Bijela Tabija, Sarajevo

Dieser historische Blick tut wohl

Die Geschichtspodcasts Epochentrotter und Deja-vu-Geschichte haben eine interessante Folge aufgelegt. Es geht um die Osmanische Expansion am Balkan im Spätmittelalter. Wer sich für die Region interessiert, sollte sich das anhören.

Neugierig, unaufgeregt, gut recherchiert. Das ist die Folge „Die Osmanische Expansion nach Europa. Der Balkan im Spätmittelalter“ der Geschichtspodcasts Epochentrotter und Deja-vu-Geschichte.

Der Historiker Ralf Grabuschnig breitet für Katharina und Marvin Gedigk und die komplexe und manchmal zähe Geschichte ganz wohltuend und ziemlich frei von den Stereotypen auf, die man so häufig gerade im deutschsprachigen Raum findet.

Bis auf wenige Kleinigkeiten ist das ein Geschichtspodcast, wie er sein sollte. Hört selbst.

Was hier vor allem wohltuend auffällt, ist der informierte Außenblick von Ralf. Er gerät zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd ins Fahrwasser der diversen nationalen und nationalistischen Narrative. Das ist alles andere als selbstverständlich.

Selbst Noel Malcolms sehr empfehlenswertes Buch „Bosnia. A Brief History“ schafft es nicht immer, die zu umschiffen.

Die Schwierigkeit der Vereinfachung

Ganz ohne Kritisierbares geht es nicht ab. Ein Podcast muss vereinfachen. Dem fallen manche Nuancen zum Opfer.

Ralf etwa hält sich nicht mit der Entwicklung des Status der jeweiligen Balkan-Reiche auf. Ob Herzogtum, Königreich oder Zarenreich macht einen gewissen Unterschied. Man kann durchaus diskutieren, dass das in so einem Überblick Nebensache ist.

Andererseits ist etwa die mittelalterliche serbische Geschichte gerade in der Facette faszinierend. Von Fürst, König und Despot trugen die serbischen Herrscher viele Titel. Stefan Uroš IV. Dušan war gar Zar.

Kurz nach seinem Tod ein weiteres faszinierendes Kapitel der mittelalterlichen Balkan-Geschichte. Unter Stjepan Tvrtko I. Kotromanić schälte sich das bosnische Fürstentum aus der ungarischen Souzeränität heraus und wurde Königreich. Das hatte auch damit zu tun, dass die Kotromanić-Dynastie das Erbe der Nemanjiden in Serbien antrat. Serbien und Bosnien waren eigenständige Königreiche in Personalunion unter dem jeweiligen König Bosniens.

Das passierte genau zu dem Zeitpunkt, als die Osmanische Expansion am Balkan Fahrt aufnahm. 12 Jahre nach Trvtkos Thronbeschreibung trafen einander das serbische Heer, verstärkt von bosnischen und albanischen Einheiten, am Amselfeld auf das Heer der Osmanen.

Das geht ein wenig unter in dieser Folge, zu kleinen Enttäuschung von Geschichtsenthusiaisten wie meinereiner. Aber vielleicht behandelt Ralf das ja ausführlicher in seiner Reihe zur Balkan-Geschichte auf seinem Youtubekanal.

Wenn wir beim Amselfeld sind: Was positiv auffällt, ist, wie Ralf die Schlacht einordnet: Vor allem als Teil einer nationalen Mythologie. Sie war nicht unbedeutend, aber in der Osmanischen Eroberung des serbischen Königreiches nur eine Episode.

Das hätte drin sein sollen

Was bei den Erklärungen zur militärischen Expansion fehlt, ist der Skenderbeg-Aufstand. Gjergj Kastrioti führte Mitte des 15. Jahrhunderts über 25 Jahre einen multinationalen Krieg gegen die Osmanen, denen er zuvor gedient hatte.

Auch der wird heute mythologisch überhöht. Für viele Albaner hat er die gleiche Bedeutung wie die Schlacht am Amselfeld, wird zu einer Art spirituellen Gründung der albanischen Nation gedeutet. Skenderbeg ist der albanische Nationalheld schlechthin. Keine mehrheitlich albanische Stadt, die ohne ein Denkmal für ihn auskommt. Interessanterweise versuchen nicht wenige serbische Nationalisten, Skenderbeg zu vereinnahmen.

Sein Helm ist eines der Prunkstücke des Kunsthistorischen Museums in Wien.

Dem hätte man einen Satz oder zwei widmen können.

Religionsgeschichte: Gut gemacht, ein paar mehr Details hätten gut getan

Wo etwas weniger Überblick und ein paar Details mehr gut getan hätten, ist die Einordnung der Religionsgeschichte. Ralf schildert völlig richtig, dass Islamisierung dem Osmanischen Reich viel weniger ein Anliegen war als einen das heutige Rückprojektionen und nationalistische Narrative vermuten lassen.

Und sehr richtig wird ausgeführt: Halbwegs erfolgreich, wenn man den Ausdruck verwenden will, war das Vordringen des Islam in den Gebieten, wo es schwache kirchliche bzw. administrative Strukturen gab.

In Bosnien waren orthodoxe wie katholische Kirche im Spätmittelalter Randerscheinungen. In der Bevölkerung herrschte ein Volkschristentum vor, das heute oft als Kirche von Bosnien oder Bosnische Kirche bezeichnet wird. Ein eigenständiges Gebilde, das Katholiken wie Orthodoxe für ketzerisch hielten.

Historiker sehen das weitgehend als Hauptgrund, warum in Bosnien relativ viele Menschen vor allem aus der Oberschicht und in den Städten zum Islam konvertierten. Mit Betonung auf relativ.

Den größten Teil der Geschichte dürfte das kaum mehr als ein Viertel oder gar nur ein Fünftel der Bevölkerung gewesen sein. Zur größten religiösen Gruppe wurden Bosniens Muslime erst Mitte des 20. Jahrhunderts, im sozialistischen Jugoslawien.

Dass sie mittlerweile offiziell ganz knapp mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Bosnien sind, liegt an der assymetrischen Emigration aus dem Land. Für Orthodoxe und Katholiken ist es viel einfacher, aus Bosnien auszuwandern. Katholiken kriegen problemlos die kroatische Staatsbürgerschaft und können in die EU auswandern. Orthodoxe bekommen leicht die serbische Staatsbürgerschaft. Und bei allen Problemen in Serbien ist es dort wirtschaftlich einen Hauch besser als in Bosnien.

Genau kennt man den Anteil der Muslime in Bosnien freilich nicht. Trotz aufrechter Bemühungen von Bosniens Statistikern sind bosnische Bevölkerungstatistiken notorisch unzuverlässig. Offiziell leben im Land knapp 3,4 Millionen Menschen. Tatsächlich sind es etwa 2,5 Millionen. (Mehr lest ihr hier.)

Die zweite Gruppe, in der relativ viele Menschen zum Islam konvertierten, waren die Albaner. Bei ihnen dürften vor allem schwache administrative Strukturen eine Rolle gespielt haben.

Auch hier dürfte die meiste Zeit seit der Osmanischen Expansion der muslimische Bevölkerungsanteil deutlich geringer gewesen sein als heute. Von regionalen Abweichungen wie im Kosovo abgesehen dürften Katholiken und die kleinere orthodoxe Gruppe grosso modo nach wie vor ein Drittel der albanischen Bevölkerung sein.

Was den Blick bei der Religionsgeschichte zusätzlich verzerrt, ist die Geschichte nach dem Ende des Osmanischen Reichs. In Serbien wurden nach der finalen Unabhängigkeit 1878 zahlreiche Muslime vertrieben, und der Großteil der Moscheen im Land geschleift.

Was den naheliegenden Vergleich zwischen Serbien und Bosnien zusätzlich erschwert, ist, dass sich Serbiens Grenzen in den vergangenen 150 Jahren deutlich verändert haben. Nach der Unabhängigkeit 1878 kamen in den Balkankriegen 1912 und 1913 der Großteil des Sandžak, der Kosovo und Mazedonien hinzu, Ende 1918 die Vojvodina. Mazedonien wurde im sozialistischen Jugoslawien eine eigene Republik, der Kosovo erklärte sich 2008 unabhängig.

Bosniens Grenzen sind praktisch unverändert geblieben.

In der historischen Rückschau weiß man nie, was man womit vergleicht. Das hat mit der Podcast-Folge wenig zu tun, es schadet aber nicht, das im Hinterkopf zu haben.

Griechenland und die Türkei deportierten wechselseitig und im gegenseitigen Einvernehmen Anfang der 1920-er Millionen Menschen in das jeweilige andere Land. Orthodoxe Christen in der Türkei wurden zwangsweise nach Griechenland umgesiedelt. Muslimische Griechen mussten in die Türkei.

Das nur zwei Beispiele aus der Region.

Dass in beiden Staaten heute Muslime sehr kleine Gruppen sind, lässt einen auch den muslimischen Bevölkerungsanteil in Osmanischer Zeit geringer schätzen als er war.

Das kommt ein wenig zu kurz in Ralfs Ausführungen, die ansonsten in der Hinsicht gut erklärt und richtig sind,

Das Osmanische Reich in heutigen nationalen Narrativen

Ganz interessant ist, welche gängigen türkischen Wörter in den Sprachen der heutigen unabhängigen Balkanstaaten Ralf aufzählt. Hajde muss sein. Para als gängiger Ausdruck für Geld in der Sprache ohne Namen ist ein wirklich gutes Beispiel.

Ich hätte hier auch das Wort Raja erwähnt. Den verwendet man in Bosnien und in Serbien für „Leute“. Im Türkischen bezeichnet er in der Regel die nicht-muslimische Bevölkerung. Heute wird er von Angehörigen aller Religionen für Angehörige aller Religionen verwendet.

Wo ich am ehesten widersprechen würde, sind Ralfs Einschätzungen, wie bestimmend das Osmanische Reich in den nationalen und nationalistischen Narrativen ist. In Kroatien ist das unter der Oberfläche sichtbarer als man das meinen möchte. „Wir haben für euch die Osmanen jahrhundertelang aufgehalten. Ihr schuldet uns was“, hört man durchaus öfter von nationalistischen Kroaten.

Dass das Osmanische Reich als negativer Referenzpunkt nicht so präsent ist wie im serbischen nationalistischen Narrativ, stimmt freilich.

Auch in Mazedonien ist das durchaus ein Thema.

Ich ersuche auch, meine Ausführungen als Ergänzungen zu sehen, und nicht als Fundamentalkritik.

Wer sich für die Geschichte des Balkan interessiert, ist mit dieser Folge gut aufgehoben. Für Einsteiger genauso wie zum Auffrischen.

Den Youtube-Kanal von Epochentrotter findet ihr hier. Und hier geht’s zu Katharina und Marvins Homepage.

Deja-vu-Geschichte findet ihr hier auf Youtube, und hier ist Ralfs Internetauftritt.

Titelfoto: Bijela tabija in Sarajevo. Die Festung wurde kurz nach der Osmanischen Eroberung errichtet.

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3 Gedanken zu “Dieser historische Blick tut wohl

  1. Zum Thema sollte man den großen Roman von Ivo Andric lesen: Die Brücke über die Drina.
    (Diesen Kommentar habe ich irrtümlich auch unter einen anderen Beitrag gesetzt, bitte dort löschen!)

Antworte auf den Kommentar von chrisbaumgartenAntwort abbrechen