Ein Deutscher und ein Österreicher sitzen im selben bosnischen Bus. Fernfahrerpillen und eine Nierenkolik helfen nur bedingt weiter. Eine tragikomische Geschichte.

Der Bus aus Mostar bleibt auf Peron 12 stehen. Die Passagiere hüpfen raus. Feuerzeuge gehen an. Rauch steigt auf. Einer der Fahrer macht den Gepäckraum auf.

„I will not stay on this bus. This is crazy and dangerous. Fuck you.“

Bunte kurze Hosen, knallbuntes T-Shirt, keine Socken in den Sandalen.

Wäre nicht der ausgeprägt deutsche Akzent mit noch einem nicht genau zuordenbaren Einschlag, man würde das schreiende unterstetzte Männchen für einen amerikanischen Touristen halten.

„It is Bajram and everything is closed today. This is impossible. I have payed 56 Euros for the ticket and I have to be in Germany tomorrow. No, yesterday.“

Das deutsche Männchen ohne Socken zieht einen knallgrünen Trolley-Koffer hinter sich her und gestikuliert mit der anderen Hand durch die Gegend. Die hält einen knallvollen Plastiksack.

Es geht um Leben oder Tod. Oder so.

Vor dem zweiten Cafe bleibt er stehen und fragt den Kellner, wo er her sei und ob er die Polizei rufen könne.

Der Kellner verneint.

Die ersten Gäste schauen von ihrem Kaffee auf.

„I am a doctor. I am from Heidelberg“, ruft das Männchen ohne Socken. „A medical doctor. It is a matter of life and death.“

Alle Augen sind auf den Heidelberger ohne Socken gerichtet.

„We have a man on the bus and I tell you he will die if he doesn’t go to a hospital. And the driver doesn’t help me.“Er schreit etwas von „kidney failure“ und „blood on his pants“.

Ich sage dem Heidelberger ohne Socken auf Deutsch betont ruhig und in Annäherung an meine Radiostimme: „Sagen Sie mir, was los ist, vielleicht finden wir eine Lösung.“ Man will ja auch von einem Doktor aus Heidelberg verstanden werden. Wenn’s um Leben oder Tod geht, sowieso.

„Wir haben im Bus einen Wiener, der hat eine kaputte Achillessehne, ein Bein im Gips, das andere im Verband, der hat Blut an der Hose und gestern hatte er eine Nierenkolik, der hat Schmerzen. Er will bis Wien fahren und will sich hier nicht im Spital behandeln lassen. Der hält das nicht durch bis Wien, ich habe Angst, der wird sterben. Die Achillessehne, die Nieren, die Fahrt, das hält kein Immunsystem durch, Nierenversagen. Ich kann ihn nicht behandeln.“

Ich rate ihm, mit dem Personal des Busbahnhofs zu reden. Vielleicht fiele denen ja ein, wie man den Mann zu einer Behandlung überreden könne. Zwingen werde man ihn vermutlich auch in Bosnien nicht können.

Mir wird klar, ich habe es mit einem Verrückten zu tun

„Können Sie auf meine Sachen aufpassen, bis ich zurück bin“, fragt mich der Doktor ohne Socken.

Klar, mein Bus nach Mostar fährt erst eine Vierteltunde nach seinem ab.

Das Männchen dreht sich in Richtung Ausgang, schaut kurz dorthin und zurück zu mir.

„Ich habe wenig geschlafen. Ich war jetzt drei Wochen lang als Arzt Freiwilliger bei einer Hilfsorganisation in Mostar Was ich dort gesehen habe, ich war drei Wochen im Hostel.“

Wir zünden uns eine Zigarette an. Sein Trolley-Koffer steht vor meinem Tisch. Der randvolle Plastiksack auf dem Tisch.

„Ich muss heute zurück in Deutschland sein. Nein, gestern. Ich habe einen wichtigen Termin.“

„Konzentrieren Sie sich auf die Aufgabe“, rate ich sanft.

Der Doktor ohne Socken gibt sich einen Ruck. „Ach ja.“Er weist auf seinen randvollen Plasticksack. Ich erkenne diverse Schokoriegel und ähnliches Süßzeug.“Das hab ich in Mostar gekauft. Bedienen Sie sich nur.“

Spätestens, als er mir erklärt, er habe innerhalb von drei Stunden für den Inhalt 100 KM an einem Kiosk ausgegeben, weiß ich, ich habe es mit einem Verrückten zu tun.

„Und wissen Sie, wo ich hier Geld wechseln kann?“

„Können Sie sich um den Patienten kümmern, während ich weg bin? Der sitzt dort drüben und spricht gut Deutsch.“

Der „Patient“ wirkt recht entspannt

Ich schaue in die Richtung, in den Gastgarten des zweiten Cafes. Ein grauhaariger Mann um die 40 winkt freundlich herüber.

„Das ist er.“

„Ich nehme die Sachen besser mit. Dann können Sie sich ihm voll widmen. Vielleicht können Sie ihn ja überzeugen, dass er ins Spital muss.“

Der Doktor ohne Socken geht zum Ausgang. Den knallgrünen Trolley-Koffer zieht er nach.

Die Sache beginnt mich zu interessieren. Ich lasse zwei Mark am Tisch für meinen Kaffee und gehe zum Patienten rüber. Der hat neben sich zwei Krücken lehnen.

„Darf ich?“

„Klar.“

„Der Mann nervt mich seit drei Stunden. Seitdem er eingestiegen ist,  schreit er herum und redet auf mich ein. Mal ist er Arzt, mal ist er Weltraumtechniker. Wahrscheinlich ist er Hartz IV.“

Wir stellen uns vor. Er ist Amer und stammt aus Mostar. Seit 20 Jahren lebt er in Wien und ist Bauarbeiter.

„Das Blut auf der Hose kommt von der Infusion gestern Nacht im Spital in Mostar. Mein Vater hat mich hingefahren. Ich weiß, wie so eine Nierenkolik ist, ich hatte vor acht oder neun Jahren schon eine.“

Jetzt hat er keine Schmerzen mehr. „Ich hab genug Medikamente mitgekriegt, jetzt hab ich grad welche genommen. In Wien fahr ich sofort mit dem Taxi ins Spital. Morgen müsste ich eh hin, da hab ich einen Termin für den Fuß.“

Die Achillesssehne ist ihm vor drei Wochen auf dem Weg in die Arbeit gerrissen, in der U-Bahn-Station Westbahnhof.

„Die haben mich im Spital sofort operiert. Ich wollte zuerst nicht, aber die Ärztin hat gemeint, wenn ich das nicht machen lasse, werd ich immer humpeln.“

Dann ist er zu seinem Vater nach Mostar gefahren, um sich pflegen zu lassen. „Ich wohne allein, da ist das schwierig.“

Amer will schlafen. Der Deutsche ohne Socken lässt ihn nicht.

Der Heidelberger ohne Socken ist zurück. Er hat jemanden vom Busbahnhofspersonal mit sich. Er schreit und gestikuliert. Der Busbahnhofsbedienstete schaut in unsere Richtung, zuckt mit den Achseln und geht wieder.

Die Leute aus dem Bus nach Mostar tuscheln und lachen.

„Der Mann ist ein Verrückter. Ich weiß nicht, was los ist mit ihm. Aber du kannst dir vorstellen, dass ich jetzt lieber schlafen würde. Aber der gibt einfach keine Ruhe.“

„I will not get on this bus anymore. Fuck you!“

Es müssen Fernfahrerpillen sein.

„Und dann zeigt er dauernd sein Geld herum. Der hat 1.000 Euro bei sich. Das ist doch verrückt. Das macht man hier nicht.“

Er hoffe nur, dass dem Männchen nichts passiere, sagt Amer. „Wenn der weiter so rumschreit und durch die Stadt rennt, kriegt er noch Probleme.“

Amer kann unbehelligt weiterfahren

Das scheint dem Schreienden nicht bewusst zu sein. Er verzieht sich mit seinem knallgrünen Trolley-Koffer wieder Richtung Ausgang. Man hört ferne ein „Fuck you“.

Die Passagiere aus Mostar schütteln den Kopf.

„So ist das, wenn Deutsche nicht schlafen“, sage ich. Man lacht.

Amer humpelt auf seinen Krücken zurück zum Bus. Ich wünsche ihm viel Glück. Und freue mich für ihn, dass er ohne Dauerbeschallung ein bisschen schlafen kann.

Das braucht er sicher auf seinem Weg nach Wien. Zwölf Stunden wird die Fahrt noch dauern.

Titelbild: Christoph Baumgarten im Bunker in Konjic. (c) Majda Turkić