Kärntens Sozialdemokraten und Grüne haben die Kärntner Slowenen im Stich gelassen. In der neuen Kärntner Landesverfassung sollen sie auf Druck der ÖVP de facto zum Verschwinden gebracht werden. Bei der missglückten Schmierenkomödie ballt sich mir die Faust in der Tasche zusammen. Ein persönlicher Kommentar.

Müssen wir das gleiche Spiel wieder spielen? Die bösen Kärntner Slowenen, die der Gesetzgeber gegenüber der deutschsprachigen Kärntner Bevölkerung bevorzugt?

Oder, wenn man, wie die Kärntner ÖVP, zu feige ist, das selber zu sagen, schickt man die bekannt empfindsamen Gemüter der organisierten Deutschtümler der Provinz vor und behauptet: „Die Leut“ könnten halt den Eindruck gewinnen, die Slowenen würden bevorzugt.

Und aus Angst vor „den Leuten“ kann man halt in die Landesverfassung nicht reinschreiben, dass „die Fürsorge des Landes“(…) „den deutsch- und slowenischsprachigen Landesleuten gleichermaßen“ gilt.

So sieht’s die Kärntner ÖVP. Und hat sich durchgesetzt mit dem Standpunkt.

Jetzt gilt die Fürsorge nur mehr „allen Landsleuten“ und dass es seit Jahrhunderten auch slowenische unter ebendiesen gibt, findet man versteckt in einer Nebenerklärung. Die Kärntner Slowenen werden wieder unsichtbar.

Dafür heißt es jetzt eindeutig: „Die deutsche Sprache ist die Landessprache sowie Sprache der Gesetzgebung“. Im alten Entwurf für die neue Landesverfassung war Deutsch nur die Sprache der Gesetzgebung und aus gutem Grund nicht die Landessprache.

Liebe Kärntner Sozialdemokratie und liebe Kärntner Grüne: Geht’s euch noch gut? Wie konntet ihr euch dem ÖVP-Diktat nur beugen? Wieso habt ihr dieses alte Spiel mitgespielt, das nicht weniger dreckig wird, wenn man’s nur oft genug wiederholt?

Auch Symbole haben eine Wirkung

Stimmt, die Kärntner Slowenen werden weiter ihre Schulen und Kindergärten haben. In den Ämtern Südkärntens werden sie weiter ihre Amtswege in ihrer Muttersprache erledigen können.

Auch die zweisprachigen Ortstafeln, um die sie jahrzehntelang gekämpft haben, werden stehen bleiben.

Das macht’s nicht besser, dass die slowenischsprachigen Kärntnerinnen und Kärntner in der neuen Verfassung des Bundeslandes zu einer Nebenbemerkung reduziert werden.

So, als müsste man sie halt anstandshalber erwähnen, würde sich ihrer aber sonst schämen.

Als ob die Sloweninnen und Slowenen Kärntens nicht schon immer Teil des Landesvolkes gewesen seien, ja die ursprünglichen Kärntnerinnen und Kärntner.

Als ob es nicht Resultat einer jahrhundertelangen Assimilationspolitik gewesen wäre, die dazu geführt hat, dass Kärnten heute mehrheitlich deutschsprachig ist.

Der Passus in der neuen Landesverfassung wäre nur ein Symbol gewesen. Aber auch Symbole haben eine Wirkung.

Angst vor den Slowenen haben nur mehr ein paar Spinner

Ich schäme mich für euch, liebe Kärntner Grünen und vor allem für euch, nicht mehr ganz so liebe Kärntner Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten.

Hättet ihr’s halt drauf ankommen lassen und wärt in die Wahl gegangen mit dem ursprünglichen Entwurf für die Landesverfassung. Ihr wärt belohnt worden.

Der Hass auf und die Angst vor den Kärntner Slowenen ist in Kärnten heute ein Programm von ein paar Spinnern.

Das mobilisiert nur mehr ein paar Stimmen im Kärntner Heimatdienst. Die sterben erstens aus und zweitens ist antislowenische Politik nicht mal mehr dort unumstritten.

Dann gibt’s noch die großdeutschen Großbauern. Die waren seinerzeit Nazis, die Hoferben sind bis heute Nazis und wenn kein Wunder geschieht, werden ihre Erben Nazis bleiben.

(Dass die großdeutschen Großbauern in Südkärnten bei der Volksabstimmung 1920 geschlossen für das autoritäre Königreich Jugoslawien votiert haben, damit sie ihre Mägde und Knechte besser ausbeuten konnten als in der Republik Österreich, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. 1938 waren sie für den Anschluss an Deutschland. Vaterlandslose Gesellen, immer schon.)

Von den großdeutschen Großbauern ist ohnehin grad jeder zweite mit Gerichtsverfahren wegen Korruptionsgeschichten beschäftigt oder erholt sich gerade von seiner Strafe.

In der Landespolitik haben die großdeutschen Großbauern nichts mehr zu melden. Vor denen braucht man sich nicht zu fürchten.

Es ist das gleiche Lied. Es ist der gleiche Tanz.

Wieso ausgerechnet die Volkspartei geglaubt hat, dass sie 2017 wieder mit der Slowenen-Angst hausieren gehen muss, versteh ich nicht.

Ich weiß nur: Es ist das gleiche Lied. Es ist der gleiche Tanz.

Just, wo das erste Mal seit Jahrhunderten die Slowenenfrage keine Rolle mehr gespielt hat. Wo Kärntner Sloweninnen und Slowenen das erste Mal überhaupt ihre Rechte ausüben durften, ohne, dass es ein Skandal gewesen wäre.

Ich bin nicht der einzige. Auch der niederösterreichische Landtagsabgeordnete Lukas Mandl von der ÖVP versteht seine Parteikollegen nicht ganz.

Er formuliert seine Kritik zurückhaltend, aber deutlich. Man muss verstehen, dass er’s bei Kritik an der eigenen Partei zuerst diplomatisch versucht.

Ich sehe keinen Grund zur Zurückhaltung.

Mir ballt’s die Faust in der Hose zusammen, wenn ich lesen, dass 2017 wieder wer antislowenische Rhetorik auspackt.

Die slowenische Sprache verschwand mit meinen Urgroßeltern

Mir geht das persönlich nahe.

Ein Urgroßelternpaar von mir kamen aus der slowenischen Minderheit in Österreich.

Mein Urgroßvater war Kärntner Slowene. Streng genommen war er ein Windischer. Er sprach einen slowenischen Dialekt, der nur in Kärnten gesprochen wird.

Manche Leute versuchen, diesen Dialekt als Mischsprache zu verunglimpfen.

Meine Urgroßmutter war – so zumindest die Überlieferung – steirische Slowenin.

Ich weiß nicht, ob meine Urgroßeltern meiner Großmutter Slowenisch beigebracht haben.

Ich weiß nicht einmal, ob meine Urgroßmutter selbst Slowenisch sprach.

Ich weiß nur, ich habe meine Großmutter nie Slowenisch sprechen gehört.

Die österreichisch-slowenische Kultur in meiner Familie starb mit meinen Urgroßeltern aus.

Vielleicht war ihnen das selbst nicht wichtig. Wenn, war es ihre Entscheidung, die zu respektieren ist.

Wenn es Angst war, war sie berechtigt

Vielleicht dachten sie auch, dass es nicht gescheit wäre, ihr kulturelles Erbe weiterzugeben.

Erst ein paar Jahre davor, im Zweiten Weltkrieg, waren Kärntner Sloweninnen und slowenischsprachige Kinder ins KZ geschickt worden. Die Männer zwang man, in der Wehrmacht zu kämpfen.

Auch davor war es nicht so klug, in der Öffentlichkeit slowenisch zu sprechen. Die Slownen wurden diskriminiert und drangsaliert. Das hörte mit dem Krieg nicht auf.

Nachher wurden die Slowenen als Vaterlandsverräter beschimpft. Viele hatten bei den jugoslawischen Partisanen für Österreichs Freiheit gekämpft.

Das passte den großdeutschen Großbauern nicht. Die waren in der SS gewesen.

Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs bestanden auf einem Passus im Staatsvertrag, der die Rechte der Kärntner Slowenen garantierte. Er blieb bis in die 70-er Jahre totes Recht.

Wenn meine Urgroßeltern in der Stimmung Sprache und Kultur nicht an ihre Nachkommen weitergeben wollten, wenn sie die Köpfe einzogen, finde ich das bedauerlich aber ich verstehe es.

Das „Niemals wieder“ klingt hohl

Ich weiß nur: Ich will nie wieder eine Stimmung in diesem Land haben, wo Eltern Angst haben, ihren Kindern ihre Muttersprache beizubringen.

Die ÖVP Kärnten hat mein Vertrauen erschüttert, dass das nie wieder passieren kann.

Die Kärntner Sozialdemokratie und die Kärntner Grünen haben mein Vertrauen erschüttert, dass es in diesem Land politische Kräfte gibt, die kompromisslos für die Rechte von Minderheiten einstehen.

Das „Niemals wieder“ gegen den Faschismus, das beide gerade am Gedenktag der Februarkämpfe auf ihren Lippen führten, klingt seltsam hohl.

Es klingt wie die Anbetung von Asche eines längst erloschenen Feuers.

Titelbild: (c) Majda Turkić

Dieser Beitrag erscheint auch bei den Ruhrbaronen.