16 Tote. Ein Jahr. Keine Gerechtigkeit.

Die politische Krise in Serbien wird am Samstag einen neuen Höhepunkt erreichen. Es ist der Jahrestag der Katastrophe von Novi Sad. Serbiens Studenten mobilisieren für eine Massendemonstration zum Gedenken an die 16 Opfer des Einsturzes des Vordachs des Novi Sader Bahnhofs.

Sara Firić, Valentina Firić, Đorđe Firić, Milica Adamović, Nemanja Komar, Anđela Ruman, Miloš Milosavljević, Stefan Hrka, Sanja Ćirić Arbutina, Goranka Raca, Vukašin Raković, Mileva Karanović, Đuro Švonja, Vasko Sazdovski und Anja Radonjić haben am 1. November 2024 kaum mitbekommen, was passiert ist.

Um 11 Uhr 52 standen sie unter dem Vordach des Novi Sader Bahnhofs. Die frisch renovierte Betonstruktur des frisch renovierten Bahnhofs kollabierte. Die Trümmer erschlugen sie.

Vukašin Crnčević, ein 18-jähriger Schüler, überlebte schwer verletzt. Sein Bewusstsein erlangte er nie wieder. Er starb am 21, März im Spital. (Balkan Stories berichtete damals exklusiv auf Deutsch.)

Bis heute ist offiziell nicht geklärt, wer verantwortlich ist für den Tod dieser 16 Menschen. Ermittlungen wegen Baumängeln und Korruption verliefen im Sand.

Der Bahnhof von Novi Sad ist bis heute gesperrt. Die Hochgeschwindigkeitsverbindung nach Beograd, ein Prestigeprojekt des Regimes von Serbiens Präsident Aleksandar Vučić und seiner Partei SNS, wird über den Bahnhof Petrovaradin umgeleitet. Der ist einige Kilometer außerhalb des Novi Sader Stadtgebiets.

Die Katastrophe hat Serbiens tiefste politische Krise seit der Eigenständigkeit des Staates ausgelöst.

Der Novi Sader Bahnhof war nach der Renovierung gleich zweimal neu eröffnet worden. Dass die Regierung zunächst abstritt, dass das Vordach des Bahnhofs renoviert worden war, dass die Ermittlungen trotz einer Handvoll von Festnahmen im Sand verliefen, dass die 16 Toten von Novi Sad dem Regime kaum mehr erschienen als eine allfällig nicht uneingeschränkt positive und jedenfalls lästige Episode in dem, was man als serbische Erfolgsgeschichte verkaufte, trieb zunächst die Novi Sader auf die Straße – und Serbiens Studenten.

Dass die Polizei zu Beginn versuchte, die aufkeimenden Studentenproteste zu unterdrücken, machte daraus eine landesweite Protestbewegung und aus der Katastrophe von Novi Sad eine tiefe politische Krise.

11.000 Proteste in nur einem Jahr

Knapp 11.000-mal standen weite Teile der Bevölkerung seit den ersten Protesten im Dezember 2024 auf der Straße. Zur bislang größten Demonstration am 15. März in Beograd mobilisierten die Studenten um die 300.000 Menschen. Das sind mehr als fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung des Landes.

(Balkan Stories berichtete damals aus Beograd. Das könnt ihr in dieser Reportage lesen oder in diesem Foto-Essay von Kramar vom Kollektiv Fischka nachsehen.)

Es ist die Wut, die nach wie vor die Menschen in Massen auf die Straße treibt. In kleinen Dörfern, in Kleinstädten, überall – und am meisten in Novi Sad und in Beograd.

(Siehe diese Reportage aus Novi Sad und diese Reportage aus Beograd. Beide sind von Anfang Juni.)

Bis 28. Juni waren diese Proteste friedlich – abgesehen von regelmäßigen gewalttätigen Angriffen von Regimesympathisanten auf Demonstrationen. Die Regierungspartei SNS versuchte, mit den so genannten Ćaci eine Art spontaner Massenunterstützung zu simulieren.

Deren illegales Camp im Pionirski Park zwischen Parlament und Präsidentenpalast in Beograd ist seitdem zu einem weiteren Symbol für die alltägliche Korruption in Serbien geworden – und für die Gewaltbereitschaft der durchgehend jungen und jugendlichen Bewohner des Camps. Viele kommen augenscheinlich aus der Fußball-Hooligan-Szene.

Seit der Großdemo am Vidovdan kommt es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten. Den meisten Beobachtern zufolge geht die Gewalt meist von der Polizei aus – und ebenso von den Ćaci. Sie attackieren immer und immer wieder Proteste.

Begleitet war und ist das seit Beginn der Proteste von immer schrilleren Angriffen der Regierungspartei SNS auf die Protestbewegung. Die sei vom Ausland gesteuert, eine Farbrevolution, die Anführer Faschisten oder gar Nazis. Siehe etwa diese Episode vom Februar.

Den Studenten schien seit dem Sommer die Kontrolle über die Proteste entglitten, die sie über Monate organisiert und angeführt hatten. Dass sie die Proteste aufs Land trugen, in einer Tour von Dorf zu Dorf ihre Anliegen erklären, änderte an dem Eindruck nichts.

Die Kraft der Bilder

Indem sie für die Gedenkkundgebung für Samstag in Nov Sad mobilisieren, scheinen sie sich erneut an die Spitze der Massenproteste zu setzen. Aus dem ganzen Land ziehen Studenten zu Fuß und auf dem Fahrrad in die Hauptstadt der Vojvodina. Liefern Bilder von einem Land, das sie feiert wie Helden, und das auf seine Befreiung wartet.

Studenten aus Novi Pazar gehen zu Fuß nach Novi Pazar. Bild: Studenti u blokadi/ETF/X

Dass das sorgfältig gesteuerte Bilder sind, ist klar. Diese jungen Menschen haben die Kraft der Bilder verstanden. Sie wissen, sie für ihre Anliegen einzusetzen. Das überrascht wenig. Die Studenten sämtlicher grafischer Fakultäten und aller Akademien und Fakultäten der bildenden und der darstellenden Künste sind an diesen Protesten beteiligt.

Sie haben zwei Zahlen zum Symbol der Proteste gemacht: 16. Die Zahl der Opfer der Katastrophe von Novi Sad. Und 11:52. Die Minute, in der am 1. November 2024 das Vordach des Bahnhofs von Novi Sad einstürzte.

Jeder in Serbien, der eine der beiden Zahlen sieht, weiß, worum es geht.

Und dann wären die blutigen Hände.

Nach Ansicht der Protestbewegung die blutigen Hände der serbischen Regierung, die sie für die Katastrophe in Novi Sad verantwortlich machen.

Keine der beiden Seiten hat die Kontrolle

Die serbische Regierungspartei SNS hat dem seit Beginn der Proteste nichts entgegenzusetzen.

Im Sommer versuchte sie, die Kontrolle über das Land wiederzuerlangen. Die Polizei räumte mehrere besetzte Fakultäten.

Seit Dezember hatten Studenten landesweit den Unibetrieb lahmgelegt und die Fakultäten besetzt. Dort stimmten sie in Plena basisdemokratisch das weitere Vorgehen ab.

Die Regierung kündigte auch Dutzende Lehrer, Professoren und Unimitarbeiter, die sich hinter die Studentenproteste gestellt hatten. Zuvor hatte man zahlreichen Beschäftigten an Serbiens Unis monatelang die Gehälter nicht bezahlt. An den bestreikten Fakultäten würden sie ja ihre Arbeit nicht machen, lautete das Argument.

All das reichte nicht, um die Massenproteste zu beenden und die Kontrolle über den öffentlichen Raum und das politische Leben in Serbien wiederzuerlangen.

Gleichzeitig ist es der landesweiten Protestbewegung nicht gelungen, Neuwahlen zu erzwingen. Oder Polizei und Staatsanwaltschaft dazu zu bringen, die Katastrophe von Novi Sad umfassen, gründlich und schnell zu ermitteln.

Keine der beiden Seiten hat die Kontrolle

Am Samstag wird sich viel Wut artikulieren

Unabhängig davon, was man von Protesten hält, ist offenkundig: Irgendjemand hat bei der Renovierung des Vordachs tödliche Baufehler gemacht. Irgendjemand hat bei der Kontrolle weggeschaut. Und dass irgendjemand die Bauaufträge vergeben hat – an Firmen mit Nähe zur Regierungspartei SNS -, liegt auf der Hand.

Es ist klar: Es war Korruption, die am 1. November um 11:52 das Vordach einstürzen ließ und 16 Menschen tötete. Die Frage ist, wie weit sie hinausreicht. Bis heute ist sie nicht beantwortet.

Keiner aus diesen drei Verantwortungskreisen ist bis heute auch nur angeklagt.

Die Wut über die 16 Toten, über die verschleppten Ermittlungen, über die Reaktionen der Regierung, das alles wird sich am Samstag bei der Großkundgebung in Novi Sad artikulieren.

Serbiens Studenten rufen die Teilnehmer auf, diese Wut friedlich zum Ausdruck zu bringen.

Titelfoto: Studenti u blokadi/ETF/X

Mehr über die Massenproteste könnt ihr im Archiv von Balkan Stories nachlesen.

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