Die Lage in Vučjak ist am Freitag eskaliert. Der bosnische Sicherheitsminister wollte die Flüchtlinge aus dem Skandallager in menschenwürdige Unterkünfte verlegen lassen. Der Bürgermeister von Bihać hat das untersagt – und lässt laut Medienberichten die Polizei auffahren.

Dragan Mektić, Sicherheitsminister der bosnischen Zentralregierung, wollte dem Wahnsinn von Vučjak offenbar nicht länger zusehen.

Freitagfrüh schon machten Gerüchte die Runde, die 6- bis 800 Flüchtlinge im illegalen Lager auf der ehemaligen Mülldeponie sollten mit Bussen in menschenwürdige Unterkünfte gebracht werden.

In Vučjak schlafen sie in Zelten auf dem nackten, gefrorenen, Boden. Öfen und andere Heizmaterialien sind die Ausnahme. Schnee bedeckt das Lager.

Die Kälte ist eine akute Gefahr für die Menschen, die meist aus Afghanistan, Pakistan und Kashmir kommen.

Die Busse kamen nie.

Die Flüchtlinge müssen weiter auf der ehemaligen Müllhalde ausharren.

Polizei bewacht Lagereingang

Wäre es nach dem bosnischen Minister gegangen, würden sie jetzt alle im vergleichsweise warmen offiziellen Lager Bira in einer ehemaligen Fabrik im Stadtgebiet von Bihać sitzen.

Šuhret Fazlić, Bürgermeister der Stadt, dürfte das laut dem Portal krajina.ba in letzter Minute verhindert haben.

In einem offiziellen Schreiben untersagt er, dass Flüchtlinge von Vučjak in irgendeines der offiziellen Lager im Stadtgebiet von Bihać verlegt werden.

Das sei der Bevölkerung der Stadt nicht zuzumuten und würde Unruhe schaffen, schreibt er in dem Brief.

Die offiziellen Lager seien voll, man könne keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen.

Offenbar hat er auch die Kantonspolizei angewiesen, alle Eingänge von Bira zu bewachen.

Die Polizisten sollen verhindern, dass Flüchtlinge dorthin gebracht werden.

Zynisches Spiel

Die Reaktion überrascht: Gerade der Bürgermeister hatte zuletzt darauf gedrängt, dass Vučjak geschlossen wird, unter anderem auch in einem Gespräch mit der österreichischen Nationalratsabgeordneten Nurten Yilmaz (SPÖ) und mit Balkan Stories.

Er selbst hatte das Lager im Juni einrichten lassen. Seitdem brachte die Polizei alle Flüchtlinge aus Bihać dorthin bringen lassen, die keinen Platz in einem der offiziellen Lager haben, die von internationalen Organisationen betrieben werden.

Um den Druck auf die Zentralregierung zu erhöhen, hatte er vor wenigen Wochen die Essens- und Wasserversorgung für das Lager einstellen lassen.

Die Versorgung wurde notdürftig vom Roten Kreuz aufrecht erhalten – unter anderem mit Unterstützung der Wiener Organisation SOS Balkanroute und des Wiener Vereins We Help.

Balkan Stories begleitete den Wiener Hilfskonvoi am vergangenen Wochenende.

Vor wenigen Tagen traten nach Angaben von Flüchtlingshelfern wie Dirk Planert die Flüchtlinge in den Hungerstreik und forderten, in menschenwürdige Quartiere verlegt zu werden.

Das ist vorerst auf Anweisung von Šuhret Fazlić unmöglich.

Steht ein Machtkampf bevor?

Bleibt die Frage, ob Sicherheitsminister Dragan Mektić sich auf die Machtprobe mit dem Bürgermeister einlässt.

Das wäre in Bosnien ein sehr ungewöhnlicher Vorgang.

Im Allgemeinen schieben im komplexen und dysfunktionalen Staatssystem Verantwortliche aller Ebenen einander die Verantwortung nur zu.

Sollte er das tun, steht ihm ein harter Kampf bevor.

Wie ernst es der Bürgermeister meint, hat er am Freitag nicht nur mit dem Verbot der Verlegung gezeigt.

Am gleichen Tag hat nach Angaben des internationalen Helfers Stefan von Ortenburg und von krajina.ba die Kantonspolizei auch einen internationalen Hilfstransport in Bira am Lagereingang abgewiesen.

Sein Inhalt: Matratzen, Schlafsäcke, warme Kleidung.

Es scheint, als würde Fazlić alle Machtmittel ausschöpfen wollen, die ihm zur Verfügung stehen.

Und die Flüchtlinge als Bauern in seinem zynischen Schachspiel einsetzen. Ob die mitspielen wollen oder nicht.

Balkan Stories berichtete in den vergangenen Monaten mehrfach ausführlich über die Situation in Vučjak. Für einen Überblick, siehe HIER.

Titelfoto: Dirk Planert