Wo der Busfahrer König ist

Busse im ehemaligen Jugoslawien sind viel mehr als bloße Personenbeförderungsmittel. Sie sind Post, Informationsbörse und oft eine Verbindung zwischen Dijaspora und Heimat.

Ein junger Mann und der Busschaffner laden auf einem bosnischen Busbahnhof eine schwarze Motorhaube in den Gepäcksraum.

Experten auf der Facebook-Seite Scenic Depictions of Slavic Life wollen erkennen, dass es die Motorhaube eines Zweier-Golfs ist.

Eine vielleicht nicht alltägliche, aber keineswegs sonderlich ungewöhnliche Szene im ehemaligen Jugoslawien.

Auf meiner ersten Fahrt nach Sarajevo hat eine Familie am Grazer Busbahnhof ein halbes Badezimmer in den Bus geladen, Waschbecken inklusive.

Kurz vor Zenica fuhr der Busfahrer am nächsten Morgen rechts ran. Auf einer Schotterstraße wartete ein Auto mit Anhänger.

Auf ihn wurde das halbe Badezimmer geladen.

Busfahrer am Busbahnhof von Sarajevo

Bei meiner Fahrt von Ulcinj nach Herceg Novi Anfang September 2023 gab ein Unbekannter in Dobra Voda dem Chauffeur einen Umschlag mit mehreren hundert Euro.

Er gab ihn in der Tankstelle gleich beim Busbahnhof von Kotor ab.

Auf einer früheren Fahrt hatte der Fahrer Material für ein medizinisches Labor in Novi Pazar dabei.

Kurz vor Einfahrt in die Stadt rief er im Labor an. Auf der Fahrt zum Busbahnhof hielt er kurz an, eine Mitarbeiterin rannte aus dem Labor heraus und nahm das Material durch das Fahrerfenster entgegen.

Novi Pazar, Busbahnhof

Einem ex-jugoslawischen Busfahrer gibst du alles mit, was in den Bus reinpasst.

Auch persönliche Briefe.

Der Busfahrer ist sozusagen das Balkan-UPS.

Lieber als mit der Post

Die Postdienste im ehemaligen Jugoslawien gelten als langsam und unzuverlässig.

Auf einem Facebook-Thread schildert etwa meine Bekannte Dunja, dass sie ihrem Vater in Kroatien von Deutschland und Österreich aus mehrere Pakete per Post geschickt hat.

Eines tauchte in einer völlig anderen kroatischen Stadt auf. Ohne Inhalt.

Die anderen sind verschollen.

„Das nächste Mal geb ich’s einem Busfahrer mit“.

Das EU-Zollregime macht den Bus für viele Mitglieder der Dijaspora in der EU zusätzlich attraktiv.

EU-Postdienste erheben teils völlig willkürlich Zoll- und Lagergebühren für Sendungen aus Drittstaaten – auch wenn es offensichtlich persönliche Gegenstände oder Geschenke sind.

Sendungen von unten sind da im Bus deutlich sicherer – sofern man sich an Zollfreigrenzen hält.

Rakija und Leckereien von unten

So lässt sich etwa ein bosnischer Handwerker in Wien von einem befreundeten Bauern in der alten Heimat gerne mal eine Flasche Rakija schicken.

Selbstverständlich mit dem Bus.

„Ich trinke jeden Morgen ein Stamperl“, meint er. „Das hält gesund“.

Ob der Schnaps in einer offiziellen Flasche geliefert wird oder als Jugolimonade, konnte ich bislang nicht in Erfahrung bringen.

Freilich, auch mit dem Bus geht nicht mehr, was mein Facebook-Freund Roman in einem Thread schildert.

„Meine Eltern haben mir am Anfang meiner Zeit in Wien aus Sarajevo Essenspakete hergeschickt, dass das Kind ja gut isst. Als ich dann irgendwann Dr. Oetker Müsli drin gefunden hab, das nach Bosnien importiert wird, hab ich dann gesagt genug, das muss aufhören“.

Bei Lebensmitteln sind die Kroaten mittlerweile ziemlich heikel. Käse oder Fleischwaren geht gar nicht mehr. Und durch Kroatien musst du durch, wenn du von Bosnien nach Österreich fährst. Das wird auch kein Busfahrer mehr mitnehmen.

Was die Leute nach unten schicken

Von oben kommen oft Dinge, die sich die Leute unten nur schwer leisten können.

Walter schildert etwa, dass er einem bosnischen Bekannten vor Jahren öfter half, Dinge verschiedenster Art dem Fahrer des Linienbusses von Graz nach Sarajevo mitzugeben:

„Da waren in einem Jahr (er fuhr viermal im Jahr zur Familie) von einer elektrischen Seilwinde, einer großen Axt (Stiellänge ca 80 cm), einige Hunderterpackungen Nägel, 2 Fernseher, Plastikeimer, einer Toilette (neu) und verschiedenen Lebensmittel, etliche ungewöhnliche Sachen dabei.“

Und: „Einmal sah ich, wie andere Fahrgäste des Busses 4 Fenster in den Gebäckbereich des Busses luden.“

Zollunterlagen sollte man für den Fall bereitstellen.

Ein anderer Bekannter aus Serbien erzählt, dass seine Frau einmal 17 volle Taschen nachhause schickte: „Alles Mögliche, Süßigkeiten, kleinere Teppiche, Gläser, Waschmittel, Bettzeug,… eben alles was sie angesammelt hat und was in Aktion war.“

Gorni Milanovac, Busbahnhof

Die Busfahrer machen das nicht nur aus Nettigkeit

Natürlich entwickeln sich auch Beziehungen zwischen den Fahrern und regelmäßigen Fahrgästen oder denen, die regelmäßig Sendungen mitgeben.

Da reisen nicht nur Gegenstände aller Art sondern auch Informationen und Tratsch mit.

Ausgetauscht werden sie in kurzen Gesprächen am Zielort der Sendung. Für so etwas hat man am Balkan immer Zeit.

Der Busfahrer ist nicht nur nebenbei Lieferdienst sondern auch Bote und hält so die Verbindung zwischen Städten im ehemaligen Jugoslawien und vor allem zwischen Dijaspora und alter Heimat aufrecht.

Das passiert nicht nur aus sozialem Bewusstsein.

Der Fahrer kriegt für die Sendungen auch Trinkgeld.

Fünf Euro hier, zwanzig Mark für eine größere Sendung dort, 1.000 Dinar bei anderer Gelegenheit.

In der Regel ist das deutlich günstiger als bei einem Lieferdienst und häufig auch als bei der regulären Post.

Ein willkommenes und häufig notwendiges Zubrot.

Mostar, Busbahnhof

In Serbien etwa verdient ein Autobusfahrer zwischen 7- und 800 Euro monatlich. In Bosnien waren es 2021 im Regelfall zwischen 130 und 350 Euro, mittlerweile dürften es zwischen 4- und 500 Euro sein.

Ohne die „Gebühren“ für die Lieferungen wäre es schwierig, über die Runden zu kommen.

Warum man sich mit dem Fahrer gutstellen sollte

Freilich, das Verhältnis, das man im Lauf der Zeit zum Busfahrer aufbaut, ist kein rein finanzielles.

Es ist eines des – hoffentlich – gegenseitigen Vertrauens.

Und man ist nicht nur aus prinzipiellen Überlegungen gut beraten, einem Ex-Jugo-Busfahrer freundlich und respektvoll zu begegnen.

In Hinblick auf die Lieferungen meint mein alter Freund Dule: „Deswegen ist ganz wichtig, eine gute Beziehungen mit dem Busfahrer zu haben. Das bringt Lebensqualität in wahrsten Sinne des Wortes“.

Im ehemaligen Jugoslawien ist eben der Busfahrer König.

Titelbild: Facebook-Seite Scenic Depictions of Slavic Life

Der Fotograf oder die Fotografin war leider nicht zu eruieren. Sollte er oder sie das Foto hier sehen – bitte Kontakt aufnehmen. Wenn irgend möglich, lade ich ihn oder sie gerne auf einen Kaffee oder ein Bier ein, wenn ich das nächste Mal in der Gegend bin.

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