Kroatien: Partisanenfriedhof am Papuk geschändet

In Kroatien ist erneut ein Partisanendenkmal geschändet worden. Unbekannte haben einen abgelegenen Friedhof für die jugoslawischen Freiheitskämpfer aus dem Zweiten Weltkrieg im Naturpark Papuk schwer beschädigt. Dokumentiert hat das Verbrechen ein kroatischer Antifaschist.

„Nein, diese Gedenktafel hat nicht der Wind zerstört“, sagt Milivoj Dretar gegenüber Balkan Stories.

Auf einer zweitägigen Wanderung im Naturpark Papuk um Dreiländereck zwischen Osijek und Slavonski Brod hat er den Partisanenfriedhof Kovačica besucht.

Und die zertrümmerte Gedenktafel für die hier begrabenen Freiheitskämpfer des Zweiten Weltkriegs gefunden.

Nebst einer Gedenkstätte, die die kroatischen Behörden offensichtlich seit Jahrzehnten dem Verfall preisgeben.

Wann Unbekannte das kleine Denkmal geschändet haben, ist nicht zu eruieren.

Diese Gedenkstätte erhält sehr wenig öffentliche Aufmerksamkeit, im Gegensatz zum bislang intakten Hauptdenkmal für den antifaschistischen Befreiungskampf und zum ehemaligen Hauptpartisanenspital am Papuk.

Dieses war das Einzige von insgesamt elf Krankenhäusern der Tito-Partisanen in der Gegend, das im Zweiten Weltkrieg nie von Deutschen oder Ustaša gefunden worden war.

2.500 Kämpferinnen und Kämpfer sollen in Gudniga behandelt worden sein, erzählt die letzte noch lebende Krankenschwester 2012 in einem Interview.

Auch dieses Denkmal lassen die kroatischen Behörden offenkundig verfallen, auch dieses Denkmal wurde von Unbekannten geschändet, wie die renommierte serbisch-kroatische Zeitschrift Novosti dokumentiert.

Seit der kroatischen Unabhängigkeit sind kroatischen Nationalisten die Gedenkstätten für den Völksbefreiungskampf im Zweiten Weltkrieg unter Führung der Kommunisten unter Tito ein Dorn im Auge.

Sie interpretieren Jugoslawien zu einer einzigen Unterdrückung des kroatischen Volkes um.

Sind sie an der Macht, werden ganz hochoffiziell so viele Denkmäler entfernt und Straßen und Plätze umbenannt, wie irgend möglich.

Und sie waren seit 1990 in Kroatien meistens an der Macht.

Sind offizielle Demontagen aus irgendwelchen Gründen nicht opportun, finden sich meist junge radikale Nationalisten oder offene Neofaschisten, die das beizeiten diskreter erledigen.

So wie in Kovačica, wo sich neben dem Friedhof ein weiteres der elf Spitäler am Papuk befand.

Das Gebiet wurde von 1941 an durchgehend von den Partisanen kontrolliert. Mehrere Versuche der Wehrmacht und der Ustaša, es zurückzuerobern, scheiterten.

Hier hatten die Partisanen auch starken lokalen Rückhalt. Die meisten Bauern hier waren Serben, und die waren über jeden Schutz vor dem Völkermord an ihnen im NDH, im Unabhängigen Staaten Kroatien, froh.

Im Krieg nach der kroatischen Unabhängigkeitserklärung war dieses Gebiet bis 1995 von Rumpf-Jugoslawien besetzt und unter Kontrolle eines ethnisch-serbischen Marionettenstaates.

Vukovar ist nur zwei Autostunden östlich von hier.

Hier ist der Hass auf alles besonders stark, was im nationalistischen Furor mit den Verbrechen der 1990-er gleichgesetzt wird.

Den Antifaschismus in der Familie

1944 war das Gebiet Durchgangsstation für mehrere jüdische Fallschimjäger aus Palästina. Sie wollten unter Koordination der britischen SOE Juden in besetzten Gebieten Jugoslawiens retten und in Ungarn Untergrundaktionen durchführen.

Das greift etwa der Thriller „Behind The Lines. The Oral History of Special Operations in World War II“ von Russel Miller auf, zu dem die jüdische Kulturzeitschrift David eine ausführliche Rezension samt historischem Hintergrundbericht verfasst hat.

Nicht über den Papuk sondern über den Žumberak und über Kalnik nach Ungarn führte der Einsatzplan die bekannteste unter den Freiwilligen, die 27-jährige Ungarin Hannah Szenes.

Milivojs Großmutter brachte sie an die Grenze.

Sie war Teil der NOB, der Narodnooslobodilačka borba, des Volksbefreiungskampfs. So wie Milivojs gesamte Familie damals.

Ihre Rolle ist außerhalb von Milivojs Familie kaum bekannt. Im Artikel von David etwa kommt sie nicht vor.

In Ungarn hatte Hannah Szenes leider keine so engagierten und kundigen Helferinnen und Helfer mehr.

Die ungarische Polizei verhaftete sie und die gesamte Gruppe und ermordete sie im Polizeigefängnis.

Für Milivoj sind es diese Erinnerungen, die ihn dazu bringen, auch heute den Gedanken an den Befreiungskampf in Jugoslawien zu pflegen und sich gegen neofaschistische Umtriebe und die öffentliche Leugnung des Völkermords der Ustaša an Serben, Juden und Roma im Zweiten Weltkrieg zu bekämpfen.

Unter anderem ist er bei den Antifašisti Varaždinske Županije aktiv, den Antifaschisten des Bezirks Varaždin.

Das macht für ihn die Schändung des kleinen Partisanenfriedhofs Kovačica umso ärgerlicher.

Nicht einmal die Toten lassen die Nationalisten ruhen.

Dass das Denkmal je von irgendeiner Instanz des kroatischen Staates instandgesetzt wird, glaubt kaum jemand.

Das ist die eine Seite des EU-Mitgliedstaates Kroatien.

Die andere sind Menschen wie Milivoj und viele andere Antifaschisten, organisiert oder nicht. Die sorgen dafür, dass zumindest nicht vergessen wird, warum diese Denkmäler da sind.

Alle Fotos: Milivoj Dretar

Ein Gedanke zu “Kroatien: Partisanenfriedhof am Papuk geschändet

  1. Diskrete Faschisten, das ist ein bisschen witzig. Ob ihnen bewusst ist, dass sie mit der „diskreten Zerstörung“ eine Art Partisanentaktik anwenden?

    Schäbig.

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