Würdigung eines zu spät Entdeckten

Am Montag erfuhr die Welt, dass Ismail Kadare verstorben ist. Er war der bekannteste zeitgenössische albanische Schriftsteller, und wahrscheinlich international der bedeutendste albanische Autor überhaupt. Entdeckt habe ich ihn leider erst spät, und bislang nur durch ein einziges Buch.

Vielleicht viel albanisches Klischee, aber schauen wir mal. So dachte ich, als mir in der Buchhandlung im Pallati i Kulturës in Tirana im August eine deutsche Übersetzung von Prilli i thyer in die Hände fiel. „Der zerrissene April“ von Ismail Kadare.

Den Namen des Autors hatte ich noch nie gelesen, was wenig überrascht: Wie für die meisten Westeuropäer war Albanien bis zu meinem ersten Besuch ein sehr blinder Fleck. Der Besuch hatte auch das Ziel, ein bisschen Blindheit zu vertreiben.

„Der zerrissene April“ behandelt das Schicksal des jungen Gjorgj Berisha, eines Bewohners des albanischen Berglands. Er muss dem Kanun gemäß den Mörder seines Bruders töten. Und wird mit diesem Akt der Blutrache selbst zum Ziel des nächsten Akts der Blutrache.

Geht mehr Klischee? Sogar mein Urgroßvater hat die albanische Blutrache in einer Geschichte erwähnt, in der er ein Weihnachtsfest seiner österreichischen Familie in Albanien beschrieb. Eine beiläufige Erwähnung, nebenbei, und aus den 1930-ern.

Aber bei Vorstellungen über albanisches Gesellschaftssystem und Traditionen ist das so ziemlich das erste, was einem Westler einfällt. Und so manchem Balkanesen ebenso.

Nun ergeben Klischees bekanntermaßen große Romanvorlagen. Manche würden sagen, die besten überhaupt. Das Publikum lebt sich schnell ein. Und wenn man mit den Klischees spielt, sie auseinandernimmt, aneinander reibt, gegeneinander ausspielt, auf den Kopf stellt, kann große Literatur daraus werden.

Hoffnung, Romantisierung und brutale Rückständigkeit

Das ist Kadare mit dem „Zerrissenen April“ gelungen – auch dank Joachim Röhm, der eine hervorragende und sprachgewaltige Übersetzung geliefert hat. Archaisch, so wie der Brauch.

Man übt dort keine Blutrache. Man liegt miteinander im Blut.

So liest sich das etwa im Klappentext des S Fischer Verlags:

„Zwei Familien hoch oben in den albanischen Bergen sind seit Jahren miteinander im Blut. Auf dem Friedhof sind je vierzig Opfer bestattet. Jetzt ist Gjorg Berisha an der Reihe zu morden. Nach der Tat bleiben ihm nur 30 Tage Frist, bevor auch er umgebracht wird. »Der zerrissene April« ist ein Roman von archaischer Wucht.“

Kadare lässt die Klischees aufeinanderprallen, dass es eine Freude ist. Da der junge Gjorgj, der nicht will und muss. Wichtig, dass er Katholik ist. Ali Binaku, Streitschlichter für Konflikte nach dem Kanun, der unter anderem auch die 70 Jahre dauernde Fehde zwischen den Berishas und den Kryeqyqes schlichten will, ist Muslim. Das unterstreicht, dass die Rückständigkeit tief verwurzelt ist, und kein Phänomen, das sich mit Religion erklären ließe.

Die zweite Hauptfigur ist Diana Vorpsi, die Frau des Schriftstellers Besian Vorpsi aus Tirana. Besian zwingt sie praktisch zur Hochzeitsreise ins Hochland. Er ist vom Kanun fasziniert, und vor allem von der Blutrache. Der gebildete Städter, der im albanischen Königreich die brutalen Hochlandbewohner romantisiert und exotisiert, und seine schöne junge Frau durchaus auch gerne zur Schau stellt.

Gjorgj und Diana sehen sich einmal. Kurz. Sehr kurz. Sie kommen nicht mehr voneinander los.

Die tragische Liebe. Sie muss unerfüllt bleiben. Auch ein Klischee. Ein altes. Klug eingesetzt. Hoffnung, die genommen wird. Erst das macht Verzweiflung. Wer nicht weiß, dass es sie gibt, nimmt Umstände hin, so trist sie auch sein mögen. Oder so brutal.

Ohne die Begegnung der beiden wäre Gjorgjs Schicksal bestenfalls halb so tragisch.

Der historische Hintergrund

Um in diesem Roman mehr zu sehen als eine gut geschriebene und gut übersetzte Tragödie, hat man idealerweise nicht nur ein wenig Ahnung von literarischer Interpretation sondern ein wenig marxistische Literatur gelesen.

Nicht nur die traditionelle albanische Blutrache macht für Kadare den Kanun zu einem Übel – anders als etwa in muslimischen Traditionen erstreckte sich die albanische Blutrache über mehrere Generationen. Der Rächer wurde immer das nächste Opfer. Und wenn nicht er, so der nächste männliche Verwandte.

Kadare führt vor allem durch die Sicht von Besian Vorpsi das gesamte soziale System vor, das den Kanun erzeugt, und das der Kanun aufrechterhält. Ein feudales System mit starken Clanelementen, in dem die Grundherren die oberste Gerichtsbarkeit ausüben. Erst, wer bei ihnen den Anspruch auf Blutrache anmeldet und bezahlt, darf töten.

Die Grenzstreitigkeiten für kleine Grundstücke, die dürfen sich die Dörfer gemäß Kanun alleine ausmachen.

So tief die ungebildeten Hochlandbewohner auch drinstecken mögen, im eigenen archaischen Rechtssystem: Es sind die Grundherren, die es am Leben erhalten, und die von ihm leben.

Prilli i thyer ist 1978 in Albanien erschienen, als „Zerrissener April“ 1980 auf Deutsch. Mitten im Versuch des rücksichtslosen Regimes von Enver Hoxha und seiner Partei der Arbeit, eine autarke albanische Gesellschaft auf staatskommunistischer Grundlage zu formen – Arbeitslager und Verfolgung von Dissidenten und ihrer Familien inklusive.

Rücksichtslos war das Regime auch in seinem vielleicht einzig positiven Aspekt: Im Kampf gegen den archaischen Kanun.

Vor diesem Hintergrund ist der „Zerrissene April“ zu lesen.

Mitläufer oder Dissident? Oder beides?

Kadares Haltung zum kommunistischen Regime Enver Hoxhas war zwiespältig. In seinen Romanen verpackte er viel Kritik an Überwachungsstaat und Leben in einem totalitären Regime. Den sozialistischen Realismus als Stilform lehnte er aus Überzeugung ab.

Mehrere seiner Schriften wurden in Albanien verboten. Gleichzeitig war er einer der wenigen Albaner, die die nach dem Bruch Albaniens mit der Sowjetunion ins Ausland reisen durften. Mehrmals war er in Frankreich – wohin er auch einige seiner kritischeren Manuskripte schmuggelte. Er durfte auch im Ausland publizieren. Vor allem in Frankreich machte ihn das zum gefeierten Schriftsteller.

In Deutschland, Ost und West, fremdelte man lange mit dem in Gjirokaster geborenen Autor. Die DDR tat sich wie der gesamte Warschauer Pakt grundsätzlich schwer mit Albanien. In der BRD galt er eher als Profiteur des Systems, diversen kritischen Schriften zum Trotz.

Kadare unterhielt gute Kontakte zu Menschen in Schlüsselpositionen – etwa hier mit Dritëro Agolli (2.v.r.), dem zweiten großen albanischen Schriftsteller der Ära. Agolli war auch Vorsitzender des Schriftstellerverbandes des sozialistischen Albanien. Kadare saß im Verbandsdirektorium.

Ismail Kadare, Dritëro Agolli, Lazër Stani und Aziz Nesin. Fotograf unbekannt. Creative Commons Lizenz CC BY-SA 2.0

Von 1970 bis 1982 war er auch Mitglied des albanischen Parlaments.

In den 1980-ern hielt sogar Enver Hoxha seine schützende Hand über Kadare. Während einer Säuberungsaktion in der zweiten Reihe der Partei geriet auch Kadare ins Visier der Parteiideologen. Sie bereiteten einen Prozess vor, in dem Kadare zum Dissidenten erklärt werden sollte.

„Dem Westen gebe ich keinen Dissidenten“, würgte Hoxha die Diskussion ab. Wohl wissend, dass Kadare ein solcher war. Diesem Bericht aus dem Jahr 2016 zufolge schrieb Hoxha 1976 in sein Tagebuch: „Es ist klar, dass Kadare konterrevolutionär ist, er ist gegen die Diktatur des Proletariats, gegen die Gewalt und Unterdrückung von Klassenfeinden, er ist gegen den Sozialismus im Allgemeinen und in unserem Land im Besonderen“.

Erst in den 1990-ern distanzierte sich Kadare öffentlich vom Hoxha-Regime.

„Der zerrissene April“ lässt sich mehrfach deuten

Dass seine Haltung zum Regime von Enver Hoxha im Besonderen und möglicherweise zum Sozialismus im Allgemeinen differenziert war, zeigt auch eine genaue Lektüre des „Zerrissenen April“.

Der Roman ist eindeutig eine Kritik an einer rückständigen und grausamen albanischen Gesellschaft in den 1920-ern und 1930-ern. In diesem Sinne bezieht er sich positiv auf die vielleicht einzige positive Errungenschaft des Hoxha-Regimes.

Gleichzeitig lässt er sich auch als Totalitarismus-Kritik lesen. Der „Verwalter des Blutes“, der kaltherzige und auf Eigennutz bedachte Mitarbeiter des Feudalherren, steht nicht nur für das alte ländliche Albanien, dessen Rückständigkeit Hoxha ausmerzte. Er steht auch für die Überwachungsmaßnahmen des neuen Albanien Enver Hoxhas.

Der Schriftsteller Besian Vorpsi ist nicht nur der Romantisierer, der Tölpel, der über seiner Begeisterung für den Edlen Wilden und seine Sitten die Frau verliert. Er ist auch der Mitläufer, der dem eigenen Ruhm zuliebe ein brutales System ästhetisiert. Vielleicht ist er Kadare selbst. Vielleicht ist er Dritëro Agolli.

Blutrache und Kanun mögen die prägendsten Klischees sein, die man zumindest im Westen von Albanien hat. Mit „Der Zerrissene April“ schält Kadare aus diesen Klischees nicht nur einen spannenden Roman. Er hält sowohl dem westlichen Leser wie der eigenen Gesellschaft den Spiegel vor. Das schaffen nur wenige Schriftsteller.

Einer dieser Schriftsteller ist einer dieser Schriftsteller von uns gegangen. Er wird zurecht als einer der größten Autoren seines Landes in Erinnerung bleiben.

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Titelfoto: (c) Adam Jones auf Wikimedia Commons, Lizenz CC BY-SA 2.0


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