Serbiens Studenten und weite Teile der Bevölkerung sind auch nach einem Wochenende der Großdemonstrationen nicht müde, für Demokratie, Rechtstaat und gegen Korruption auf die Straße zu gehen. Und wenn der Protest in dem einem oder anderen Dorf noch so klein ausfällt.
Am Montag steht Vojkan Denić alleine bei der Apotheke an der Hauptstraße von Doljevac. Keine 1.500 Einwohner hat das Dorf in der Nähe von Niš. Unverdrossen hält Vojkan ein Schild mit einer roten Hand in die Höhe. Ein Sympathisant oder eine Sympathisantin fotografiert.
Vojkan ist Sympathisant der Stranka Slobode i Pravde, der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit, einer der zahlreichen serbischen Oppositionsparteien.
Die roten Hände, sie sind das Symbol der serbischen Revolution. Begonnen haben sie als Proteste und Schweigeminuten nach dem Einsturz des Bahnhofsvordachs von Novi Sad am 1. November. Die Trümmer erschlugen 15 Menschen.
Die roten Hände, sie stehen für das Blut, das nach Ansicht weiter Teile der Bevölkerung die an den Händen haben, die die Renovierung des Bahnhofs mit schleißiger Bauaufsicht in Auftrag gaben, erlaubten, dass die chinesischen Generalunternehmer Aufträge an lokale Firmen zu fragwürdigen Bedingungen weitergaben, Firmen, von denen die eine oder andere eine Nähe zu Serbiens Regierungspartei SNS hat.
Ein gängiges System, wie Ermittlungen ergeben haben, wie die Staatsanwältin Bojana Savović am Sonntag in einem Interview mit dem Sender N1 sagte. Und genau genommen nichts Neues. „Einige dieser Dinge waren seit Jahren bekannt, und wir erwarten wirklich eine Antwort auf all diese Fragen“, kritisierte sie auch die üblichen Korruptionsermittlungen im Land. Savović ist nicht mit den Ermittlungen zum Unglück von Novi Sad befasst.
Die Zeitschrift NIN hatte sie im Vorjahr zum Mensch des Jahres gekürt – für ihre Unbestechlichkeit und ihren Mut, Missstände im Justizsystem anzusprechen. In einem Interview gibt sie Einblick in die Probleme in der serbischen Justiz. Fehlende Unabhängigkeit sei eines, sagt sie.
Vojkan war am Montag beileibe nicht der Einzige, der auf der Straße seinen Unmut gegen diese Zustände zum Ausdruck brachte.
Es sind alle Landesteile, Groß- und Kleinstädte und Dörfer
In Prijepolje im Sandžak waren es laut auf Twitter/X veröffentlichten Videos zumindest hunderte Menschen, vielleicht auch 1.000. Die Stadt hat 12.000 Einwohner. In Savino Selo in der Vojvodina mit 3.800 Einwohnern gingen wohl 2- bis 300 Menschen auf der Straße. In Ub in Westserbien mit knapp 6.000 Einwohnern werden es wohl 500 gewesen sein. In Pančevo in der Vojvodina marschieren Montagabend mehrere tausend Demonstranten durch die Innenstadt.
Im kleinen Lajkovac in Westserbien mit 3.200 Einwohnern sind hunderte auf der Straße, vielleicht sogar 1.000 Menschen. Es ist eine Menge, die sich nur mehr schwer abschätzen lässt.
Es sind wenige Studenten dabei, sichtbarerweise sind die Demonstranten hier die Einwohner der jeweiligen Gemeinden. Oft sind es ältere Menschen.
In Kruševac gehen die heurigen Maturanten der Medizinischen Schule auf die Straße, um die Forderungen der Studenten zu unterstützen. Und das, nachdem es erst Sonntagabend eine Großdemo in der Stadt gegeben hatte, Mit den Maturanten viele Lehrer, Eltern, Stadtbewohner.
Auch in Valjevo protestieren Schüler, Studenten und Beschäftigte des Krankenhauses. Auch dort gab es erst am Sonntag eine Großdemo.
In Beograd kommt es zu mehreren Protesten. Tausende versammeln sich vor dem Plato, direkt beim Eingang zur Philosophischen Fakultät der Universität Beograd. Der Studenski trg ist voll. Parallel blockieren Künstler, Kulturarbeiter und Studenten den Eingang des Kulturministeriums. In Grocka blockieren Schüler am Nachmittag eine Straße nach Novi Sad. Am Abend setzen sich im Stadtteil Zvezdara tausende auf einem Protestmarsch in Bewegung. In Ušće sind es hunderte.
Weitere Aktionen, groß und klein, gibt es in Sombor, Subotica, Šabac, Čačak, Surdulica, Omoljica, Vranje, Kraljevo, Vršac, Perlez, und wie sollte es anders sein, in Novi Sad. In vielen dieser Orte hatte es erst Sonntag Protestmärsche oder Standdemonstrationen gegeben – teils mit tausenden Teilnehmern wie in Čačak und Vršac. Von Novi Sad ganz zu schweigen.
Neuerlicher Übergriff in Novi Sad
Dort attackiert ein junger Autofahrer eine Gruppe Schüler und Ordner, die auf der Straße in 15 Schweigeminuten der Opfer des Unglücks vom 1. November gedenken. Ein Video des Übergriffs wird auf X/Twitter geteilt – ausgerechnet von einer Userin, die sich Kosovo je srce Srbije nennt.
Das sind nur die Proteste, die Balkan Stories bei halbwegs oberflächlicher Recherche bekannt wurden.
Es sind alle Landesteile, es sind Groß- und Kleinstädte, es sind Dörfer.
Überall macht sich der Unmut gegen das politische System um Serbiens Präsidenten Aleksandar Vučić Luft.
Dass die Proteste nachlassen, ist nicht zu erwarten
Und das ist nur der Montag. Der Tag, an dem wohl am wenigsten auf die Straße gegangen wird. Viele Menschen sind nach den Massenprotesten vom Wochenende erschöpft, wo an jedem Tag buchstäblich hunderttausende Menschen auf der Straße standen.
Man sieht es auch in Doljevac. Vojkan war am Montag alleine. Am Freitag standen mehrere Demonstranten mit ihm vor der Apotheke. Sieben Protestierende in einem Dorf mit nicht einmal 1.500 Einwohnern. Nicht viel vielleicht, aber ein Zeichen, dass es wohl keinen Ort in Serbien gibt, an dem sich der Protest gegen das System Vučić nicht schon artikuliert hat.

Wie tief die Unterstützung der Bevölkerung für die Proteste der Studenten ist, und wie sehr das längst Volksbewegung und Revolution geworden ist, zeigt vielleicht auch der Umstand, dass am Sonntag hunderte Taxifahrer aus Beograd nach Novi Sad fuhren, um Beograder Studenten kostenlos heimzubringen, die am Wochenende die Novi Sader Studenten bei der Blockade dreier Donaubrücken unterstützt hatten.
Versuche von Aleksandar Vučić, die Bewegung zu spalten, sind am Montag ins Leere gelaufen. Die Rektorenkonferenz der Beograder Unis wies sein Angebot vom Sonntag zurück, mit ihm über die nicht erfüllten Forderungen der Studenten zu verhandeln. Die Studenten hätten das Angebot zurückgewiesen. Vučić sei schon rein rechtlich nicht zuständig. Man wolle den Studenten nicht in den Rücken fallen, richteten die Rektoren dem Präsidenten aus.
Dass die Proteste in nächster Zeit nachlassen, ist angesichts dieser Ereignisse nicht zu erwarten.
Egal, wie viele Menschen in seinem Dorf Zeit haben – Vojkan wird wohl nie allein sein in seinem Protest gegen die alltägliche Korruption in Serbien.
Alle Fotos: Twitter/X-Profil von Vojkan Denić
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Was für ein toller Rückhalt der Bevölkerung gegenüber der Studierenden-Proteste! 😃