In Serbien versucht die Polizei, die seit acht Monaten andauernden Massenproteste niederzuschlagen. Unter Kontrolle zu bringen scheint die Situation nicht.
200 Protestkundgebungen im ganzen Land, wichtige Straßen in dutzenden Städten blockiert – und das nur an einem Tag. Nach kleineren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei am Samstag bei der Großkundgebung in Beograd und der Verhaftung dutzender Demonstranten sind die zuletzt abgeflauten Massenproteste in Serbien neu aufgeflammt.
Sie sind, so kann man argumentieren, radikaler als zuvor. Tag für Tag stehen seitdem etwa in Beograd wegen Straßenblockaden dutzende Öffilinien stundenlang still.
Auch die Polizei ist es. War sie die vergangenen acht Monate auffällig passiv, versuchen seit Samstag Sondereinsatzeinheiten landesweit, blockierte Straßen landesweit zu räumen, nehmen dutzendweise Aktivisten der Massenproteste fest, prügeln gelegentlich auf Studenten und lokale Aktivisten ein.
Die Vorwürfe lauten auf Widerstand gegen die Staatsgewalt, Teilnahme an illegalen Versammlungen, vereinzelt wird Aktivisten vorgeworfen, an einem Umsturz des Staates gearbeitet zu haben.
Das scheint die Lage keineswegs zu beruhigen.
Werden Festnahmen bekannt, versammeln sich spontan dutzende, hunderte Menschen vor den Polizeiinspektionen, in denen die Verdächtigen festgenommen werden, fordern ihre Freilassung.
Und es scheint niemand daran zu denken, aufzugeben. Die Polizei nicht. Die Studenten, die seit acht Monaten die Massenproteste in Serbien anführen, ebensowenig.
Die Studenten rufen zu Massenkundgebungen auf, etwa am Mittwochabend vor der Philosophischen Fakultät in Beograd. Mehrere Zborovi in Novi Sad riefen am Mittwoch auf, den Bulevar oslobođenja zu blockieren. Das sind die lokalen Bürgerräte, die sich nach Aufrufen der Studenten in mehreren Städten Serbiens gegründet haben.
(Mehr über die Hintergründe könnt ihr hier lesen.)
Und sie setzen ihre bislang erfolgreiche Bildpropaganda fort. Siehe etwa das Titelbild dieses Artikels. Das sind Studentinnen und weiblich gekleidete Studenten der Universität von Novi Pazar. Ihre Oberteile haben großteils die Beschriftung IJP – das ist eine der Sondereinsatzeinheiten der Polizei, die seit Tagen massiv gegen die Massenproteste vorgehen.
Die Studenten gehen seit Monaten auf die Straße, um zu fordern, dass der Einsturz des frisch renovierten Vordachs des frisch renovierten Bahnhofs von Novi Sad am 1. November aufgeklärt wird. Die Trümmer erschlugen 16 Menschen.
(Mehr über die Hintergründe und die Stimmung in Novi Sad lest ihr in dieser Reportage.)
Und sie fordern einen entschiedenen Kampf gegen die Korruption im Land. Diese machen sie verantwortlich für die Katastrophe von Novi Sad. Mehrere Baufirmen haben enge Verbindungen zur Regierungspartei SNS.
Unklar ist, ob diese Eskalation das endgültge Kräftemessen zwischen der landesweiten Protestbewegung und der Regierung ist oder nur vorübergehend. Serbiens Präsident Aleksandar Vučić hatte nach den kleineren Zusammenstößen am Vidovdan angekündigt, die Revolution sei vorbei.
Inwiefern die Polizei die Kraft hat, diese Ankündigung umzusetzen, ist schwer abzusehen. Ebenso, ob die Studenten und die Unterstützer der Protestbewegung stark genug sind, dem massiven Druck der Polizei auf Dauer Stand zu halten.
Mehr über die Massenproteste in Serbien könnt ihr im Archiv von Balkan Stories erfahren.
Titelfoto: (c) DUNP Blokada via X/Twitter
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