Teofil Pančić ist tot. Die Nachricht vom Ableben des Journalisten, Schriftstellers und Kritikers aus Serbien löste Dienstagvormittag Trauer in der gesamten Medienlandschaft des ehemaligen Jugoslawien aus. Bekannt wurde er vor allem für seine Kolumnen für die Wochenzeitschrift Vreme.
„Kommt mit, ich bin da auf einer Podiumsdiskussion im Belgrade Design District. Da sind ein paar interessante Leute dabei, auch Teofil Pančić“, hat mich Kultur- und Musikjournalist Petar Janjatović damals eingeladen.
So habe ich Teofil kennengelernt.
2017 muss das gewesen sein, beim Čumić Book Fest. Von dieser Podiumsdiskussion stammt auch das Titelbild.
Kennengelernt ist vielleicht übertrieben. Wir haben damals kurz miteinander gesprochen und uns, denke ich, vielleicht zweimal später persönlich kurz gesehen. Teofil wusste bei diesen Gelegenheiten nachvollziehbarerweise nicht mehr, wer ich bin.
Umgekehrt war das einfacher. Teofil war eine Erscheinung, die du dir merkst. Das lange Haar, der Bart, die bestimmte Art, zu reden, zu gestikulieren.
Damals, bei der Podiumsdiskussion, waren meine Sprachkenntnisse bedeutend schlechter als heute. Ich verstand so gut wie nichts, was Petar, Teofil und die Mitdiskutantin sprachen, deren Namen mir leider entfallen ist.
Die Art, wie Teofil sprach, die machte mir freilich klar: Da sitzt jemand, der hat was zu sagen. Und, noch wichtiger: Da sitzt jemand, der genau hinsieht und sich den Mund nicht verbieten lässt. So etwas spürst du, auch wenn du nur wenig verstehst.
Die wahrscheinlich bekannteste Stimme der Vreme
Immer wieder kamen mir in den Jahren darauf Kolumnen von ihm unter. Diese im kritischen Novi Sader Portal Autonomija etwa. Ich stieß bei einer Recherche darauf, als ich mir ein besseres Bild von Aleksandar Vulin machen wollte, dem Chef der „Sozialistischen Bewegung“, dem politischen Überlebenskünstler, der zu einem integralen Teil des SNS-Systems geworden war.
Und natürlich immer wieder, wenn ich mal im Beograder Wochenblatt Vreme reinschaute. Vreme ist eine der journalistischen Institutionen im ehemaligen Jugoslawien, respektiert von allen, die guten Journalismus schätzen. Teofil war lange der bekannteste Kolumnist des Blattes.
Zuletzt hatte Teofil die Studentenproteste in Serbien mit dem von ihm mitbetriebenen Blog netkolumne aktiv unterstützt. Der Blog wurde zu einer wichtigen Informationsdrehscheibe in dieser in Serbien sehr turbulenten und unübersichtlichen Zeit.
Hier findet man vor allem aktuelle und relevante Interviews und Nachrichten rund um die Proteste.
Vreme war es auch, das die Öffentlichkeit über das Ableben Teofils nach schwerer Krankheit im 60. Lebensjahr informierte.
Trauer im gesamten ehemaligen Jugoslawien
Die Nachricht löste Trauer in der gesamten Medienlandschaft des ehemaligen Jugoslawien aus.
Ob die bosnische Srpska Info, die Nachrichtenagentur Federalna und die angesehene Oslobođenje aus Bosnien, Dnevnik, Jutarnji List und Telegram aus Kroatien, Dan und CDM aus Montenegro – kein Medium der Nachbarstaaten, das etwas auf sich hält, kam ohne Nachruf aus.

Sogar Medien, von denen man nichts hält, und die hoffentlich nichts auf sich selbst halten, wie der Informer oder Pink aus Serbien meldeten Teofils Tod. Medien, die ihn leidenschaftlich gehasst hatten, und für die er keinen Respekt empfand. Letzteres kann man nachvollziehen, ersteres überrascht wenig.
Die Balkanausgabe von Voice of America berichtete ebenso wie die Lokalseite Bijeljina Info.
Das nur eine kleine Auswahl.
Man mag es als tröstlich betrachten oder als ungerecht, dass Teofil nach seinem Ableben mehr Würdigung zukommt als zu Lebzeiten. Die schiere Anzahl an Nachrufen bezeugt freilich, dass er jemand war, an dem man an Journalist oder Kulturschaffender nicht vorbeikonnte.
Teofil prägte das intellektuelle Leben im Sprachraum der Sprache ohne Namen in den vergangenen 30 Jahren entscheidend. Nicht nur mit seinen bekannten und von den Kritisierten gefürchteten und gehassten Kolumnen und Kritiken sondern auch mit 20 Büchern, die er im Lauf der Jahrzehnte veröffentlichte. Einen Überblick bietet der Wikipediaeintrag über ihn.
Der Eintrag war Dienstagnachmittag noch nicht um die Nachricht von seinem Ableben ergänzt worden.
Ein Angriff auf Teofil und die politisch nicht tozukriegenden Figuren der serbischen Politik
Teofils Sprachgewalt und Mut hatten auch ihren Preis. 2010 attackierten ihn zwei Männer mit einer Metallstange – während er in der Autobuslinie 83 in Zemun fuhr. Keiner der Passagiere reagierte, auch der Busfahrer griff nicht ein, schilderte Teofil in einem Interview.
Der Angriff war offensichtlich geplant. Teofil war nicht der Einzige, der vermutete, dass es ein Versuch war, sich für einen seiner Texte zu rächen oder ihn einzuschüchtern.
Der für die Polizeiarbeit politisch Letztzuständige für die Ermittlungen um den Überfall war 2010 ein gewisser Ivica Dačić, Vorsitzender der „Sozialistischen“ Partei Serbiens (SPS), der Partei von Slobodan Milošević. Die Partei ist ihm bis heute tief verbunden.
2025 ist der Innenminister ein gewisser Ivica Dačić, Vorsitzender der SPS.
Die Namensgleichheit ist kein Zufall. Es ist ein- und derselbe Ivica Dačić. In den 15 Jahren bekleidete er diverse Regierungsämter, die letzten 13 Jahre hindurch als Koalitionspartner der Regierungspartei SNS – auch, wenn diese die absolute Mehrheit hatte. So wie heute.
Zwischenzeitlich ebenfalls Innenminister war eine andere dieser politischen Figuren Serbiens, die sich irgendwie immer in Machtpositionen durchwurschteln und politisch trotz zunehmender Irrelevanz nicht totzukriegen sind. Diese Figur heißt Aleksandar Vulin. Seine „Sozialistische“ Bewegung ist übrigens eine Abspaltung der „Sozialistischen“ Partei Serbiens.
Die wechselhafte und gleichzeitig eintönig deprimierende jüngere politische Geschichte des Landes spiegelt sich, wie könnte es anders sein, auch im Leben und Werk des viel zu jung verstorbenen Teofil Pančić.
Dass er sie nicht mehr scharfsinnig, wortgewaltig und mutig kommentieren und auseinandernehmen kann, ist ein Verlust nicht nur für die Medienlandschaft und Kultur des ehemaligen Jugoslawien. Es ist ein Verlust für uns alle.
Solche Beobachter, Beschreiber, Mahner, Kritiker braucht die Welt, auf dass sie nicht stehenbleibt und sich damit zurückentwickelt.
Neka ti je laka zemlja, Teofile.
Eine ausführliche Würdigung könnt ihr bei Vreme lesen.
Auch das kroatische Portal Lupiga würdigt Teofil in einem einfühlsamen und informativen Nachruf.
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