Srebrenica Rose, Beograd

Lichtblick im Meer des Leugnens

Heute vor 30 Jahren begannen Soldaten der Armee der Republika Srpska, 8.372 muslimische Buben und Männer in Srebrenica zu ermorden. In der Republika Srpska und in Serbien wird der Völkermord bis heute geleugnet oder verharmlost.

Ich kann kaum glauben, was ich auf einer Betonsäule im Zentrum von Beograd sehe.

Die Rose von Srebrenica. Oft wird sie auch einfach Blume von Srebrenica genannt.

Das Zeichen des Gedenkens an die Opfer des Völkermords.

Sie ist klar erkennbar. Niemand hat versucht, sie zu übermalen. Zumindest nicht, als ich das Foto machen. Das war Mitte Juni.

Ob sie heute zu sehen ist, am 30. Jahrestag des Beginns des Völkermords von Srebrenica?

Unwahrscheinlich.

Am 11. Juli 1995 begannen Soldaten der Armee der Republika Srpska, 8.372 muslimische Buben und Männer in der gerade eroberten Stadt Srebrenica und den Umlandgemeinden Potočari und Bratunac und den umliegenden Wäldern ermordet.

Den Befehl hatte der Kommandeur erteilt. Ratko Mladić. Generalleutnant der Jugoslawischen Volksarmee JNA, ab 1992 Generaloberst und Oberkommandierender der Armee der Republika Srspka, VRS.

Mladić wurde 2017 wegen des Völkermords vom ICTY zu lebenslanger Haft verurteilt.

Viel häufiger als die Rose von Srebrenica wird man in Beograd bis heute Graffiti sehen, die Mladić zum Helden stilisieren.

Vor drei Jahren war das Stadtzentrum voll mit diesen Graffiti. Balkan Stories berichtete damals exklusiv außerhalb des ehemaligen Jugoslawien.

Die meisten der Graffiti sind heute übermalt. Trotzdem, Mladić ist heute auf weitaus mehr Hauswänden oder Betonsäulen Beograds zu sehen als die Rose von Srebrenica.

Die Anhänger des Schlächters von Srebrenica sind besser organisiert als die, die das dunkelste Kapitel der serbischen und der bosnischen Geschichte offen aufarbeiten wollen.

Sie haben auch quasi staatliche Unterstützung.

Verharmlosung von Srebrenica ist Staatsräson

In Serbien wie im serbisch dominierten bosnischen Teilstaat Republika Srpska ist es Staatsräson, den Völkermord von 1995 zu verharmlosen.

Eine internationale Bühne bekam das im Vorjahr. Ausgerechnet durch Resolution A/78/L.67/Rev.1 der Vollversammlung der Vereinten Nationen.

In ihr forderten mehrere vorwiegend europäische UN-Mitgliedsstaaten die Internationale Gemeinschaft auf, den Massenmord in Srebrenica als Völkermord anzuerkennen.

Serbiens Präsident Aleksandar Vučić startete eine diplomatische Gegenoffensive. Daheim ließ er die von Gräuelpropaganda begleiten. Die Resolution bezeichne die Serben als völkermörderische Nation, schrieben viele regimenahe Medien.

Ein frei erfundener Vorwurf, wie ein Blick ins Dokument zeigt.

Auch wenn die Kampagne nicht verhinderte, dass die Resolution angenommen wurde, war sie überraschend erfolgreich, wie ihr hier nachlesen könnt.

Die Internationale der Autokraten

Gar nicht so diskrete Unterstützung erhält diese nationalistische Staatsräson aus Israel.

War Israel in den 1990-ern einer der ersten Staaten, die international gegen die Kriegsverbrechen und „ethnischen Säuberungen“ in Bosnien protestierten, leugnet die stark nach rechts gedriftete Regierung unter Benjamin Netanjahu seit geraumer Zeit offen, dass Srebrenica Völkermord war.

Gefällige israelische Historiker und tatsächliche oder vermeintliche Holocaust-Experten springen der serbischen Regierung bei ihren regelmäßigen PR-Offensiven gerne und dankend bei.

Das ist Teil der sehr herzlichen Beziehungen zwischen der Rechtsregierung in Serbien und der Rechtsregierung in Israel.

Diese herzlichen Beziehungen haben unter anderem auch den Waffenhandel zwischen den beiden Ländern in den vergangenen Jahren stark belebt. Im Gaza-Krieg hat die serbische Rüstungsindustrie der israelischen Armee Waffen und Munition im Wert von mehr als 40 Millionen Dollar geliefert.

Das hat mit Srebrenica nicht direkt etwas zu tun. Aber sowohl die Waffenlieferungen wie das gemeinsame Verharmlosen von Srebrenica sind Symptome der Internationalen der Autokraten.

Aleksandar Vučić, Benjamin Netanjahu, Viktor Orban und Robert Fico haben tragfähige Allianzen geschmiedet, auch wenn nicht immer alle Beteiligten in allen Bereichen einer Meinung sind.

So offen wie die israelische Regierung steht in der Srebrenica-Frage freilich der serbischen Regierung und der der Republika Srpska niemand bei.

Fortschritt gibt es nur in einem Punkt: Die serbische Regierung leugnet nicht mehr, dass in Srebrenica 8.372 bosnjakische Jungen und Männer ermordet wurden. Man will es „nur“ mehr herunterspielen, indem man die Bezeichnung Völkermord um jeden Preis vom Tisch haben will.

Vor 30 Jahren war noch nicht einmal das gegeben.

Bei Teilen der (ethnisch) serbischen Öffentlichkeit ist das bis heute so.

Das Märchen von den 6.000 Toten, die Alija brauchte

„Alija (Izetbegović, Anm.) hat 1995 gesagt: Ich hab mit (Bill, Anm.) Clinton geredet. Der hat mir gesagt, ich brauche 5- bis 6.000 Tote, dann greifen sie ein“, erzählen mir innerhalb weniger Tage unabhängig voneinander zwei Wiener Serben.

So sei das Massaker in Srebrenica mehr oder weniger erfunden worden.

„In Srebrenica haben sie nur ganz wenige Menschen umgebracht. Das waren vielleicht 2.000. Der Rest waren Menschen aus der Umgebung, die eh schon im Krieg ums Leben gekommen sind. Die haben sie zusammen in Massengräbern verscharrt, damit sie auf die hohe Zahl kommen“, schwadroniert einer der Verschwörungstheoretiker.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Geschichte höre.

Sie kursiert seit 30 Jahren. Seit 15 Jahren erreicht die Gräuelpropaganda dank sozialer Medien breitere Kreise.

Dass die Armee der Republika Srpska selbst dieser Lügenversion zufolge mehrere tausend Menschen in Srebrenica umgebracht hat, rechtfertigen die Anhänger der Verschwörungstheorie.

Das sei die Rache für die Massaker der Truppe von Naser Orić im Vorjahr gewesen. Bosnjakische Soldaten hatten mehrere mehrheitlich serbische Dörfer in der Umgebung von Srebrenica überfallen und die Bewohner vertrieben oder ermordet.

Dass Ratko Mladić selbst nach den Aussagen dieser Leugner tausende Bosnjaken ermorden ließ, macht ihn ihren Augen zum Helden.

Das ist der Bodensatz des serbischen Nationalismus. Ein nicht unbeträchtlicher Teil der serbischen und republikaserbischen Gesellschaft. Gedüngt von der serbischen Staatsdoktrin, die Srebrenica verharmlost.

Das muss man nicht mögen. Aber man muss sich damit auseinandersetzen, dass es diese Leute gibt, dass es sie in größerer Anzahl gibt, und damit, was sie denken, und wie sehr sie auch in der serbischen Gesellschaft eine Belastung sind.

Was in Serbien aufgearbeitet werden muss

Sie sind es, die verhindern, dass die serbische Gesellschaft aufarbeitet, wie Serbien die Kriege in Kroatien und in Bosnien ermöglichte. Wie es als Teil Rumpf-Jugoslawiens, nachdem sich die JNA aus Kroatien und Bosnien zurückgezogen hatte, den Krieg mit Geld und Waffen- und Munitionslieferungen aufrechterhielt.

Wie es als Teil Rumpf-Jugoslawiens praktisch den gesamten Offizier- und Unteroffizierkorps der Armee der Republika Srpska aus der JNA abkommandierte und der RS zur Verfügung stellte. Wie es abertausende seiner jungen Männer als mehr oder weniger Freiwillige zum Töten und zum Sterben nach Bosnien schickte.

Wie es erlaubte, dass über das rumpf-jugoslawische Staatsgebiet aus Russland und Griechenland illegale Waffenlieferungen in die Kriegsgebiete gebracht wurden, und eine größere Anzahl an Freiwilligen eingeschleust wurde.

Wie der öffentlich-rechtliche Sender RTS Tag für Tag Kriegspropaganda betrieb.

Rumpf-Jugoslawien, dessen größter Teil Serbien war, mag für den größten Teil des Krieges zwischen 1992 und 1995 kein offizieller Kriegsteilnehmer gewesen sein. Dass es mit dem Krieg gar nichts zu tun gehabt hätte, kann man beim besten Willen nicht behaupten.

Rumpf-Jugoslawien hielt den Krieg in den Nachbarländern am Leben. Rumpf-Jugoslawien ermöglichte die zahlreichen Kriegsverbrechen. Rumpf-Jugoslawien ermöglichte auch den Völkermord von Srebrenica.

Serbien war der tonangebende Teil dieses Staatsgebildes, das sich nach 1992 nach wie vor Jugoslawien nannte.

Die Frage, wie man mit dem Krieg in den 1990-ern umgehen soll, ist eine der großen Fragen, die die serbische Gesellschaft spalten.

Diese Spaltung hilft klerikalnationalistischen Bewegungen wie der in Serbien regierenden SNS von Präsident Aleksandar Vučić, an der Macht zu bleiben.

Vučić schafft den Spagat, Nationalisten ziemlich offen zu bedienen und sich Moderateren als Bollwerk gegen weitaus Radikalere zu verkaufen. Dass er seine Karriere als einer der Radikalsten der Radikalen begonnen hat, als enger Mitarbeiter von Vojislav Šešelj in dessen großserbischer Serbischer Radikalen Partei, betont er höflich formuliert nicht allzu sehr.

Das ist ein Teil seiner politischen Überlebensstrategie.

Wer die Gräuelpropaganda zu Srebrenica glaubt, glaubt auch anderen Unsinn

Dass der Krieg der 1990-er ein unaufgeräumtes Minenfeld ist, bereitet auch den Boden für allerlei mehr oder weniger naheliegende Verschwörungstheorien, macht empfänglich für allerlei sehr offene Lügen.

Wer sich einreden kann, Srebrenica sei nie passiert, sei übertrieben, sei gar eine gerechte Strafe gewesen, oder habe zumindest mit dem heutigen Serbien nicht das Geringste zu tun, der ist auch gerne bereit, zu glauben, dass die Massenproteste der vergangenen Monate von ausländischen Mächten finanziert wurden.

Nicht umsonst ist die Schnittmenge zwischen Srebrenica-Verharmlosern und Vučić-Anhängern besonders groß.

Deckungsgleich sind die beiden Gruppen nicht.

Auch etliche Studenten zeigten bei den Massenprotesten der vergangenen Monate offen, dass sie sich als Teil einer rechten, nationalistischen Opposition zu Vučić sehen. In diesem Milieu ist es praktisch normal, Srebrenica wenigstens zu verharmlosen.

Das macht aus den Massenprotesten keine nationalistische Revolution. Die allermeisten Studenten unterstützen diese Haltung nicht. Aber es zeigt, wie tief die serbische Gesellschaft gespalten ist, und wie vielschichtig und widersprüchlich sich die Spaltung äußert.

An diesen Menschen sollen wir die Leugner messen

Dass eine kleine Wandmalerei – immerhin eine – im Stadtzentrum von Beograd der Opfer von Srebrenica gedenkt, ist da ein kleiner Lichtblick.

Der soll nicht darüber hinwegtäuschen, wie tief der nationalistische Konsens in der serbischen Bevölkerung verankert ist, wie tief gespalten die serbische Bevölkerung gerade in dieser Frage ist.

Dieser Lichtblick kann und soll deutlich machen: Es gibt Menschen, die sich der Gräuelpropaganda widersetzen. Die sagen, was ist.

An ihnen sollen wir die messen, die sich dem bis heute verweigern.

Hier findet ihr zusätzliche Informationen

Mehr über die Hintergründe könnt ihr auch hier nachlesen.

Ein Lehrbeispiel, wie serbische Medien mit nationalistischer Schlagseite mit dem Jahrestag des Völkermords umgehen, findet ihr hier.

Eine der Initiativen in Serbien, die gegen das Leugnen und das Vergessen ankämpfen sind die Žene u crnom, die Frauen in Schwarz. Jahr für Jahr halten sie mit öffentlichen Aktionen das Gedenken an die Opfer aufrecht – trotz des hohen sozialen Drucks, dem sie ausgesetzt sind. HIER könnt ihr Kontakt mit ihnen aufnehmen.

Hier erfahrt ihr mehr über das nomadische Denkmal ŠTO TE NEMA der bosnisch-amerikanischen Künstlerin Aida Šehović (aus dem Archiv.)

Wie – beileibe nicht nur muslimische – Bosnier im Ausland mit dem Jahrestag des Völkermords umgehen, könnt ihr in dieser Reportage nachlesen- und nachsehen.

So unterstützt ihr meine Arbeit

Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das ab sofort auf Buy Me A Coffee tun.

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2 Gedanken zu “Lichtblick im Meer des Leugnens

  1. Als ich vor vielen Jahren zum zweiten Mal in Potocari war, nahm zum ersten Mal eine serbische Anordnung an den Beerdigungsfeierlichkeiten Teil. Ein kleiner Lichtblick.

  2. Ich war vor einem Jahr in Srebrenica und habe von Sarajevo aus eine organisierte Tour dorthin gemacht, geleitet von einem ehemaligen Soldaten, der sich jetzt in der Friedensbewegung engagiert.

    Gedacht wird nur der Opfer der jeweils eigenen Seite, als wenn die anderen nicht existiert hätten. Dort habe ich zum ersten Mal jemanden gehört, der Srebrenica als „Propaganda“ bezeichnet hat, ein Kellner etwa Anfang 20. Würde ich auch so sprechen, wenn ich das jahrelang gehört hätte, ohne zu hinterfragen, wie wenig plausibel das ist? Ist das einfacher?

    Nach wie vor sind nicht alle Leichen gefunden, der Friedhof ist noch nicht fertig.

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