Die Bundesregierung bedankt sich regelmäßig bei den Österreicherinnen und Österreichern, wie gut sie die Corona-Krise bisher bewältigt haben. Die vielen Menschen, die zugewandert sind, und ebenfalls ihre Arbeit leisten, sind bei diesen salbungsvollen Worten bestenfalls mitgemeint. In einem Gastkommentar erinnert Dženita Memić an die Leistungen Zugewanderter. Und fordert ein eindeutiges Danke an alle Menschen, die hier leben.

Brav sitze ich nun die vierte Woche in Folge zuhause. Rausgehen? Ja, aber nur zum Spar um die Ecke. Eier, Obst und Gemüse hole ich mir beim Greißler im Erdgeschoss und zwar nie ohne Handschuhe, nie ohne den Mindestabstand einzuhalten und seit letzten Mittwoch auch nie ohne Maske. Home Office? Funktioniert soweit gut, aber mein Job ist nicht systemrelevant und mir für die erledigte Arbeit auf die Schulter klopfen, macht nun wirklich keinen Sinn.

Morgens beim Kaffee schaue ich mir die Zahlen dieser Pandemie an. Aktuell sind es 1.120.752 bestätigte Fälle weltweit. Fast die ganze Welt kämpft gegen einen unsichtbaren Feind und Österreich scheint derzeit einen ziemlich guten Job zu machen. Die wenigsten Länder sind von der Pandemie gar nicht betroffen, die meisten davon sind Inselstaaten.

Über Social Media bleibe ich in Kontakt mit Freunden, von denen einige im Handel arbeiten, medizinisches Personal oder Sicherheitsmitarbeiterinnen sind und auch in der Reinigungsbranche sind einige vertreten. Viele von ihnen haben eine Gemeinsamkeit. Sie sind keine Österreicherinnen und Österreicher. Nu na ned!

Knapp jede fünfte unselbstständige Erwerbsperson in Österreich hat eine andere als die österreichische Staatsbürgerschaft, sagte das AMS 2016. Es sind etwa im Handel 14,5% der Beschäftigten Menschen mit Migrationshintergrund, und in der Branche Gesundheit und Soziales sind es 9,4%. Wenn wir uns also einen dieser systemrelevanten Betriebe anschauen, fallen dort 1-2 von 10 Beschäftigten in diese Gruppe. Dabei reden wir noch gar nicht von den etwa 60.000 Pflegekräften die zwar im Ausland leben, aber in Österreich arbeiten.

Fragt man diese Menschen, wie es ihnen geht, kommt ein Mischmasch an Gefühlen als Antwort. Teilweise ist da die Sorge. Sorge um einen selbst, aber vor allem um Menschen die zur Risikogruppe gehören. Teilweise spürt man auch schon die Müdigkeit, weil der Ausnahmezustand letztendlich auch außerhalb der offiziellen Dienstzeit einen nach Hause begleitet und sich dort mit ins Bett schleicht, sich in Träume einschleicht und schon vor dem Wecker an die Schulter klopft, um ja nicht unbemerkt zu bleiben.

Was ich aber bei allen beobachten kann, ist der Stolz. Sie sind stolz drauf, ihren Beitrag leisten zu können, stolz drauf für ihre Gesellschaft da zu sein. Und sie geben alles, alles was sie geben können. Ist ja auch ihr Job, oder? Ja, freilich. Und den machen sie ohne Wenn und Aber.

Jeder und jede weltweit leistet einen Beitrag auf die eine oder andere Weise, die einen tun dabei mehr, die anderen weniger, aber bedanken tut man sich in Österreich regelmäßig nur bei denen, die die Staatsbürgerschaft Österreichs besitzen.

Jetzt werden einige sagen, dass damit niemand ausgeschlossen ist, weil man sich ja eh als Österreicherin oder als Österreicher fühlen sollte, egal welche Staatsbürgerschaft man besitzt, wenn man hier lebt und arbeitet. Nur, so schwarz-weiß ist unsere Welt nicht.

Integration ist nun mal keine Einbahnstraße und muss auch nicht unbedingt an den Pass gebunden sein. Ich meine, wann habt ihr das letzte Mal mitbekommen, dass von einem Franzosen oder einer Deutschen verlangt wird die Österreichische Staatsbürgerschaft zu erwerben, um hier als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft gesehen zu werden? Ich auch noch nie. Warum auch. Es ist aber die Kommunikation der Regierung die keinen Zweifel daran lässt: Österreicherin und Österreicher ist nur jemand mit Staatsbürgerschaft. Und auch davon nicht alle.

Das zeigt sich am besten am Beispiel der oben erwähnten ausländischen Pflegekräfte. Ihnen dankt somit eigentlich keiner. Weder das eigene Land, noch das Land, für dessen Pflegebedürftige sie ihre eigenen Familien wochenlang nicht sehen und ihre eigene Gesundheit aufs Spiel setzen. Österreich hat sie nämlich gebeten, trotz der Krise her zu kommen, hier zu bleiben, weil Österreich sie braucht. Nun, bekommen sie ein Gehalt und auch einen Bonus? Ja. Das ist die kurze Antwort.

Die lange Antwort ist, dass diese Gehälter für ihre Arbeit ausbezahlt werden und keine Almosen sind, sie Steuern zahlen und die Bonusregelung erst greift, wenn sie den normalen Turnus mindestens um 4 Wochen verlängern, jetzt wo sie noch einer zusätzlichen Gefahr ausgesetzt sind. Wären sie angemessen entlohnt, wäre ihnen das wahrscheinlich eh lieber als ein schlichtes „Dankeschön“ bei einer der vielen Ansprachen der Regierung. Doch so wie es jetzt ist, ist dieses „Dankeschön“ das Mindeste, was sie erwarten dürfen. Das wäre einfach menschlich und definitiv nicht zu viel verlangt.

Auch bei den lokal Ansässigen die gerade für die Erhaltung unserer Grundversorgung sorgen, bei all‘ denen, die in diesem Moment Ihre Schutzanzüge anziehen, um jemandem das Leben zu retten, in Supermärkten die Regale befüllen, damit wir weiterhin normal essen können, Masken verteilen, die irgendwo gerade eine Bim lenken, dafür sorgen, dass wir anderen Strom, Heizung und Internet haben, unseren Müll wegtransportieren, uns die Pizza liefern, die in diesem Moment Rein- und Reinsträume in Forschungslaboren reinigen oder Ware verpacken und transportieren, all‘ denen gebührt auch Dank.

Sie sind ein wichtiger Teil unserer Gemeinschaft, egal ob mit oder ohne Staatsbürgerschaft, und das sollte gewürdigt werden. Nicht jeder, der hier lebt und der diese – unsere – Gesellschaft liebt, muss unbedingt die Staatsbürgerschaft besitzen. Irgendwann sollte uns klar werden, dass es mehr als ausreichend ist, den Dienst an der Allgemeinheit zu erbringen, egal wie man heißt, aussieht oder woher man ursprünglich kommt.

Ein DANKE an die gesamte Gesellschaft muss endlich gesagt werden, liebe Regierung.

Das tut nicht weh, versprochen, gibt aber endlich dem #TeamÖsterreich für Alle Bedeutung.

Dženita Memić ist in Sarajevo geboren. Seit 2007 lebt sie in Wien und arbeitet im Vertrieb.

Wenn auch du zugewandert bist und deine Geschichte in der Corona-Krise erzählen willst: Schick bitte ein kurzes Video an christoph.baumgarten@gmx.at oder an den Facebook-Kanal von Balkan Stories.