Mordopfer Aleksandra Zec

Erinnerungen an ein Mädchen aus Zagreb

In der Nacht von 7. auf den 8. Dezember 1991 ermordeten kroatische Paramilitärs die zwölfjährige Aleksandra Zec aus Zagreb. Der Mord beschäftigt die kroatische Öffentlichkeit wie kaum ein jüngeres Verbrechen. Das Mädchen aus Zagreb ist zum Symbol für kroatische Kriegsverbrechen im Jugoslawienkrieg geworden.

„An diesem 7. Dezember war Aleksandra, ein Mädchen aus Zagreb, zwölf Jahre alt. Ich war damals zehn. Wir waren Altersgenossen“, sagt Tomislav Tomašević, als er in der Nacht auf Freitag das Denkmal für die ermordete Aleksandra Zec besucht.

Es ist der Jahrestag des Mordes an dem zwölfjährigen Mädchen aus Zagreb im Jahr 1991.

Der Auftritt sorgt auch heuer wieder für Aufsehen. Tomislav Tomašević ist Bürgermeister von Zagreb. Er vertritt eine linksliberale Plattform.

Tomislav Tomašević am Denkmal für die ermordete Familie Zec. Bild: Stadt Zagreb.

Menschen aus ganz Kroatien und dem ganzen ehemaligen Jugoslawien bedanken sich für diese Geste. Menschen aller Religionen, jeglicher ethnischer Zuordnung oder Selbstbeschreibung, beinahe jeglicher politischer Richtung.

Beileibe nicht nur die kritischen kroatischen Seiten Lupiga, Index und Novosti haben die vergangenen drei Jahre zustimmend berichtet, in denen Tomašević als Zagreber Bürgermeister an den Gedenkfeiern für Aleksandra teilnimmt. Auch Boulevardmedien wie 7 Dnevno beschäftigen sich mit dem Gedenktag.

Der Mord an Aleksandra Zec in der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember 1991 ist zum Symbol für die kroatischen Kriegsverbrechen im Jugoslawienkrieg geworden.

Aleksandra war ethnische Serbin, und eines der ersten Opfer kroatischer Nationalisten.

Die Mörder waren kroatische Paramilitärs des Innenministeriums

In jener Nacht kamen vier Mitglieder paramilitärischer Reservetruppen des Innenministeriums, der so genannten Merčepovci, ins Haus der Familie Zec, um ihren Vater Mihajlo zu verhaften.

Siniša Rimac, Munib Suljić, Igor Mikola und Nebojša Hodak. Begleitet wurden sie von Snježana Živanović.

Sie beschuldigten Mihajlo, etwas mit den serbischen Nationalisten in der Krajna zu tun zu haben. Die hatten die Region als Reaktion auf die kroatische Unabhängigkeitserklärung besetzt. Zuvor war es zu ethnisch motivierten Übergriffen gekommen.

Sie hatten weder einen Haftbefehl noch einen Durchsuchungsbefehl.

Sie drangen ins Haus ein, durchwühlten es, stahlen Geld und Wertsachen.

Mihajlo versuchte zu fliehen. Barfuß.

Die Paramilitärs erschossen ihn.

Sie zwangen Aleksandra und ihre Mutter Marija, in ihren Lieferwagen zu steigen. Das Fahrzeug hatte keine Nummerntafeln.

An einem stillen Waldstück auf der Medvenica erschossen sie Marija und Aleksandra. Sie entsorgten ihre Leichen in einer Müllgrube.

Wie die Mörder der Gerechtigkeit entkamen

Die Mörder wurden nach wenigen Tagen festgenommen und gestanden ihre Verbrechen.

Bei ihren Aussagen war kein Anwalt anwesend. Das war die Begründung, mit der ein Zagreber Strafgerichtshof ihre Aussagen verwarf.

Das Gericht ignorierte auch alle anderen Zeugenaussagen und physische Beweise wie Blutspuren der Mordopfer im Lieferwagen. Auch die Mordwaffen zählten nichts. Die Polizei hatte sie in einem Versteck gefunden, das ihnen die Mörder genannt hatten.

Siniša Rimac, Munib Suljić, Igor Mikola und Nebojša Hodak wurden freigesprochen.

Die klerikalnationalistische kroatische Regierung hatte das Gericht unter Druck gesetzt, wegen eines Mordes an einer serbischen Familie doch bitte nicht so viel Aufsehens zu machen.

Einer der Mörder erhielt später einen der höchsten kroatischen Orden für seinen Kriegseinsatz.

Der Kommandierende seiner Einheit, Tomislav Merčep, wurde 2016 wegen Kriegsverbrechen verurteilt, die seine Einheit begangen hatte. Sie ist für die Morde an Dutzenden Menschen verantwortlich – unter anderem im Konzentrationslager Pakračka Poljana. Die Opfer waren in den allermeisten Fällen ethnische Serben.

Für einige dieser Morde wurden auch einige der Mörder Aleksandras verurteilt.

Der Mord an dem Mädchen aus Zagreb bleibt ungesühnt.

Nur mehr die sehr Überzeugten leugnen dieses Kriegsverbrechen

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis sich breite Teile der Öffentlichkeit dem Mord an Aleksandra stellen konnten.

Noch 2014 gab es Demonstrationen gegen die Aufführung eines Theaterstücks, das den Mord thematisierte.

Zu präsent war der Narrativ, Kroatien und die Kroaten seien ausschließlich Opfer gewesen.

Zu geteilt ist die kroatische Gesellschaft bis heute in ihrer Interpretation der jüngeren Vergangenheit.

Liberale und Linke stellen sich der kroatischen Verantwortung. Konservative und Nationalisten leugnen oder relativieren sie.

Zumindest im Gedenken an Aleksandra Zec scheint sich freilich über diese üblichen Grenzen hinaus so etwas wie ein Konsens zu entwickeln.

Nicht bei allen, freilich.

Kroatiens Nationalisten bekämpfen das Gedenken an das zwölfjährige Mordopfer aus Zagreb nach wie vor mit allem, was sie haben.

Das ist etwa die Zeitschrift Narod (Volk).

Als Tomislav Tomašević das erste Mal Blumen an dem Ort niederlegte, an dem Aleksandra ermordet wurde, beschuldigte ihn Narod, das Gedenken an die kroatischen Kinder zu vertuschen, die im Krieg ums Leben gekommen waren.

Sie interviewte auch einen Veteranenvertreter, der leugnete, der Mord an Aleksandra sei ein Kriegsverbrechen gewesen.

Mordmotiv sei ein finanzieller Streit zwischen Mihajlo Zec und einem der Paramilitärs gewesen.

Beweise blieb er schuldig.

Ein offensichtliches Ablenkungsmanöver, wie man es häufig bei denen findet, die Kriegsverbrechen leugnen oder relativieren.

Anders als bei anderen kroatischen Kriegsverbrechen verfängt das beim Mord an Aleksandra Zec nur mehr bei den sehr Überzeugten.

Am heurigen Jahrestag erinnert etwa ein langer Artikel der Boulevardzeitung 24 Sata an den Mord.

Und am 30. Jahrestag des Mordes an Aleksandra titelte etwa das Nachrichtenportal Telegram seinen Artikel über Munib Suljić: „Das Monster, das Aleksandra Zec erschoss“.

Mehr über den Mord an Aleksandra und seine Hintergründe könnt ihr in diesem Artikel von Lupiga lesen.

Auch Index.hr hat die Hintergründe des Mordes und vor allem der Mörder in einem gut recherchierten Artikel zusammengefasst.

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Ein Gedanke zu “Erinnerungen an ein Mädchen aus Zagreb

  1. Trotz allem was man im Leben lernt und versteht, bleiben mir solche und ähnliche Verbrechen unverständlich, und ebenso das kaltblütige Leugnen der Verbrechen.
    Mir schaudert tief bei dem Gedanken, wie sie und ihre Mutter, und überhaupt alle Opfer, ihre letzten Minuten erlebt haben, der Schrecken, der sie erfasste, der tiefe, tiefe Schock, der verwirrte Unglaube, das sie das tatsächlich erleben. Die Massaker in Ruanda, in Butscha, Hinrichtungen in Iran, China, USA, der 7. Oktober in Israel uws. haben mich alle geschockt, es ist kaum auszuhalten, und ohne zumindest teilweise zu verdrängen, kann man kein Leben mehr führen, was dann wiederum beschämend ist und bleibt.

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