hielt bis 2005.
In diesem Jahr verkaufte eine Band 250.000 Tickets für ein Konzert im Hipodrom in Beograd.
Sie hieß Bijelo Dugme.
16 Jahre nach der Auflösung war sie auf eine Revival-Tour gegangen, die alle drei Leadsänger vereinte, die Bijelo Dugme im Lauf ihrer Geschichte hatte: Željko Bebek, Tifa und Alen Islamović.
2005 war der Gig im Beograder Hipodrom Weltrekord für ein Bezahl-Konzert. Größer war eine Handvoll von Gratisfreiluftkonzerten gewesen.
Streng genommen hält der Rekord bis heute. Bijelo Dugme muss ihn sich mit Indio Solaris und Vasco Rossi teilen, die jeweils 2017 ähnlich große Zuschauermassen in Buenos Aires und in Modena anzogen.
Wirklich begreifbar wird der Rekord im Hipodrom, wenn man die Einwohnerzahl des ehemaligen Jugoslawien etwas mit der von Italien oder von Argentinien vergleicht.
Wie oberflächlich war die Band?
„Wie erfolgreich YU Rock war, wissen viele Menschen außerhalb des ehemaligen Jugoslawien gar nicht“, sagt etwa Freddy Lindsay vom Ex YU Rock Centar in Sarajevo. (Ein ausführliches Portrait über die Einrichtung findet ihr HIER.)
„Bands verkauften oft hunderttausende Tonträger, und das in einem Land mit 20 Millionen Einwohnern. Der Marktanteil war gigantisch.“
Bei keiner Band war er gigantischer als bei Bijelo Dugme, und das ziemlich von Beginn weg.
Das lag sicher daran, dass Bijelo Dugme unter musikalischer Leitung von Goran Bregović ihr Ohr mehr am Massengeschmack hatte als viele andere Rockbands. Kritiker werfen ihr bis heute vor, eine durch und durch kommerzielle Band gewesen zu sein.
Der Vorwurf trifft nur bedingt zu. Bijelo Dugme experimentierte auch.
Siehe etwa den Titelsong ihres ersten Studioalbums Kad bi bio bijelo dugme.
Etwas konventioneller für Anfang der 70-er war ein weiterer Song des Albums.
Eines der Markenzeichen der Band war, auch traditionelle volkstümliche Musikelemente in ihre Songs aufzunehmen.
Das begeisterte Hunderttausende – und vergrämte nicht wenige. Einige Kritiker scheuen sich nicht, Bijelo Dugme vorzuwerfen, Turbofolk salonfähig gemacht zu haben.
Man muss nur etwa Hajdemo u planine mit irgendeinem Song von Ceca vergleichen, um zu erkennen, dass die These Schwachsinn ist.
In ihrem letzten Studioalbum Ćiribiribela näherte sich die Band in einigen Songs den typischen Balkan-Brasssounds an, die seither Bregas Markenzeichen geworden sind. Vor allem in Đurđevdan.
Aber das war ein spielerisches Überschreiten von Genres – wenngleich Alen die bis heute unangefochten beste Interpretation des traditionellen Roma-Songs Ederlezi darbot.
Am ehesten lässt sich Bijelo Dugme in dieser Hinsicht mit Queen vergleichen. Und wahrscheinlich nicht nur in dieser Hinsicht.
Eindeutig eine Rockband, kompromisslose Rampensauen, das was man im Englischen als „larger than life“ bezeichnet, aber sonst nicht immer so genau zuzuordnen.
Insgesamt nur neun Studioalben
Dass Bijelo Dugme keine oberflächliche Band war, zeigt sich auch daran, dass das Oeuvre der Band eigentlich nicht sonderlich umfangreich ist.
Zwischen 1974 und 1989 brachte es die Formation auf neun Studio- und drei Livealben.
Das lag sicher auch daran, dass es ab Anfang der 80-er mit den Leadsängern nicht so recht klappen wollte.
Brega und Željko überwarfen sich über der Frage, wie die Einnahmen aufzuteilen seien. Tifa hatte einen erfolgreichen Einstieg – musste aber wegen eigener Probleme nach eineinhalb Jahren die Band verlassen.
Erst mit Alen fand man einen stabilen Leadsänger.
Drei Jahre nach seinem Einstieg freilich löste sich die Band vor dem Hintergrund der wachsenden Spannungen in Jugoslawien auf.
Ausstrahlung über Jugoslawien hinaus
Auch wenn Bijelo Dugme aus sprachlichen Gründen vor allem in Jugoslawien erfolgreich war, strahlte die Band in andere europäische Länder aus.
Der vor zwei Jahren verstorbene österreichische Sänger und Aktivist Willi Resetarits etwa nannte in Interviews die Band als eine wichtige Inspirationsquelle für ihn als jungen Musiker in den 70-ern. Resetarits alias Ostbahn-Kurti stammt aus einer österreich-kroatischen Familie in Stinats im Burgenland.
Für Josefina war Bijelo Dugme in ihren ersten Jahren in Deutschland eine wichtige Stütze. Die antifaschistische Aktivistin hat auch jugoslawische Wurzeln. „Bijelo Dugme hat mich als jung Teenagerin in der Diaspora stets getröstet“, schreibt sie auf Facebook. „Stundenlang saß ich, manchmal weinend, manchmal lachend vor dem Kassettenrekorder und habe immer gerne mitgesungen. Ihre Musik war meine Verbindung zu dem Teil meiner Identität, die ich anders zu dieser Zeit nicht ausleben konnte. Mit der Musik verbindet mich ein Teil meines Seins.“
Der von Kritikern oft geschmähte kommerzielle Erfolg der Band ist ein Schlüssel zum Verständnis des Phänomens Bijelo Dugme.
Bijelo Dugme war die jugoslawische Band schlechthin
Mehr als jede andere Band Jugoslawiens brachte die Formation aus Sarajevo Menschen aus allen Republiken und aller politischer und religiöser Überzeugungen zusammen.
So tief auch die Wurzeln der Band in der lebhaften Musikszene Sarajevos gewesen sein mögen, Bijelo Dugme wurde spätestens ab 1976 zu einer Band, die alle örtlichen Zuordnungen sprengte. Bijelo Dugme war eine jugoslawischen Band. Bijelo Dugme war DIE jugoslawische Band.
Wie gerade Bijelo Dugme und Jugoslawien als Land kommunizierten, spiegelte sich auf tragische Weise auch in ihren letzten Jahren wieder. Die beiden letzten Alben, Pljuni i zapjevaj moja Jugoslavijo und Ćiribiribela, finalisierten die Bandmitglieder nicht beim Stammlabel Jugoton sondern bei Diskoton, einem Studio in Sarajevo.
Zur Erholung kehrten sie oft ins Restaurant Bujrum in der heutigen Ulica Pehlivanuša ein, erinnert sich Adi, der Sohn der damaligen Eigentümer. Er betreibt heute am Standort eine Pension. „Wir hatten die ganze Nacht offen, und da waren oft Brega, Alen und die anderen, und haben etwas gegessen und getrunken.“
Das Studio gibt es heute nicht mehr. Während der Belagerung von Sarajevo ging Jugoton 1992 in Flammen auf. Sämtliche Master-Aufnahmen verbrannten.
Mitverantwortlich war jemand, der ebenfalls jahrelang im Bujrum Stammgast gewesen war – nur kurz, bevor Bijelo Dugme das Restaurant regelmäßig besuchte: „Vojislav Šešelj hatte bei uns seinen Stammplatz“, erinnert sich Adi. Das war, bevor er wegen nationalistischer Aktivitäten aufgefallen und zu einer Haftstrafe verurteilt worden war.
„Wir sind mit Bijelo Dugme aufgewachsen“, schreibt ein weiblicher Fan auf einem Facebook-Thread, den ich zur Recherche für diese Geschichte angelegt habe. „Immer vor Silvester kamen neuen Alben, und Dugme ist für mich auch, Winter, Schnee, volle Kafići… erste Liebe. Dugme war eine Institution, unsere erste Ethno-Rock Band, die Verbindung von Balkanklängen und moderner, europäischer Musik. Wir hatten etwas eigenes, aber trotzdem europäisches. Die Texte waren uns nah, jeder hat sich damals in diesen Texten selber gefunden.“
„Dugme ist Jugoslawien, und der Soundtrack von Jugoslawien ist Bijelo Dugme“, schreibt Dijana aus Sarajevo am gleichen Thread. „Ich weiß, das ergibt keinen Sinn, aber so ist es, und ich schreib die Regeln nicht.“
Warum sollte es keinen Sinn ergeben?
Allenfalls Lepa Brena hatte eine ähnliche populärkulturelle Bedeutung in Jugoslawien wie Bijelo Dugme.
Die größte Bedeutung erreichte Bijelo Dugme nach dem Ende Jugoslawiens
Nach dem Zerfall des Landes wurde die Band zu einem Symbol des Gemeinsamen, das es nicht mehr gibt.
Ihre Songs wurden im Nachhinein Ausdruck der Sehnsucht nach einem normalen Leben voller Liebeskummer, Kater und was eben sonst dazugehört, einem Leben jenseits von Krieg und Hass.
So betrachtet erreichte Bijelo Dugme ihre wahre Bedeutung nach dem Ende der Band.
Einen Einblick gibt etwa diese Reportage von Rüdiger Rossig für die taz vom Zagreber Konzert von Bijelo Dugme auf der ersten Revivaltour 2005.
„Vor dem Auftritt in der kroatischen Hauptstadt Zagreb hörte ich in einem Café zwei ältere Damen: „Gehst du heute Abend auch zu Brega?“ – „Nein, leider nicht, irgendwer muss schließlich auf die Urenkel aufpassen.“ Enddreißiger berichten, dass es für sie als Teenager nur drei Bands auf der Welt gab: Abba, Boney M und Bijelo Dugme. Vor der Bühne im Zagreber Maksimir-Stadion fand sich eine Gruppe von 17-Jährigen, die blaue T-Shirts und rote Halstücher trugen und sich als „Bregas Pioniere“ vorstellten – eine Anspielung auf den ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Tito und die kommunistische Jugendorganisation zu Zeiten des gemeinsamen Staates von Bosniern, Kroaten und Serben.“
Auch für Josefina erlangte Bijelo Dugme nach dem Ende der Band und dem Zerfall Jugoslawiens ihre vielleicht eigentliche Bedeutung. Während des Krieges hatte sich Josefina von der Dijaspora aus dem zerfallenen Land isoliert, sprach die Sprache nicht mehr.
„Erst als in Berlin die BalkanBeats Parties gefeiert wurden und eine deutsche Freundin mit mir hinging, „Komm, so schlimm kann es nicht sein“, hab ich wieder Mut gefasst und das Erste was lief, auf der Party war ein Lied von Bijelo Dugme… Đurđevdan… Alle haben laut mitgesungen. Ich hab so geweint, singend. All der Schmerz. All die Verachtung, nur weil ein Teil meiner Selbst serbischer Abstammung war und der Krieg mir meine Identität als Jugoslawin nahm, all das brach aus mir heraus.“
Vielleicht, so könnte man formulieren, war Jugoslawien kulturell nie präsenter als nach seinem Zerfall in einer Band, die sich schon Jahre aufgelöst hatte.
Bis heute ziehen die regelmäßigen Revival-Tournees Bijelo Dugmes Abertausende im ehemaligen Jugoslawien und in der Dijaspora an.
Die Band und das untergegangene Land, das sie verkörpert, haben etwas von Untoten an sich.
Untote freilich, die Hoffnung geben auf ein Leben jenseits der Grenzen, jenseits des Hasses und jenseits des Krieges.

Das gilt nicht nur für die, die Bijelo Dugme als aktive Band miterlebt haben.
Es kommen nicht nur Menschen jenseits der 40 zu den Konzerten der Band. Die Dugmići, wie man die Fans nennt, gibt es in der mittlerweile dritten Generation. (Siehe etwa diese Reportage.)

Jugoslawien und seine erfolgreichste Band haben zumindest in der Popkultur eine Zukunft, wie es scheint.
Wenn man das nicht als Legende bezeichnen kann, kann man nichts eine Legende nennen.
Sretan ti rođendan, legendo!
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