Vom Verbleichen der Großen Zeit

Der „Džudo klub Trudbenik“ war lange eines der sportlichen Aushängeschilder von einem von Jugoslawiens größten Baukonzernen. Bislang trotz er seiner Abwicklung. Reportage.

„Kommt rein, schaut euch unsere Pokale an. Wir haben auch einen Weltmeister trainiert“. Predrag wirkt sehr enthusiastisch, als er uns an diesem Samstagvormittag in die Klubräumlichkeiten des Judoklub Trudbenik im Beograder Stadtteil Stadtteil Konjarnik einlädt.

Nikola und ich hatten ein paar Fotos vom unscheinbaren Eingang des Klubs samt verblassendem Namen gleich neben der ehemaligen Barackensiedlung für die Montagearbeiter des Baukonzerns Trudbenik gemacht.

Der 1989 gegründete Judoklub ist einer der sportlichen Erben Trudbeniks, das seinerzeit einer der größten Baukonzerne Jugoslawiens war. Betriebs- und Arbeitersport hatten einen hohen Stellenwert im sozialistischen Staat.

Drinnen begrüßen uns Trainer Jožef Balint und seine zwei Hunde.

„Willkommen“, sagt Jožef und freut sich sichtlich über die zwei Gäste, die unerwartet hereingeschneit sind.

„Da schaut mal“, sagt Predrag und zeigt in den Hauptsaal des Klubs. „Den kennt ihr doch sicher“.

Nikola Kojo, bekannter Schauspieler in Ex-Jugoslawien, posiert mit zig Medaillen für ein Foto. Er hat hier trainiert.

Der bekannte serbische Schauspieler Nikola Kojo im Judoklub Trudbenik

Unter anderem hat er sich hier für den Film Parada vorbereitet. Ein Making of-Foto ziert die Wand.

Making of-Foto aus dem serbischen Film Parada, unter anderem mit Schauspieler Nikola Kojo

Wo Platz ist, stehen Pokale, hängen Diplome und Medaillen.

„Und das ist unser Weltmeister“, ist Predrag stolz.

Aleksandar Kukolj errang 2017 den ersten Platz weltweit in seiner Gewichtsklasse.

Foto von Judo-Weltmeister Nikola Kukolj

„Der hat bei uns als kleiner Stoppel angefangen“, schwelgt Jožef in Erinnerungen.

„Wann hat er denn angefangen mit Judo“, fragt Nikola.

„Das muss im Jahr 2000 gewesen sein“, sagt Jožef.

Als Kampfsport in Serbien populär wurde

Damals war Kampfsport in Rumpfjugoslawien und den anderen Nachfolgestaaten Jugoslawiens sehr beliebt. In Serbien mehr vielleicht als anderswo.

Zwei Männer stehen in einem Raum mit Pokalen im Hintergrund. Der Mann links trägt eine Fußballjacke und hält Fotografien in der Hand. Der Mann rechts trägt eine Weste und steht nah neben ihm.

Für Judo-Trainer wie Jožef war es eine goldene Zeit.

Die Beliebtheit des Kampfsports, die hatte auch mit den eher bewegten 1990-ern zu tun.

Unter Slobodan Milošević hatte es sich das Organisierte Verbrechen behaglich eingerichtet in Serbien. Für den ambitionierten Nachwuchs-Mafioso gehörte mindestens eine Kampfsportart zum guten Ton.

Siehe etwa den Essay Asphalt Hyänen von Bogumil Balkansky. Zwei Leseproben aus dem Buch über Serbiens Unterwelt und ihre Verstrickungen mit dem damaligen Regime könnt ihr auf Balkan Stories nachlesen.

Teil 1 gibt es hier.

Hier geht es zu Teil 2.

Auch einige von Jožefs Schützlingen aus dieser Zeit schlugen einen nicht völlig geraden Lebensweg ein.

Die Geschichte von zweien dieser Nachwuchstalente führt in einem Nebenstrang zum wahrscheinlich bekanntesten Foto von Sami, dem Schimpansen Das würde diesen Rahmen aber sprengen.

Jožef zeigt uns auf seinem Handy stolz Fotos, wo auch die beiden drauf sind.

Der Gangster-Chic machte Kampfsportarten auch bei Jugendlichen beliebt, die ihre Karrieren nie im damals allmächtigen Organisierten Verbrechen Serbiens sahen. Einer war Aleksandar Kukolj.

Seit Corona steht der Trainingsbetrieb weitgehend still

Jožef und Predrag führen uns in den Trainingssaal. Jožefs Hunde umschwanzeln uns freudig. Der Große riecht genüßlich an Predrag.

Drei Personen stehen in einem blauen Raum mit gelben Matten. Zwei Hunde, einer schwarz und einer weiß, sind ebenfalls im Raum. Im Hintergrund sind Reinigungsgeräte und eine Tür mit einem Sportvereinslogo zu sehen.

Groß trainiert wird hier seit geraumer Zeit nicht mehr.

„Corona, das war so eine Zäsur“, schildert Predrag. „Seitdem tut sich hier nicht mehr viel“.

An regelmäßigen Tätigkeiten gibt es die zweiwöchigen Treffen des inoffiziellen Klubveteranenvereins.

Alte Größen des Džudo klub Trudbenik treffen sich im großen Saal, tauschen alte Geschichten aus, essen Prasetina und trinken. Oft gibt es Guzla-Musik.

Welchen Staat man hier hochleben lässt

Über dem Kopfende der Tafel hängen die Fahnen Serbiens und Montenegros.

Auf der linken Seite, zwischen den Fenstern, gibt es eine große Karte des Staates Srbija i Crna Gora – Serbien-Montenegro.

So hieß Rumpfjugoslawien offiziell zwischen 2003 und 2006. 2006 verabschiedete sich Montenegro nach einer Volksabstimmung aus der Union.

Wand mit der Beschriftung C.K. 'TRUDBENIK' in blauer Schrift, neben einer serbischen und montenegrinischen Flagge sowie einem gerahmten Bild einer Person.

Einer der größten Baukonzerne Jugoslawiens

Lange ist sie her, die große Zeit des Baukonzerns.

Zehntausende Wohnungen und Gebäude errichteten die Arbeiter von Trudbenik seit den späten 1940-ern im ganzen Land. Zig Bauprojekte führten sie in befreundeten Staaten wie Ägypten durch.

Jožef war den Großteil seines Erwerbslebens bei Trudbenik beschäftigt. Unter anderem war er für eine der Sicherheitsabteilungen des Konzerns zuständig. Als aktiver Judoka – unter anderem war er Anfang der 1970-er jugoslawischer Vizemeister in seiner Gewichtsklasse – eine naheliegende Berufswahl.

Judotrainer war er in jugoslawischen Zeiten nebenbei, teilweise ehrenamtlich.

Judo-Trainer Jožef Balint im leeren Trainingssaal des Judoklub Trudbenik

Sprska priča. Eine serbische Geschichte.

Mit dem Ende Jugoslawiens geriet der Konzern in Straucheln. Wurde in mehreren Nachfolgestaaten in Nachfolgegesellschaften filletiert.

In Serbien hielt sich Trudbenik als Konzern in einer Größe, die seine Privatisierung 2008 zu einem Prestigeprojekt der damaligen Regierung werden ließ. Es war eine der „24 Privatisierungen“, die die serbische Wirtschaft in die neoliberale kapitalistische Weltordnung einfügen sollten.

Zu den Firmen gehörten damals unter anderem der Beograder Hafen, die Zeitung Novosti, der Mobilfunkanbieter Mobtel, die Nationalsparkasse.

Ein Baukonzern namens Montera kaufte Trudbenik. Der Konzern geriet ins Schlingern. Die neuen Eigentümer setzten die Arbeiter unter Druck, wollten Löhne kürzen, Sozialleistungen abbauen, zahlten monatelang keine Löhne aus. Die Arbeiter streikten. Monatelang.

Der Kommentar eines der damaligen Organisatoren des Streiks in der Tageszeitung Danas aus dem Jahr 2014 liefert tiefe und verstörende Einblicke, wie sich der neue Eigentümer gebärdete.

Nach langen Arbeitskämpfen meldete Monterra in Serbien Konkurs an. Trudbenik wurde erneut verkauft.

Ruhiger wurde es nicht.

Die alten Barackensiedlungen gleich neben dem Judoklub sind eine weitere Facette der skandalträchtigen Trudbenik-Saga nach dem Ende Jugoslawiens. Man könnte es als sprska priča bezeichnen, als serbische Geschichte.

Errichtet wurden sie für Trudbenik-Arbeiter, die auf Montage in der damals jugoslawischen Hauptstadt arbeiteten. Später zogen 32 Familien dauerhaft ein. Großteils sind es die Familien von Beschäftigten des Konzerns.

Trotz gegenteiliger Auflagen bei der Privatisierung wollte der neue Eigentümer Montera die Siedlung räumen lassen. Das scheiterte bislang am Widerstand der Bewohner, von Kollegen von Trudbenik und von Aktivisten.

Siehe etwa diese Reportage von Danas aus dem Jahr 2018.

War die Skandalserie bis zu diesem Zeitpunkt mit der bis 2012 regierenden Demokratischen Partei verbunden, wurde sie jetzt zu einem Skandal des Regimes von Serbiens Präsident Aleksandar Vučić und seiner Partei SNS.

Die war seinerzeit angetreten, um die korruptionsverseuchten „24 Privatisierungen“ rückabzuwickeln und die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen. Eingelöst wurden die Versprechen selbst bei freundlichster Betrachtung höchstens in homöopathischen Dosen.

Die Anrainer der Trudbenik-Barracken wurden schlicht alleinegelassen. Nach wie vor ist geplant, die Baracken zugunsten eines weiteren Immobilienentwicklungsprojekts in Beograd abreißen zu lassen. Das Einzige, was sich geändert hat, ist, welcher Partei der Immobilienentwickler nahesteht.

Beobachter gehen davon aus, dass sich das weitere Schicksal der Trudbenik-Barracken einreihen wird in die Serie an korruptionsverdächtigen Privatisierungs- und Bauprojekten der Ära Vučić.

Man denke an Beograd na vodi, man denke an den Bahnhof von Novi Sad.

Man denke an die gelinde gesagt auffälligen Vorgänge um das 1999 ausgebombte Generalštab-Gebäude in Beograd. Das wurde 2024 Jared Kushner überlassen, dem Schwiegersohn des jetzigen US-Präsidenten Donald Trump. Kushner wollte dort ein Luxushotel errichten lassen. Das Projekt wurde monatelang geheimgehalten. Bis heute sind keine Details des Vertrags bekannt.

Nach massiven Protesten gegen das Projekt sprang Kushner Ende 2025 ab. Offiziell. Hinter vorgehaltener Hand hört man die Theorie, Vučić habe das Interesse am Projekt verloren, nachdem Trump ihm mehrfach die kalte Schulter gezeigt hatte.

Welche Fahne nicht hier ist

„Wollt ihr eine Rakija“, fragt Jožef und führt uns in den Vorraum der Klubräumlichkeiten.

In der Ecke neben den Ikonen steht ein Kohleofen. Auf der Couch liegt der kleinere von Jožefs Hunden.

Nikola lehnt höflich ab. Mir serviert Jožef eine Šljivovica, fast stilecht aus einer Weißweinflasche.

Im Fernsehen läuft Pink TV.

Jožef schwelgt in Erinnerungen. An die goldenen Zeiten des Klubs. An seine Zeit bei Trudbenik.

Und er freut sich auf das bald bevorstehende Klubveteranentreffen.

„Das ist eine fixe Einrichtung geworden“, sagt er. Eigentlich fast ein Zufall. „Wirklich wichtig wurde es in der Corona-Zeit. Damals mussten wir das Training einstellen, und die Treffen waren so ziemlich das Einzige, was sich hier getan hat. Die Leute sind auch gerne gekommen. Sonst durfte man ja nirgends zusammensitzen“.

Unter der serbischen und der montenegrinischen Fahne wird man in wenigen Tagen wieder trinken, essen, scherzen, Guzla spielen.

Eine Fahne wird nicht hier sein.

Als hätte es den Staat nie gegeben, in dem dieser Klub entstanden ist.

Ein beschädigter Bilderrahmen mit einem teilweise zerbrochenen Glas auf einem Tisch, umgeben von Stühlen und einer gedeckten Tischoberfläche.

Es ist eine serbische Geschichte.

Mitarbeit: Nikola Radić-Lucati

Nikola Radić-Lucati
Nikola Radić-Lucati

Nikola hat für Balkan Stories einen Foto-Essay zum Judoklub Trudbenik gemacht. Den könnt ihr hier sehen.

Diese Reportage ist in Übersetzung auch bei Lupiga erschienen.

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