Das Wien Museum beschäftigt sich mit den Erinnerungen der Gastarbeiter. Die Schau „Geteilte Stadt“ widmet sich vor allem dem Blick der Menschen, die ab den 60-ern nach Österreich gekommen sind. Ergänzt wird sie mit einer Veranstaltungsreihe. Mittwochabend stand eine interessante Diskussion über die (ex-)jugoslawische Dijaspora am Programm.

Es gibt Titel, über die stolperst du. „Der Zerfall Jugoslawiens und die Wiener Diaspora“ ist so einer.

Abstrakt und sperrig auf der Oberfläche bringt er Erinnerungen hoch, die viele lieber verdrängt hätten.

Der Krieg hat Gräben aufgerissen, auch hier. Hat zehntausende Gastarbeiter und ihre hier geborenen Nachfahren heimatlos gemacht. Über Nacht.

Daran erinnert dich dieser Titel. Wie der ferne nahe Krieg ins Wohnzimmer kam.

Was eine weitaus komfortablere Situation war als die etwa von Olivera Stajić. Sie ist heute Redakteurin beim Standard.

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„Ich war ein Gastarbeiterkind“, erzählt sie. Ihre Eltern wollten später zurück in die alte Heimat. „Also bin ich unten aufgewachsen und in die Schule gegangen.“ Als der Krieg in Bosnien losging, haben die Eltern Olivera 1992 nach Österreich geholt.

Wer wäre besser geeignet, diese Diskussion zu leiten als sie?

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„Ich dachte schon, ich bin verrückt“

Melita Sunjić ist leitende Kommunikationsexpertin des UNHCR. Sie kam schon als Kind nach Wien, bevor die erste Gastarbeiterwelle nach Österreich kam.

1991 gründete sie den Friedensdialog, der regelmäßige Veranstaltungen im Republikanischen Club abhielt und sich bemühte, dem nationalistischen Wahnsinn Verstand und Verständnis entgegenzusetzen.

Künstler und Intellektuelle diskutierten die Situation in Ex-Jugoslawien und versuchten, die Kriegspropaganda zu entlarven.

„Nach einer dieser Veranstaltungen kam ein junger Mann auf mich zu, der gerade vom Krieg geflüchtet war und sagte: Danke, dass ihr das macht. Ich hab schon geglaubt, ich bin verrückt, weil ich alleine so denke. Aber jetzt habe ich gesehen: Ich bin nicht allein.“

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Immer wieder klingt es, als kämpfe Sunjić während ihrer Erinnerungen mit den Tränen.

Auch bei Regisseur Goran Rebić reißt das etwas auf. „Ich habe gedacht, ich bin abgeklärt und satt. Wenn ich Ihnen zuhöre, kommt wieder einiges hoch“, sagt er zu Sunjić.

Der Krieg lässt sich nicht ausblenden

Es sind diese Erinnerungen, die die Wiener Dijaspora* bis heute prägen. Auch wenn die meisten ihrer Mitglieder den Hass hinter sich gelassen haben, viele sich eher als Jugoslawen begreifen als als Serben, Kroaten, Bosnier – oder wenn nicht als Jugoslawen dann als Jugos, als Angehörige des gleichen Kulturraums.

Man kann die Dijaspora nicht begreifen, wenn man den Krieg ausblendet.

 

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Für viele machte der Krieg klar: Zurück geht’s nicht mehr. Wir haben kein Land mehr, in das wir können. Das ist geblieben.

Zumal damals zehntausende Flüchtlinge ins Land kamen.

„Tu was, damit die Brandstifter nicht unsere Kinder anstecken“

Niko Mijatović war damals Obmann des alljugoslawischen Kultur- und Sportvereins Jedinstvo.

Viele Vereinsangehörige haben damals Flüchtlinge unterstützt: Sie haben Familien in Vereinsräumen untergebracht oder bei sich zuhause, Sammelaktionen gestartet.

Und die österreichische Politik eingeschalten, um zu verhindern, dass der nationalisische Hass auch hier um sich greift.

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„Heinz Fischer war damals Vorsitzender der jugoslawisch-österreichischen Freundschaftsgesellschaft. Wir sind zu ihm gegangen und haben ihm gesagt: Tut was, damit die Brandstifter nicht unsere Kinder mit dem Hass anstecken“.

Auch Druck auf den Verein gab es. Die Vertreter der neuen Nationalstaaten legten Jedinstvo nahe, sich umzubenennen. „Wir haben denen gesagt: Mit uns nicht.“

Der Verein heißt noch heute so.

Zu größeren Gewalttätigkeiten zwischen (ex-)jugoslawischen Ethnien kam es nicht.

Vernünftig bleiben im Wahnsinn

Goran Rebić erinnert sich, dass er damals als „Jugo-Nostalgiker“ beschimpft wurde. In Wien drehte er mit dem „Jugofilm“ eine der ersten Analysen des Jugoslawienkriegs.

„Wir haben für den Film alle Schauspieler gegen ihre Nationalitäten besetzt“, schildert er. Nur so habe man im Wahnsinn vernünftig bleiben können.

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Auch Rebić, der als Kleinkind nach Österreich kam, hat mit dem Zerfall des Landes auf gewisse Art eine Heimat verloren. Auch wenn sein Vater schon früh festgestellt hatte, er wolle hierbleiben.

„Ich hab mir damals überlegt, in Belgrad Film zu studieren. Belgrad und Zagreb waren damals urbane Zentren südosteuropäischer Kultur. Als der Eiserne Vorhang fiel, also zwei Jahre vor dem Krieg, hat mir mein Sensorium gesagt, dort ändert sich etwas. Ich habe es also bleiben lassen.“

„Jugoslawien hat eine Hauptstadt. Und das ist Wien“

Diese Erinnerungen sind bis heute da. Nur sehen will sie außerhalb der Dijaspora keiner.

Die Wunden von damals haben nicht nur die Menschen verändert, die sie erlitten haben. Auch Wien hat sich verändert. Nicht nur haben sie aus Gastarbeitern Wiener gemacht und neue Menschen in die Stadt gebracht.

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Vida Bakondy, Kuratorin der Ausstellung „Geteilte Stadt“.

Sie haben aus Wien auch ein kulturelles Zentrum für Ex-Jugoslawien werden lassen.

Oder, wie es Melita Sunjić formuliert: „Jugoslawien ist zerfallen. Aber Jugoslawien hat eine Hauptstadt. Und das ist Wien.“

Wären doch die Wienerinnen und Wiener nur ein klein bisschen stolz darauf. Egal, wo sie herkommen.

*hier bewusst in der Schreibweise in der Sprache ohne Namen.