Sturm über Russland

Mit einem Youtube-Video verspielt das kroatische Verteidigungsministerium die großen Sympathien für das kroatische Fußballnationalteam in Serbien. Ein Pilot beschwört dort einen „Sturm“ in Russland. Das ist eine Anspielung auf kroatische Kriegsverbrechen im Jugoslawien-Krieg. Ein Gastbeitrag von Max Bitter.


„Krila ‚Oluje‘ za fudbalsku oluju“. „Flügelstum für einen Fußballsturm in Russland.“

Das ist die Botschaft eines kroatischen Luftwaffepiloten an das kroatische Fußballnationalteam bei der WM in Russland.

Das wäre eigenartig, wenn es ein privates Video des Mannes wäre.

Höchst problematisch wird diese Aussage, wenn sie in einem offiziellen Youtube-Video des kroatischen Verteidigungsministeriums fällt.

Das ist hier passiert.

Vor allem in Serbien weckt das ungute Erinnerungen.

Ein kaum aufgearbeitetes Kriegsverbrechen

„Operation Oluja“, „Operation Sturm“, hieß die kroatische Offensive, mit der 1995 die Krajina von kroatisch-serbischen und serbischen Milizen zurückerobert wurde.

200.000 Serben wurden vertrieben, 2.000 Menschen getötet.

Nationalistische Kroaten – wie etwa die damalige und heutige Regierungspartei HDZ – stellen das als normale militärische Operation dar.

Die 200.000 Serben seien normale Kriegsflüchtlinge und keinesfalls vertrieben worden.

Nicht nur aus serbischer Sicht wurden während Operation Oluja zahlreiche Kriegsverbrechen begangen. Die Flucht der 200.000 Serben interpretieren viele als ethnische Säuberung.

Eine saubere juristische Aufarbeitung steht bis heute aus.

Das liegt auch daran, dass mit dem kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman der potentielle Hauptangeklagte vor dem Internationalen Strafrechtstribunal für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag starb, bevor Anklage erhoben werden konnte.

Dass sich das kroatische Verteidigungsministerium nicht bewusst ist, wie die Aussage seines Piloten in Serbien verstanden wird, kann ausgeschlossen werden.

Zumal einige Youtube-User das Video mit eindeutigen Botschaften kommentieren.

Ein „Tiber Septim“ etwa schreibt: „Za dom“.

Das ist die Kurzfassung für den Ustaša-Gruß „Za dom spremni“. „Für die Heimat bereit“.

Die Kurzfassung findet sich bei mehreren Usern. Auch das einschlägige Kürzel ZDS wird mehrfach gepostet.

Allerdings wünscht auch jemand, der als Angehöriger der serbischen Streitkräfte auftritt, dem kroatischen Nationalteam viel Glück.

Billige Propaganda auf dem Rücken des Nationalteams

Auch ohne diese Aussage wäre das Video reichlich bizarr.

Mit dem Slogan „Jedno srce, jedna duša, jedna Hrvatska!“, „Ein Herz, eine Seele, ein Kroatien“, feuern alle Teile der kroatischen Streitkräfte ihr Nationalteam bei der WM in Russland an.

Das lädt den kroatischen Beitrag zur Fußball-WM nationalistisch und militaristisch auf.

Es ist billige Propaganda auf Kosten einer hervorragenden Mannschaft im Turnier.

Die kroatischen Kicker haben sich mit ihrem taktisch vorzüglichen und beherztem Stil die Sympathien von Fußballfans im gesamten ehemaligen Jugoslawien gesichert.

Sogar darüber, dass einige Mitglieder nach Matches Lieder des neofaschistischen Sängers Thompson in der Kabine anstimmen, haben viele Fans inner- und außerhalb Kroatiens hinweggesehen.

Das hätte ein kleiner Beitrag zu einer Versöhnung werden können.

Das Video des kroatischen Verteidigungsministeriums setzt das aufs Spiel.

Im balkanischen Match Nationalismus gegen Fußball steht es wieder mal 1:0.

2 Gedanken zu “Sturm über Russland

  1. „Krila ‚Oluje‘“ zu eginn des Artikels wärenicht mit „Flügelstum für einen Fußballsturm in Russland.“ zu übersetzen; Kriöa Oluje ost der offizielle Name einer Kunstfliegerstaffel on Kroatien…
    Dass Operation Oluja eine ethnische Säuberung gewesen sei, widerspricht dem zweitinstanzlichen Urteil des ICTY im Verfahren gegen und zu Gunsten drei kroatischer Generäle, sowie dem Urteil des ICJ im Verfahren gegen und zu Gunsten Kroatiens.
    Und die in der Operation Sturm zurückeroberten Gebiete Krajina zu nennen macht auch nur wenig Sinn, da dieser Name nur währen des Krieges von den okkupierenden Streitkräften so genannt wurde (Republika Srpska Krajina), jedochnie völkerrechtliche Annerkennung gwnoss, und auch nicht vor odernach dem Krieg so genannt wurde.
    Billige Propaganda wie vom Ministerium betrieben gefällt mir kein bosschen, jedoch strotzt dieser „Empörungsartikel“ vor weiteren Fehlern und dient selber als nichts mehr denn billige Propaganda und Stimmungsmache.

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    1. Mit Verlaub: So eindeutig sind weder die Urteile, noch wird es von Serben wie von – vielen – kritischen Kroaten so eindeutig gesehen. Und: Die „Republika Srpska Krajina“ (auch Republik von Knin) hieß so, weil der Großteil des Gebiets eben in der Region Krajina lag bzw. der Name Krajinski Srbi für die dort lebenden Serben gebräuchlich war), also im Grenzgebiet zu Bosnien am nördlichen Sava Ufer. Die Region am südlichen Sava Ufer heißt übrigens Bosanska Krajina. Streng genommen zerfällt das, was hier als Krajina bezeichnet wird in zwei Abschnitte (Cetinska Krajina, nicht Teil Slawoniens, und Kninska Krajina – beides übliche Bezeichnungen). Natürlich könnte man auch den Begriff Slawonien verwenden, was der Überbebgriff für eine größere Region ist und zweifellos der gebräuchlichere Name. Allerdings würde er eben die dalmatinischen Gebiete nicht umfassen. Andererseits waren die östlichen serbisch besetzten Gebiete ja durchaus größer als das, was als Kninska Krajina bezeichnet wird. Wie man’s dreht und wendet, es gibt keine wirklich gute Lösung für dieses Problem. Ad Oluja: Und? Da wurde der Name der Staffel wörtlich übersetzt – der Kontext ist übrigens für jeden Menschen klar. Ändert nichts daran, dass der Begriff Oluja eben ein zweites Mal vorkommt in diesem Satz und daraus entsteht die Aufregung. Es gibt keinen Grund, den Begriff Fußballsturm zu verwenden.

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