2- bis 3.000 Teilnehmer haben die historische erste Sarajevo Pride zu einem überraschend großen Erfolg gemacht. Verantwortlich für die unerwartet hohe Zahl dürfte auch die Gegenmobilisierung der vergangenen Tage gewesen sein. Bosniens Lesben und Schwule erhoffen sich, dass die Parade ein Stück Normalisierung bringt.

„Wir hatten 700 Armbänder für die Teilnehmer vorbereitet“, erzählt einer der Ordner. „Nach zehn Minuten waren sie aus. Und dann kamen erst die Massen.“

Für die gab’s nur mehr Stempel aufs Handgelenk.

Eine Sicherheitsmaßnahme.

Auf die Sarajevo Pride darf heute nur, wer durch zwei Sicherheitsschleusen geht, Taschenkontrolle inklusive.

Keine Aktivisten der diversen rechtsgerichteten oder religiösen Gruppen, die in den vergangenen Wochen Drohungen gegen die erste Regenbogenparade Bosniens ausgestoßen hatten, sollen sich einschleusen können.

Mehr als 1.000 Polizisten bewachen das Ereignis. Sie machen keine halben Sachen.

Die Scharfschützen, über die auch Medien in den vergangenen Tagen spekuliert hatten, scheinen sich freilich als Gerücht herauszustellen.

Nirgends sieht man welche.

Keine großen Sympathien bei der Polizei

Viele der Polizisten versehen den Dienst eher widerwillig.

Große Sympathien sind der LGBT-Community und ihren Anliegen in den meisten Staaten des ehemaligen Jugoslawien nicht beschieden.

Bosnien ist keine Ausnahme.

Und die Polizei ist kein eigenständiger Körper, der unabhängig von den herrschenden Verhältnissen über der Gesellschaft schweben würde.

Vor der Pride stimmten Polizeischüler in Sarajevo online ab, ob sie die Teilnehmer lieber festnehmen oder beschützen würden.

Die Beschützer gewannen mit knapper Mehrheit.

Breite internationale Solidarität

Es ist ein seltsamer Kontrast: Tausende Menschen mit bunten Fahnen auf der Titova, und die Gehsteige wie ausgestorben.

Ob das auf die scharfen Sicherheitsmaßnahmen zurückzuführen ist oder darauf, dass viele Bewohner der bosnischen Hauptstadt zumindest kein Verständnis für die Pride haben?

Homophobie ist Alltag im ehemaligen Jugoslawien.

Das wissen auch die Aktivistinnen und Aktivisten der LGBT-Community.

Man ist gut vernetzt. Wo immer ein wichtiges Ereignis stattfindet, sind auch Teilnehmer aus den Nachbarländern dabei.

Zoe Gudović von den „Women in Black“ etwa kommt aus Beograd.

Ihre Gruppe führt mit ihren Trommeln die Pride an.

Überhaupt, die Sarajevo Pride genießt breite internationale Solidarität.

Aus Berlin sind Akvistinnen angereist und übernehmen Ordnerdienste.

Eine kleine Gruppe kommt aus Griechenland.

„Das ist wichtig für mich“, sagt Ado. Der Künstler lebt mit seinem Schweizer Freund in Sarajevo.

Unterstützung und PR in einem

Unterstützung kommt auch von vielen westlichen Botschaften. Die spanische Botschaft ist mit dem gesamten Personal vertreten, die meisten tragen eigens gedruckte T-Shirts.

Auch die britische und die deutsche Botschaft sind präsent.

Die US-Botschaft hat die Pride zum Teil finanziert.

Auch wenn das in vielen Fällen eine echte Unterstützung für LGBT-Anliegen ausdrücken mag – es ist auch der Versuch, Sympathien in der liberalen Bevölkerung zu gewinnen und so den Boden für eigenen politischen Anliegen aufzubereiten.

Die sind nicht vollständig zu Bosniens Gunsten. Höflich formuliert.

„Das wird schon gut werden“

Die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen freilich aus Bosnien. Aus Sarajevo selbst wie auch aus anderen Städten wie Trebinje.

Es sind viele LGBT-Aktivistinnen- und Aktivisten und Schwule und Lesben.

Aber auch Eltern, die ihren Stolz auf ihre schwulen oder lesbischen Kinder zeigen wollen.

Auch das liberale und bürgerliche Sarajevo ist breit vertreten. Künstlerinnen und Künstler, Leute von der Uni, vereinzelt Politikerinnen und Politiker.

Und viele junge Bosnierinnen und Bosnier, denen der Mief der Nachwendezeit auf den Geist geht.

„Was soll denn bitte die ganze Aufregung“, sagt etwa Marija. „Die Menschen sollen ganz normal leben können, so wie wir auch.“

„Ich bin das erste Mal auf so einem Marsch“, sagt Tejm. Der 83-Jährige ist ehemaliger Elektriker.

„Was geht es denn mich an, ob ein Mann einen Mann liebt“, meint er. Und: „Das wird schon gut werden.“

Teilnehmerzahl überrascht

Dennoch: Eine stimmige Erklärung, dass drei- bis viermal so viele Teilnehmer da sind wie erwartet, hat vorderhand keiner.

„Kann gut sein, dass die gestrige Anti-Pride-Parade für uns mobilisiert hat“, sagt Ado. „Da werden sich manche gedacht haben: Jetzt geh ich erst recht.“

Zumal die groß angekündigte Gegenveranstaltung nach Schätzungen keine tausend Menschen mobilisiert hat.

War zu Beginn der Pride ein wenig Nervosität bei manchen Teilnehmern zu spüren, ist sie schon während des Marsches in Enthusiasmus umgeschlagen.

Die meisten Fenster mögen zubleiben und da und dort mögen einem aus den Fenstern steinerne Mienen entgegenblicken.

„Aber ich bin überrascht, wie viele Menschen uns zugewunken haben“, sagt eine britische Teilnehmerin mit einem Lächeln.

„Da sind dann ein paar dabei, die vielleicht nächstes Mal mitmarschieren“, sagt ein anderer Teilnehmer.

Auch das Gesicht des einen oder anderen Polizisten entspannt sich. Gelegentlich entkommt sogar ein kleines Lächeln.

„Es wird sich was ändern“

„Ich denke schon, dass das heute geholfen hat“, sagt Ado. „Es wird sich was ändern. Was, weiß ich noch nicht. Aber es ist klar: Vorbei ist die Sache noch nicht.“

Die Sarajevo Pride war ein Anfang, Schwulen und Lesben ein normales Leben in Bosnien zu ermöglichen.

Aber die Herzen der Bosnierinnen und Bosnier sind erst halb gewonnen.

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