Nicht nur an der griechisch-türkischen Grenze verursacht die Untätigkeit von Behörden und Politik eine humanitäre Katastrophe. In Tuzla in Bosnien sehen sich freiwillige Helferinnen und Helfer gezwungen, jede koordinierte Hilfe für die gut 400 Flüchtlinge am Busbahnhof einzustellen. Ohne staatliche Hilfe schaffen sie den Ansturm nicht mehr.

Es blutet ihnen das Herz. Nur, ihnen bleibt aus eigener Sicht keine Wahl.

Am Mittwoch haben die durchwegs freiwilligen Flüchtlingshelferinnen und -helfer aufgehört, warmes Essen an die Schutzsuchenden am Busbahnhof und am Bahnhof von Tuzla auszugeben.

Auch die notdürftige medizinische Versorgung und die Verteilung von Hilfsgütern wird eingestellt.

Hilfe gibt es nur mehr für unbegleitete Kinder, kranke und alte Menschen, heißt es in einem Statement auf der Facebookseite von Human Rights for Refugees in Bosnia.

Die meist fünf bis sechs Helferinnen und Helfer könnten die Menge an Menschen nicht mehr bewältigen.

Zuletzt hatten um die 400 Flüchtlinge am Busbahnhof und den Bahnsteigen in Tuzla campiert. Das sind mehr als doppelt so viele wie noch um die Jahreswende. (Bericht siehe HIER.)

Aktuelle Fernsehberichte zeigen etwa, dass die Zelte der Schutzsuchenden auch noch den letzten Quadratmeter Bahnsteig bedecken.

Koordinierte Hilfe sei unter diesen Bedingungen nicht mehr möglich.

Staat verweigert jede Hilfe für Flüchtlinge in Tuzla

Staatliche Hilfe gab es bis zuletzt keine.

Tuzla ist seit eineinhalb Jahren in wechselndem Ausmaß Durchgangsstation für Flüchtlinge.

Kanton- und Stadtverwaltung haben bis heute weder wenigstens notdürftige Aufnahmelager eingerichtet und noch nicht einmal Essen an die Menschen verteilt.

„Die Situation hat sich in den vergangenen fünf, sechs Tagen zugespitzt“, beschreibt die Helferin Dženeta Delić Sadiković im Chat mit Balkan Stories.

Die junge Mutter (siehe Portrait von SOS Balkanroute) war in den vergangenen eineinhalb Jahren jeden Tag am Busbahnhof.

Sie verteilte Hilfsgüter und ist mit ihrer Einfühlsamkeit und ihrem Humor bei den Flüchtlingen sehr beliebt.

Dženeta Delić Sadiković. Foto: (c) Ben Owen-Browne

Dass jemand wie sie die Hilfe einstellen muss, zeigt, wie schwierig die Situation mittlerweile geworden ist.

„Ich bin sehr erschöpft“, sagt sie gegenüber Balkan Stories.

Und tief enttäuscht, genauso wie die anderen Helferinnen und Helfer.

Sie haben in den vergangenen eineinhalb Jahren und vor allem in den vergangenen drei Monaten vollständig die Aufgaben wahrgenommen, die der bosnische Staat hätte.

Und sich hartnäckig weigert wahrzunehmen.

„Als ob die Leute nicht im Freien frieren würden“, sagt Dženeta.

Bevölkerung feindselig gegenüber Flüchtlingen und Freiwilligen

Es waren die Freiwilligen, die verhinderten, dass es im Stadtzentrum von Tuzla zu einer humanitären Katastrophe und möglicherweise zu Protesten verzweifelter Flüchtlinge kommt.

Dazu kommt, dass Teile der einheimischen Bevölkerung immer feindseliger gegen Flüchtlinge und Helfer geworden sind.

Dženeta berichtet von täglichen Anfeindungen. „Es gab jeden Tag Stress.“

Weiter versorgt werden die gut 600 Flüchtlinge, die die Helferinnen und Helfer in Wohnungen und alten Häusern im Stadtgebiet von Tuzla untergebracht haben.

Auch das auf Eigeninitiative und ohne staatliche Unterstützung.

So leid es den Helferinnen und Helfern tut, sie sehen keine andere Möglichkeit mehr als den Boykott.

„Wenn die Leute sehen, was passiert, wenn hunderte Menschen ohne Versorgung dastehen, wird sich hoffentlich etwas ändern“, sagt Dženeta.

Sobald staatliche Hilfe kommt, werden sich auch die Freiwilligen wieder engagieren.

Balkan Stories wird weiter über die Situation in Tuzla berichten.