Miloš Crnjanski kehrt Anfang März nach London zurück – in Gestalt der ersten englischsprachigen Übersetzung des Exilwerks Roman o Londonu des serbisch-jugoslawischen Schriftstellers. Damit ist ein Literaturklassiker über Entfremdung endlich einem internationalen Publikum zugänglich.

„A Novel of London“ heißt Miloš Crnjanskis Klassiker der europäischen Emigrantenliteratur in der Übersetzung von Will Firth, herausgegeben vom kleinen US-amerikanischen Verlag Lavender Ink.

Das in der Übertragung 600 Seiten starke Werk mag aus finanziellen Gründen eine kleine Startauflage haben – das darf nicht über die kulturelle Bedeutung des erstmaligen Erscheinens auf Englisch hinwegtäuschen.

Vorgestellt wird „A Novel of London“ am 9. März auf der London Book Fair auf einer prominent besetzten Podiumsdiskussion in der British Library (Details siehe HIER).

Am 13. März folgt eine weitere Präsentation auf Einladung der Serbischen Bibliothek in London in der Fulham Library.

In diesem Text in der Los Angeles Review of Books beschreibt Will den Roman und die Entstehungsgeschichte der Übersetzung.

Das ist reichlich viel Aufwand für ein Werk, das im Original vor 49 Jahren in Beograd erschien und für dessen englischsprachige Übersetzung eine Erstauflage von gerade mal 500 Stück geplant war.

Klassiker der Literatur – spätestens nach dem 9. März wird man Crnjanskis Roman wohl als Weltliteratur bezeichnen können – altern nun mal nicht und in Geld lässt sich ihr Wert ohnehin nicht ausdrücken.

Man braucht es nur leider, um die Menschen an ihnen teilhaben zu lassen.

Bei „A Novel of London“ lag es nicht gerade auf der Straße. (Balkan Stories berichtete, siehe HIER.)

Klassiker der Exilliteratur

Das verbindet die Entstehungsgeschichte der englischen Übersetzung mit dem Inhalt des Romans.

Schlüpft Crnjanski hier doch in die Rolle eines exilierten Russen in einem London der späten 40-er, das immer noch mit Bombenschäden und Blindgängern zu kämpfen hat.

Nikolai Repnin, geboren als Aristokrat vor der Oktoberrevolution, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und versucht gleichzeitig, seine Gattin vor Armut zu schützen.

Innerhalb dieses Rahmens entfaltet Crnjanski ein Panorama der Entfremdeten und der Entfremdung, der Gestrandeten, der Hoffnung und der Verzweiflung (detaillierte Rezension siehe HIER).

Längst gilt „Roman o Londonu“ nicht nur als Klassiker der südslawischen Literatur der Moderne sondern als auch Klassiker der Emigrantenliteratur.

Nur freilich bis jetzt keinem breiteren Publikum zugänglich.

Ohne das Engagement von Verlagsgründer Bill Lavender und von Übersetzer Will Firth sowie ohne finanzielle Unterstützung des serbischen Kulturministeriums wäre das wohl so geblieben.

Auch auf Deutsch könnte der Roman erscheinen – bisher hat die Übersetzerin nur leider keinen Verlag gefunden.

Das ist schade.

Nicht nur der jugoslawischen Literatur wegen, die im deutschsprachigen Raum so oft ignoriert wird.

Wann, wenn nicht jetzt?

Gab es je eine bessere Zeit, einem Geflüchteten zuzuhören, was er denkt, was er fühlt, was er hofft, was er fürchtet?

Gab es je eine bessere Zeit, im Fremden den Menschen zu suchen?

Gab es je eine bessere Zeit, Würde in dem und der zu entdecken, die weniger Wohlmeinende in dämonische Karikaturen verzerren, vor denen wir uns fürchten sollen?

Gab es je ein bessere Mittel gegen Angst als Wissen?

Gerade, wenn aus der Hetze gegen den Fremden Projektile werden, die zehn Migrantinnen und Migranten in Haunau getötet haben.

Wenn aus Angst Hass, aus Hass Mord wird, ist es geboten, nicht den Fremden zu suchen sondern den Menschen zu finden.

Wenn man den aufkeimenden Faschismus jemals aufhalten will.

Eine Stimme, die helfen kann, ist die Crnjanskis.

Einen Auszug aus Will Firths Übersetzung von Crnjanski „Novel of London“ könnt ihr HIER lesen.