Jelena hängt mir die Verantwortung um. Mina enthüllt den Erfolg der Teheraner Schweinefleisch-Mafia. Das Jahr hat Geburtstag und stirbt.

„Also, du bist verantwortlich“, teilt mir Jelena mit. Ihr Blick verrät mir, ein Nein gibt’s nicht.

Eine Minute ist’s noch.

„Wieso ich?“

„Du bist Österreicher. Du bist pünktlich. Wir Tschuschen schaffen das nicht.“

„Ähm…“

Wollen wir hoffen, dass die Uhr auf meinem Handy halbwegs sekundengenau eingestellt ist.

Alle schauen auf mich.

Nach Bauchgefühl hol ich das Ding aus der Hosentasche. Akkurat springt die Uhr von 23:59 auf 00:00.

„Sretna Nova Godina“ ruf ich. Alle jubeln. „Sretna Nova Godina“ tönt’s aus der Ecke. „Srećna Nova Godina“ aus der anderen.

Toni kriegt auch drei Bussis ab. Versehentlich. Ich schwöre.

Mina gießt Sekt in die Plastikbecher. Wir fallen uns um den Hals. Neujahrsbussis allerorten.

Drei auf die Wangen bei Aleksandar.

Dann Djordje. Der hatte gerade genauso Geburtstag wie das Jahr. Nur halt den 50. Und er lebt noch. Das kann man vom alten Jahr nicht behaupten.

So ein Jahr wird halt nicht alt, denk ich mir.

Drei Bussis bei Jelena. Drei bei Goran. Drei bei Maja, der zweiten Kellnerin heut abend. Drei bei dem sehr hübschen Mädel, das ich heut zum ersten Mal gesehen hab.

Im allgemeinen Bussi-Überschwang kriegt Toni auch drei von mir. Kommt nicht so gut. Er ist Kroate. Vergisst man halt manchmal.

Die Anzahl der Bussis ist das einzige im Lokal, wo’s nicht wurscht ist, was wer ist.

Das Buffet ist übervoll

Bei Mina nur eine herzliche Umarmung und ein Bussi auf die Wange. Sie ist aus Teheran.

Die studierte Geigerin ist ein ausgesprochen herzlicher und freundlicher Mensch aber ich hab keine Vorstellung, wie viel körperliche Nähe in der iranischen Kultur als angemessen gilt.

Ich hab ja auch eine Zeitlang gebraucht, um die Körperlichkeit der ex-jugoslawischen Kultur zu lernen und auszuhalten. Warum soll’s nicht bei einer Iranerin auch so sein?

Die Tür fliegt auf und wir gehen Feuerwerk schauen.

Die kalte Luft ist bei unseren diversen Graden der Alkoholisierung vielleicht nicht die beste Idee. Andererseits, das Buffet ist für mindestens doppelt so viele Leut ausgelegt. Da kann man die Sauerstoff-Ohrfeige kompensieren.

Ich muss glücklicherweise nicht. Ich hab mir vorher eine Prasetina gemacht und mich so vollgeschlagen, dass ich mich wundere, dass ich es ins Lokal geschafft hab.

Ich trinke einen Jack Daniels mit Mina. Sie mag Whiskey. Ich hab auch länger keinen mehr getrunken.

„Ein Cousin von mir hat immer Whiskey zuhaus“, verrät sie mir. „Ich hab ihn gefragt, wo er den her hat. Aus einer Botschaft.“

Die sehr hübsche Fremde ist leider gerade gegangen. Ich weiß noch immer nicht, wie sie heißt.

Alkohol gibt’s viel in Teheran, sagt Mina. Auch in vielen Lokalen. In Hinterzimmern. „Man sollte nicht überall trinken. Da gibt’s auch viel schlechten Alkohol. Immer wieder liest man, dass wer von illegalem Schnaps blind geworden ist.“

Mina nimmt sich was vom kalten Ferkel. „Eigentlich bin ich ja Vegetarierin“, sagt sie.

Bleibt man halt nicht lang, wenn man in einem Jugo-Lokal arbeitet.

Mich überrascht, dass Mina Schwein isst.

Ich kenn viele Bosnjaken, die’s mit Religion überhaupt nicht haben und gerne trinken. Das tun auch viele, die sich selber als religiös sehen. Die bosnische Rakija ist ja nicht nur zum Export da.

Nur Schwein essen die wenigsten. Da werden auch die meisten Atheisten auf einmal muslimisch. „Du weißt eh, meine Religion. Wir essen kein Schwein.“

Die Spuren zur Schweinefleisch-Mafia verdichten sich

„Ich hab das erste Mal Schwein in Teheran gegessen. Da hat mich mein Bruder mitgenommen. Das war ganz frisch und gut. Ich hab mich schon damals gefragt, wie das geht.“

Das war nicht das einzige Mal. Und häufig Frischfleisch. Nicht Speck oder Wurst.

Offenbar kriegst du in Teheran leichter Schweinefleisch als in Sarajevo, wo’s legal ist.

„Ich hab aber keine Ahnung, wie die das ins Land kriegen und wo’s herkommt. Vielleicht aus Armenien oder Russland?“

Es muss im Iran eine Schweinefleisch-Mafia geben.

Mina lacht, als ich den Begriff verwende. „Ja, du hast Recht. Das muss sowas sein.“

Ob die die Kontrabande im Ganzen schmuggeln oder zerteilt und eingeschweißt?

„Eingeschweißt wär einfacher“, sage ich. „Das kannst unter Kalbfleisch packen, da musst du schon genau schauen, dass dir das auffällt.“

Sofern nicht die Grenzwachebeamten geschmiert werden, wenn die Schweinefleischlieferungen ins Land kommen. Das vermutet Mina. Dann könnte man den ganzen Kühl-Lkw randvoll mit Schweinefleisch anfüllen.

YU-Rock und ein Stamperl Rakija

Mina geht das Buffet wiederauffüllen. Alle haben volle Teller. Der Karton mit dem Ferkel und der mit dem kalten Lamm ist freilich immer noch halbvoll.

Das schaffen die nie.

Mina kommt zurück und schenkt sich ein kleines Starobrno ein. Ich nehm ein großes.

Die zweite Kellnerin Maja aus Beograd schmust mit ihrem Freund. Es ist etwas weniger hektisch geworden.

Der Computer spielt seit dem Jahreswechsel nur YU-Rock. Die Nummer gerade klingt wie STS, ist aber zehn Jahre älter.

Jelena singt und tanzt mit.

„Wenn’s eine Schweinefleisch-Mafia im Iran gibt, gibt’s dann auch eine Anti-Schweinefleisch-Mafia-Sondereinheit der Polizei“, frage ich Mina.

„Ich weiß es wirklich nicht. Aber das muss ich herausfinden“, sagt Mina und lacht.

Vor mir steht ein Šljivovic. Im Lokal haben sie den kroatischen Badel. Trinkbares Zeug. Eine Runde vom Geburtstagskind Djordje.

Die Razzia

Ich male mir gerade aus, wie die schwarz maskierten Männer der Anti-Schweinefleisch-Mafia-Sondereinheit der iranischen Polizei nächstens eine Schweinefleisch-Übergabe in einem Hinterhof in Teheran stürmen.

Sturmgewehr im Anschlag. Schusswesten. Vielleicht sogar Blendgranaten. Splittergranaten werden sie keine verwenden. Die könnten die Ladung zerfetzen und alle sind voll Schweineblut. Will auch keiner. Kein Risiko eingehen.

Wie lange haben sie die Lkw-Bewegungen observiert? Ist der Anti-Schweinefleisch-Mafia-Sonderstaatsanwalt informiert vom Zugriff? Brauchen die für sowas einen Durchsuchungsbefehl?

Sind die Mitarbeiter der Schweinefleisch-Mafia schwerbewaffnet? Geben sie leicht auf? Kämpfen sie bis zur letzten Patrone?

Kann der Restaurant-Besitzer, der Käufer der Ware, entkommen?

Und wie ist das, wenn sie ausnahmsweise einen Lebendtransport erwischen? Was machen die dann mit den Tieren?

Mina kriegt sich nicht mehr ein vor Lachen.

„Du solltest vielleicht ein Drehbuch schreiben“, meint sie.

Da sollte unbedingt rein, dass die iranische Schweinefleisch-Mafia wahrscheinlich eine der stärksten Stützen des Mullah-Regimes ist. Wenn Schwein legal wird, fallen die um ihre Profite um.

Wär ein Gedanke. Nur, heute fange ich nicht mehr an. Es ist vier.

Das Buffet ist immer noch nicht leer.

Der (ost-)österreichische Ausdruck Beisl, auch Beisel oder Beis’l geschrieben, entspricht etwa der deutschen Kneipe.