Cover des Gedichtbands "Želim njega, glupana" von Jasmin Porobić

Tipps für Kurzentschlossene

Wer die Vorfreude auf interessante Lektüre über die Feiertage hinaus verlängern möchte, dem seien hier einige Neuerscheinungen und ein Klassiker ans Herz gelegt. Alle haben sie mit dem ehemaligen Jugoslawien zu tun, vor allem mit Bosnien.

Selten hat mir etwas so viel Freude bereitet, wie Selmas internationales Buchdebut zu verkünden.

Selma, das ist Selma Asotić. Lyrikerin, Übersetzerin, Aktivistin, mir eine Freundin – auch, wenn wir uns seit ihrer Emigration aus Bosnien bedauerlicherweise nicht mehr gesehen haben.

„Say Fire“ heißt ihr erster englischsprachiger und außerhalb von Bosnien veröffentlichter Gedichtband. Die Kritiken sind äußerst positiv, um es zurückhaltend zu formulieren.

„Leaning into her own recursions, hesitations, and doubt, Asotić alchemizes language into something corporeal. With lines that conjure the chimeric turns of Alejandra Pizarnik, Lucie Brock-Broido, and Marina Tsvetaeva, Asotić illumines a life lived in the wake of war – the bodies that touch and leave us, like waves retracting their gestures“, heißt es etwa beim Department auf Comparative Literature der University of Massachusetts, Amherst.

Gut, Selma ist dort Doktoratsstudentin. Man darf erwarten, dass eher freundlich berichtet wird. Aber die Leute wissen halt, was gut ist. Und so viel Lob gibt’s nur für Qualität.

Zu erstehen ist „Say Fire“ bei archipelago books, wo ihr auch etliche Rezensionen des Bandes findet.

Realistischerweise wird es eher nicht unter dem Weihnachtsbaum landen. Dazu kommt diese Empfehlung etwas kurzfristig. Aber es gibt ja die Zeit zwischen den Feiertagen und ein Leben danach.

Und, seien wir uns ehrlich, ist es nicht vielleicht sogar ein bisschen cooler, wenn ein Geschenk so exklusiv ist, dass es erst mit Verpätung ankommt? Ob man es einem geliebten Menschen schenkt oder sich selbst.

Und wenn das kein Argument ist: Hier könnt ihr eines der Gedichte aus dem Band lesen, auch das bekannte Magzin „The Dial“ hat vorab zwei der Gedichte Selmas veröffentlicht.

Viel Aufmerksamkeit für ein Erstlingswerk

Mit einer gewissen sprachlichen Hürde kommt ein ebenfalls neuer Gedichtband, ebenfalls ein Debut: „Želim njega, glupana“ von Jasmin Porobić.

Das kritische bosnische Portal Tačno.net beschreibt das Buch als „subtiles, aber kraftvolles poetisches Zeugnis gegenwärtiger emotionaler und identitätsbezogener Turbulenzen“.

„Želim njega, glupana“, vorgestellt vor drei Tagen in Sarajevo, erfährt für einen Lyrikband erstaunliche öffentliche Aufmerksamkeit. Es berichten etwa die Banja Lukaer Zeitung Nezavinse Novine, die Nachrichtenagentur Fena und das Portal Frontal, und, etwas überraschender, das Lifestyle-Magazin Ljepota i zdravlje.

Zu erstehen ist das Werk am zuverlässigsten bei einem Besuch in Bosnien. Online scheint der vom Centar za kritičko mišljenje in Mostar herausgegebene Band bislang nicht erhältlich zu sein.

Zeit, sich einem Klassiker zu widmen

Dass es in Bosnien nicht immer so enthusiastisch zugeht bei der Kultur, vor allem, wenn man als Frau veröffentlich, zeigt ein auf Deutsch erschienener Klassiker, dem man sich getrost wieder zuwenden kann.

„Scheherazade im Winterland“ erzählt von Safeta Obhodjas Erfahrungen als Studentin und angehenden Schriftstellerin in der nicht nur aus ihrer Sicht männlich dominierten Gesellschaft Bosniens.

Aus der Perspektive der jungen Nadira schildert die deutsch-bosnische Schriftstellerin, wie sehr sich Machokultur und Konservatismus unter der Oberfläche des sozialistischen Jugoslawien hielten, und wie vor allem Frauen unter der Situation litten und im Nachkriegs-Bosnien leiden.

„Scheherazade im Winterland“ seziert auch manchmal vielleicht überspitzt die Widersprüche der muslimischen Gesellschaft Bosniens.

„Diese Existenz zwischen den Stühlen der alten Tradition einerseits und dem Minderheitenstatus im neuen Jugoslawien andererseits hatte natürlich Folgen für die Lage der Intellektuellen und Künstler in Bosnien. Viele von ihnen ließen sich vereinnahmen, wechselten sozusagen auf die Seite der Kroaten oder Serben. Als Nadira ihre ersten Erzählungen veröffentlicht und Bekanntschaft mit dem kleinen Literaturbetrieb von Sarajevo schließt, stellt sie mit Schrecken fest, daß es nicht möglich ist, einfach nur als Autor oder als Autorin Anerkennung zu finden. Auch das sind Erfahrungen, die Safeta Obhodjas mit ihrer Heldin Nadira teilt“, schreibt etwa Eva Pfister in einer Rezension für den Deutschlandfunk.

Zu erstehen ist das Buch unter anderem hier.

Ein brauchbarer Überblick

In die Kategorie Sachbuch fällt der letzte Balkan Stories-Literaturtipp des Jahres: Vor knapp sechs Wochen ist bei der Bundeszentrale für politische Bildung in Deutschland das Buch „Der Westbalkan. Im Wartezimmer der EU“ erschienen, verfasst von Krsto Lazarević, Franziska Tschinderle und Danijel Majić.

Die 13 Kapitel bieten einen aktuellen und brauchbaren Überblick über die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und Albanien.

Gleichwohl schimmert immer wieder eine spezifisch westliche bzw. westeuropäische Sicht durch – was bei der Fragestellung aber auch nicht allzu überraschen sollte.

Erhältlich ist die Publikation für wohlfeile fünf Euro bei der bpb.

Titelfoto: Cover von „Želim njega, glupana“ von Jasmin Porobić.

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