Einwohner von Novi Beograd und Antifaschisten gedenken Tomo Buzovs in Novi Beograd

Zug 671, Beograd – Bar

Einwohner von Novi Beograd haben diese Woche Tomo Buzovs gedacht. Vor 21 Jahren war der pensionierte Hauptmann der JNA zusammen mit 19 Bosnjaken in Štrpic in Bosnien aus einem Zug von Beograd nach Bar entführt worden. Er kam nie an seinem Ziel Podgorica an. Eine Geschichte von Verrat, Heldentum, Vergessen und ein paar anständigen Menschen.

„Abdić, ko je Abdić?“, rufen bewaffnete junge Männer durch Zug 671 von Beograd nach Bar.

„Abdić, wer ist Abdić?“

Der Zug hat bei Štrpic in der Nähe von Višegrad gehalten.

Zug 671 hält nie hier.

Es ist der 27. Februar 1993.

„Bakija… Kusović… Softić…“, schallt es durch den Zug.

Auch in das Abteil von Tomo Buzov kommen die Milizionäre. Sie sind aus Serbien. Das hört man.

Spätestens jetzt ist den Passagieren von Zug 671 klar, dass niemand hier Deserteure sucht. Dass der Schaffner ihre Namen nicht auf die Zugtickets geschrieben hat, um eine Untersuchung gegen einen Schmugglerring zu unterstützen.

Sie suchen Muslime.

Jeder weiß von den „ethnischen Säuberungen“

Es ist 1993. Im zerfallenden Jugoslawien weiß jeder von den „ethnischen Säuberungen“. Von Massenmorden.

Am 20. Juli hatten serbische Nationalisten fast 5.000 Menschen in Prijedor in Nordbosnien getötet. Die allermeisten Opfer waren Bosnjaken.

Jeder weiß, dass man wegen seiner ethnischen Zugehörigkeit wegen ermordet werden kann. Jeder weiß, was mit Aleksandra Zec aus Zagreb passiert ist.

Auch in Buzovs Abteil nennen sie zwei Namen. Muslimische Namen.

Buzov stellt sich den Bewaffneten entgegen

Buzov steht auf, wird es später heißen. „In welcher Armee bist du? Hört auf, gibt es in diesem Land irgendein Gesetz“, fragt er einen der jungen Männer, der eine Waffe in der Hand hält.

Der sagt ihm, er soll sich setzen. Buzov sagt ihm, er sei Offizier, „Setz dich hin, dir wird nichts passieren.“

Buzov bleibt stehen. Er kann nicht anders.

Die Milizionäre zwingen ihn, gemeinsam mit 19 Leuten auszusteigen, die sie aus dem Zug entführen.

Die Gruppe muss auf einen Lkw steigen.

Späteren Zeugenaussagen werden sie am selben Tag ausgeraubt, geschlagen und ermordet. Ihre Leichen wirft man in die Drina. Buzovs Leiche wird nie gefunden.

Zug 671 setzt seine Fahrt fort.

Erst fünf Jahre später herrscht traurige Gewissheit

Buzovs Sohn Darko wartet vergeblich am Bahnsteig in Podgorica auf seinen Vater. Der war seinetwegen in den Zug gestiegen, um ihn kurz vor seiner Abrüstung bei der JNA zu besuchen und das neue Leben danach zu planen.

Fünf Jahre lang suchen Darko und seine Mutter Koviljka nach Tomislav Buzov. Erfahren immer wieder von Gerüchten, die sie hoffen lassen, er lebe noch.

Erst beim Prozess gegen Nebojša Ranisavljević erfährt die Familie, dass Tomo Buzov Opfer eines lange geplanten Massakers an Bosnjaken durch eine paramilitärische Miliz geworden ist.

Osvetnici nannten sich die Schlächter. Rächer.

Die Einheit stand unter Befehl von Milan Lukić. Lukić und acht Angehörige der Miliz werden in mehreren Prozessen zwischen 1998 und 2022 wegen des Massakers zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Bis heute weiß man nicht genau, was im Zug passiert ist. Fest steht nur, dass nur eine kleine Anzahl der Passagiere von Zug 671 ihre Stimme gegen die Entfürhung von Muslimen erhoben hat. Entgegengestellt hat sich den Angreifern einzig und allein Tomo Buzov, pensionierter Hauptmann der JNA, geboren in Novi Kaštel, wohnhaft in Novi Beograd.

„Er hat sich wie ein Vater verhalten“, wird später sein Sohn Darko erzählen. Einer der Passagiere, den die „Rächer“ aus dem Zug entführen wollen, ist ein halbwüchsiger Bub.

Das lange Schweigen zu Tomo Buzov

Lange spricht außer seiner Familie kaum jemand über ihn.

„Buzov war Kroate“, schreibt Boris Dežulović in einem phänomenalen Text auf Mreža, „aber Kroatien hat noch nie von ihm gehört, sein Tod geht sie überhaupt nichts an.“ Und: „Er war ein Kroate aus Kaštel, er wurde von Tschetniks getötet, aber weder Kroatien noch sein Kaštel Novi erinnern sich an ihn, weil er in Belgrad lebte und weil er ein JNA-Offizier war. Weder Belgrad noch Serbien erinnern sich an ihn. Obwohl er Offizier war und sein Sohn in ihre Armee eintrat, erinnern sie sich nicht an ihn, weil er Kroate war und sich einem serbischen Soldaten widersetzte. Die Fahrgäste aus Zug 671 erinnern sich nicht an ihn, weil sie Angst hatten und auf den Boden schauten. Keiner der Überlebenden erinnert sich an ihn, denn er hat niemanden gerettet. (…) Nicht einmal zufällige Spaziergänger werden sich an ihn erinnern, denn es gibt weder ein Grab noch eine Flagge. Am Ende wird er nicht einmal aus den Chroniken sinnloser Todesfälle in Erinnerung bleiben, weil es zu viele davon gibt und jeder einem anderen gehört und alle Erinnerungen belegt sind. Tomislav Buzov aus Kaštel gehört einfach niemandem.“

Das ändert sich erst 2021.

Auf Initiative von Robert Coban lässt der damalige Bezirksvorsteher von Novi Beograd, Aleksandar Šapić, eine Bronzetafel zur Erinnerung an Tomo Buzov an dessen Wohnhaus anbringen. Šapić ehrt Buzov bei der Enthüllung für dessen „mutige Geste“.

Seitdem finden dort jährlich am Todestag Buzovs Gedenkfeiern statt.

Zwischenzeitlich wurde die Tafel gestohlen, allerdings durch eine neue ersetzt.

2023 erinnerte mit Slobodna Dalmacija auch erstmals ein kroatisches Medium prominent an Tomo Buzov, den pensionierten Hauptmann der JNA, der ermordet wurde, weil er gegen den geplanten Mord an muslimischen Mitbürgern die Stimme erhob.

Eine der treibenden Kräfte, die Erinnerung an ihn aufrechtzuerhalten ist Dobrica Veselinović, ein Lokalpolitiker von der Zeleni Levi Front. Er ist jedes Jahr bei den Gedenkfeiern.

Das öffentliche Gedenken an den Helden Tomo Buzov ist nach wie vor ein Randphänomen. Aufrechterhalten von ein paar anständigen Menschen.

Wie überall sonst sind sie in der Minderzahl.

Wie auch Tomo Buzov in der Minderzahl war, auf seiner Fahrt in Zug 671 von Beograd nach Bar.

Im ehemaligen Jugoslawien sehen sich die paar Anständigen mit einer Mauer des Schweigens konfrontiert, rennen gegen revisionistische Geschichtsschreibungen an, in denen alle Opfer sind und nie jemand Täter war.

Wenn jemals eine Chance bestehen soll, dass sich das ändert, muss es diese paar Anständigen geben. Sollten sie alle unterstützen, die vielleicht nicht selbst den Mut haben, den Mund aufzumachen gegen gegenwärtiges Unrecht und vergangenes. Aber die zu einer Gedenkfeier gehen können. Bei einer Sammlung für eine Gedenktafel spenden. Oder den paar Anständigen danken für das, was sie tun.

Und vor allem: Im nächsten Zug 671 aufstehen, wenn ein neuer Tomo Buzov protestiert, dass Bewaffnete Zivilisten aus dem Zug holen wollen. Wenn erst 20 Leute stehen, oder 30, geben auch selbst ernannte Rächer kleinbei.

Eines ist leider gewiss: Es wird wieder einen Zug 671 geben. Er fährt vielleicht nicht von Beograd nach Bar. Vielleicht fährt er in Berg-Karabach. Vielleicht in Südossetien, vielleicht in Burkina Faso. Die Wahl an Routen ist leider beträchtlich.

Titelfoto: Dobrica Veselinović

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Ein Gedanke zu “Zug 671, Beograd – Bar

  1. Sehr traurig, wie Helden vergessen werden und gleichzeitig Verbrecher wie Mladic als solche gefeiert werden. Generell wurde dieser Vorfall vertuscht und wird kaum thematisiert, selbst unter Bosniaken nicht. Es kommt nirgends vor – ich habe erst vor zwei Jahren als Bosniakin aus dem Sandzak (die meisten Opfer waren ja Sandzaklije aus Prijepolje) davon erfahren. Man versucht bewusst, die Geschichte auszuradieren, um sich bloß nicht damit auseinandersetzen zu müssen. Denn die Auseinandersetzung damit reißt Wunden auf oder vermittelt bei Tätern Scham und Schuldgefühle, während bei Opfern Gefühle von Angst und Retraumatisierung auftreten (auch Sekundär(re)traumatisierung bei den Nachfahren), weshalb kaum jemand darüber spricht. So geraten dann wirkliche Helden wie Tomo in den Hintergrund. Man muss sich das mal vorstellen, wie viel Mut dieser Mensch gehabt hat. Wahnsinnig inspirierend.

    Hier ein guter Blogpost zum Thema: https://mdurak.com/portfolio/prijepolje

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