Sara und Ana Živković haben mit ihrer Graphic Novel MU für Aufsehen gesorgt. Es ist die erste Graphic Novel im Manga-Stil, die im ehemaligen Jugoslawien erschienen ist. Zum 8. März hat Balkan Stories die zwei Pionierinnen nach ihren Plänen und ihrer Kunst gefragt, und welche Rolle Frau sein in der männlich dominierten Comics-Welt spielt.
Viel Zeit haben Sara und Ana Živković meistens nicht. Im Alltagsleben unterrichten sie Japanisch und übersetzen Texte aus dem Japanischen. Dass sie das können, hat sehr mit ihrer Leidenschaft für Mangas zu tun. „Wir waren als Teenager große Fans von Manga und Anime, und deswegen haben wir Japanisch gelernt“, sagen Sara und Ana gegenüber Balkan Stories.
So gesehen zählen sie zu den wenigen Autorinnen im ehemaligen Jugoslawien, die zumindest indirekt von ihrer Kunst leben können. Für die Kunst haben sie nach der Arbeit Zeit – sofern sie nicht auf einer Comic-Messe auftreten: „In Serbien ist es schon ein Erfolg, wenn deine Arbeit überhaupt veröffentlicht wird. Man kann Geld verdienen, wenn man für ausländische Verlage schreibt, aber wenn du eigene Projekte hast, musst du nach anderen Möglichkeiten suchen, Geld zu verdienen“.
Und es sind eigene Projekte, die Ana und Sara verfolgen. „Wir machen nicht so gerne Projekte für andere“, verraten sie. „Wir haben angefangen, Comics zu zeichnen, weil wir so viele Geschichte zu erzählen hatten. Wenn uns die Geschichte nicht auf einer persönlichen Ebene berührt, erreicht die Arbeit nie die gleiche Qualität“.

Eine grundsätzliche Absage an Auftraggeber ist das nicht. „Wenn jemand an uns mit einer Geschichte herantritt, die uns berührt, warum nicht. Wir freuen uns auf Leute, die mit großartigen Projekten an uns herantreten.“
Wie wichtig ihnen die Eigenständigkeit ist, zeigt sich auch darin, dass sie mit Shidoosha Art eine eigene Plattform für ihre Projekte geschaffen haben.
Widerhall bei allen, die das Chaos der 2000-er erlebten
Ihre Kindheitserlebnisse in Beograd waren es auch, die ihre Graphic Novel MU inspirierten, zumindest im weiteren Sinn. Das Buch ist die erste Graphic Novel im ehemaligen Jugoslawien, die in diesem japanischen Kunststil erschienen ist.



Die eigene Kindheit und Erlebnisse von Freunden sind der Rahmen, in dem die Zwillingsschwestern eine düstere Geschichte von Angst und Verlust entwarfen, und um den Kampf, sich nicht von den äußeren Bedingungen unterkriegen zu lassen. Es ist das Novi Beograd des Chaos der frühen 2000-er.
Die Erfahrungen fanden und finden Widerhall bei allen, die diese Zeit im ehemaligen Jugoslawien erlebten. MU eroberte den Markt in atemberaubendem Tempo. So war MU sozusagen das Prunkstück des vorjährigen Hercegnovski Strip Festival. (Siehe diese Reportage.)
Mittlerweile ist die Graphic Novel ins Deutsche übersetzt worden und wurde vor wenigen Wochen auf der Stuttgarter Comic Con präsentiert.
Sara und Ana hoffen, dass sie es bald auch ins Englische übersetzen lassen können. „Und natürlich auch ins Japanische“, sagen sie.
An der Sequel arbeiten sie bereits. Die dürfte mit Jahresende oder Anfang 2026 fertig werden. „Auf Hellycherry.com kannst du schon die ersten Episoden nachlesen“. Der Unterschied zum Original? „Wir konzentrieren uns noch mehr auf die Qualität der Story und der Zeichnungen“.
Auch für danach ist ein Projekt in Planung. Eine Graphic Novel aus der slawischen Mythologie. „Wir hatten die Idee eigentlich schon vor MU, es gibt aus der Zeit noch Konzepte und erste Zeichnungen. Jetzt haben wir das wieder ausgegraben. Ja, es wird also definitiv ganz anders, das macht es interessant – aber ein Hauch von Geheimnis und Düsternis wird sich auch dort finden.“
Und: So viel seit verraten: Es wird kein Manga-Comic mehr werden sondern mehr europäische Comic-Traditionen einbetten, etwa wesentlich mehr mit Farben arbeiten.
Auf etwas Mansplaining sollten sich Autorinnen gefasst machen
In der männlich dominierten Comic-Szene des ehemaligen Jugoslawien Fuß zu fassen, war aus Sicht der beiden Künstlerinnen weniger schwer als man sich das vorstellen würde. „Es war gar nicht schwer, ganz im Gegenteil. Unsere männlichen Kollegen unterstützen unsere Arbeit sehr. Und wie wir immer sagen: Wenn die Qualität passt, ist es egal, ob du eine Autorin oder ein Autor bist.“ Allerdings sollte man sich als Autorin auf etwas Mansplaining gefasst machen.
Generell sei die Comic-Szene etwa in Serbien in dieser Hinsicht im Wandel. „Wir sehen schon, dass sich immer mehr Mädchen und Frauen für Comics interessieren. Das hat wahrscheinlich mit der Popularität von Mangas zu tun. Früher gab es nicht so viele Comics, die Themen behandelten, die Frauen ansprechen“.

„Weibliche oder männliche Comics sind mehr eine Frage des Marketing“
Gleichwohl: „Weibliche oder männliche Comics gibt es nicht“, sagen Sara und Ana. „Das ist mehr eine Frage des Marketing, und wem du dein Werk verkaufen willst. Wir kennen viele Mädchen, die Fans von Naruto oder Dragon ball sind, obwohl die als Manga für Burschen beworben wurden (少年, shounen). Früher wurden Comics nicht bei Mädchen beworben, aber wir haben den Eindruck, dass sich das langsam ändert“.
MU ist eine Graphic Novel, die sich nicht gezielt an Frauen oder an Männer richtet, und auch nicht so verkauft wird. „MU kann jedem gefallen, der oder die die Geschichte und ihre vielen Schichten versteht“.





In welche Richtung sich Sara und Ana weiterentwickeln wollen
Die künstlerische Weiterentwicklung, die sich mit der Fortsetzung von MU und der geplanten mythologischen Graphic Novel abzeichnet, soll sich aus Sicht von Sara und Ana in den nächsten Jahren fortsetzen. Den Comics werden die Künsterlinnen treu bleiben – aber eben auch drüber hinausgehen. „Wir lieben Musik und würden gerne eine Richtung einschlagen, die zu einer größeren Zusammenarbeit mit Musikern führt. Wir haben das auch schon ausprobiert. In einer Collab hat die Band Hydrogen Open End Songs geschrieben, die man sich anhören kann, wenn man MU liest. Und wir wollen andere Arten entdecken, Geschichten zu erzählen und andere Kulturen erforschen.“
Am Internationalen Frauentag wird das freilich nicht passieren. Der ist für die Schwestern durchaus Feiertag. „Der Osmi Mart, der 8. März ist ein wichtiger Tag in unserer Geschichte. Für uns ist es aber vollem der Tag, den wir mit unserer Mutter und unserer Großmutter verbringen, die uns unterstützen und uns Kraft geben.“
Einen Einblick in die Arbeit von Sara und Ana Živković gibt auch diese Episode von Stripovedać
So unterstützt ihr meine Arbeit
Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das ab sofort auf Buy Me A Coffee tun.
Und wenn euch dieser Beitrag gefällt, bitte teilt ihn auf euren sozialen Netzwerken, lasst ein Like da oder kommentiert.
Entdecke mehr von balkan stories
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
