Nach einem Beinahe-Unfall wegen eines verlorenen Rads am Dienstwagen von Serbiens Präsident Aleksandar Vučić am Wochenende trommeln regimenahe Medien, dass ein Attentat auf den Präsidenten verübt worden sei. Beweise gibt es keine. Das einhellige Trommeln ist vor dem Hintergrund der laufenden Massenproteste im Land zu sehen.
Es müssen angsterfüllte Sekunden für die Insassen des Dienstwagens von Serbiens Präsident Aleksandar Vučić am Samstagnachmittag in der Vojvodina gewesen sein.
Als der Audi mit hoher Geschwindigkeit auf einer Landstraße vor Mokrina rast, zerreißt es den linken Hinterreifen. Unmittelbar darauf fällt das Rad ab.
Dem Fahrer gelingt es, das Fahrzeug abzufangen und zu bremsen, bevor ein Unglück geschieht.
Ein Dienstwagen der Bewachungseinheit Cobra des serbischen Militärs filmt den Beinahe-Unfall.
Das Urteil steht fest, bevor die Ermittlungen begonnen haben
Für die regimenahen Medien in Serbien ist es keine Frage. Das war ein Attentat. Man wartet nicht einmal, dass die Ermittlungen beginnen.
Siehe etwa diese Sendung auf dem Sender Pink.
Das Boulevardblatt Espreso bemüht den ehemaligen Leiter des serbischen Inlandsgeheimdienstes BIA. Der ist etwas zurückhaltender als die Sicherheitsexperten, die Pink bemüht, das Urteil ist aber ziemlich deutlich.
Am lautesten wenig überraschend das Boulevardblatt Informer in einer Kolumne. Dem Blatt kann man neben ausgesprochener Nähe zur serbischen Regierungspartei SNS vor allem ein gespanntes Verhältnis zu dem attestieren, was die Allgemeinheit Wirklichkeit nennt.
Kolumnist Nebojša Bakarec spannt den Bogen vom für ihn bewiesenen Attentat zum Angriff der neuen US-Regierung auf die offizielle Entwicklungshilfeagentur USAID. Diese habe in den vergangenen fünf Jahren „Milliarden Dollar oder Euro“ ausgegeben, um Serbien zu destabilisieren und Aleksandar Vučić zu stürzen.
Wie genau er auf die Summe kommt, ist nur bedingt nachvollziehbar,
Bakarec scheint ALLE Ausgaben von USAID für vier Jahre am Balkan zusammenzurechnen – für Albanien, Bosnien, den Kosovo, Montenegro und Serbien -, diese Summe aus irgendwelchen Gründen auf fünf Jahre hochzurechnen und sich dann einzureden, alles sei ein einheitliches Programm, um Vučić loszuwerden.
Natürlich geht Bakarec auch auf alle halbwegs bekannten Kritiker von Aleksandar Vučić ein und unterstellt ihnen zumindest eine moralische Mitschuld an dem Attentat, von dem er sich so fest überzeugt zeigt.
Ein Attentat zu vermuten, ist nicht völlig irrational. Es einfach so zu behaupten, ist es.
Bei nüchterner Betrachtung ist es nicht völlig irrational, den Beinahe-Unfall für ein glücklicherweise missglücktes Attentat zu halten.
Der serbische Präsident steht unter besonders genauem Personenschutz. Man kann davon ausgehen, dass auch sein gepanzerter Dienstwagen genau gewartet und ständig bewacht wird.
Bei so gut gewarteten Autos ist es besonders unwahrscheinlich, dass sich ein Rad löst.
Ausgeschlossen ist so etwas freilich nie. Voreilige Schlüsse sollte man nicht ziehen.
Es ist auch möglich, dass der Beinahe-Unfall auf die in Serbien nicht gerade seltene Korruption zurückgeht. Wer weiß, ob nicht jemand nicht ganz deklariert bei Reifen oder Rädern des Wagens gespart hat?
Was passiert ist, weiß niemand. Die Ermittlungen haben erst begonnen. Der beschädigte Dienstwagen, das abgefallene Rad und die Überreste des zerfetzten Reifen werden genauestens untersucht werden.
Vor dem Ergebnis der Ermittlungen von einem Attentat zu sprechen, ist aberwitzig. Es bedient Verschwörungstheorien. Das soll es offensichtlich auch.
Eine willkommene Ablenkung
Die genannten Medien nutzen den Beinahe-Unfall, um von den laufenden Massenprotesten im Land abzulenken. Oder sogar die Studenten, die für Rechtstaat und Korruptionsbekämpfung auf die Straße gehen, als vielleicht ungewollte Handlanger der Attentäter darzustellen.
Das angebliche Attentat und die Massenproteste haben in den Augen besonders treuer Fans der Regierungspartei die gleichen Hintermänner. Ein Amalgam aus westlichen Kapitalisten – ausgenommen Elon Musk, bemerkenswerterweise -, kroatischen Neo-Ustaša, Vaterlandsverrätern und gescheiterten Oppositionspolitikern.
Sieht man die Studentenproteste als Hintergrund für die reichlich durchsichtige Kampagne von Pink und Co, begreift man auch, dass es viel gibt, von dem sie ablenken wollen oder vielleicht glauben zu müssen.
Am Wochenende waren wieder Hunderttausende in ganz Serbien auf der Straße. Und die Studenten organisieren geschickt ihren eigenen Sretenje in Kragujevac. Der serbische Tag der Staatlichkeit am 15. Februar fällt diesmal auf den Samstag.
Studenten aus dem ganzen Land veranstalten seit Sonntag Staffelläufe. Die erste Staffel lief an nur einem Tag von Kragujevac nach Beograd. Aus Niš läuft eine Staffel nach Novi Sad. Und so weiter.
Jeden Tag wird eine Staffel Studenten aus Serbien unterwegs sein.
Das sorgt für mediale Aufmerksamkeit, tolle Bilder und es greift auf die Symbolik der serbischen de facto Unabhängigkeit und vor allem der so genannten Verfassung von Kragujevac aus dem Jahr 1835 auf, die am 15. Februar gefeiert wird.
Vor dem Hintergrund der laufenden Massenproteste inszenieren sie sich freilich weniger als die Erben dieser Verfasser als als Umsetzer der serbischen Geschichte, wie sie hätte sein sollen.
In der echten Geschichte setzte Fürst Miloš die für damalige Verhältnisse fortschrittliche Verfassung nach nur zwei Wochen außer Kraft. Der Zar von Russland hatte sich beschwert, dass er sie nicht genehmigt hatte. Miloš ließ alle Exemplare der Verfassung beschlagnahmen, die schon verteilt worden waren, und schwang sich zum absoluten Herrscher auf.
Die SNS mag den Studenten unterstellen, Helfershelfer von Menschen zu sein, die für Serbien ähnliches im Sinne haben wie es Miloš nach nur zwei Wochen tat.
Weite Teile der Bevölkerung freilich sehen die Studenten als die, die tun, was 1835 hätte passieren sollen: Sie tragen das Recht zu den Menschen, auf dass die absolute Herrschaft beendet werde. Man darf getrost vermuten, dass sich die Studenten auch selbst so sehen.
Unterdessen beendete die SNS zumindest ihr Verwirrspiel um ihre eigene geplante Gegendemonstration zu den Studentenprotesten, das so genannte Kontramiting.
Das Kontramiting soll am 15. in Sremska Mitrovica in der Vojvodina abgehalten werden. Novi Sad, die Hauptstadt der Vojvodina, ist der Regierungspartei offenbar zu heikel. Dort war das Vordach des frisch renovierten Bahnhofs eingestürzt und hatte 15 Menschen erschlagen – der Auslöser für die laufenden Massenproteste.
Novi Sad ist neben der serbischen Hauptstadt Beograd das Zentrum der Massenproteste. Siehe etwa hier.
In sozialen Medien rufen mehrere Accounts, die mit den Studentenprotesten sympathisieren, auf, am Samstag die Zufahrtsstraßen nach Sremska Mitrovica zu blockieren. Es scheint, als könnte das Land am bevorstehenden Nationalfeiertag auf eine Kraftprobe zwischen der Regierungspartei und den Studenten zusteuern.
Es gibt auch gute Nachrichten
Wie nüchtern man den Beinahe-Unfall von Aleksandar Vučić sehen kann, zeigt diese Sendung des bosnischen Investigativmagazins Face TV.
Und dass die Hetze der regimetreuen Presse und der brutalsten Sprachrohre der SNS nicht immer folgenfrei bleibt, zeigt eine Nachricht, die am Donnerstag bekannt wurde.
Das Instagram-Profil von Turbofolk-Star Jelena Karleuša wurde deaktiviert. In den vergangenen Wochen hatten mehrere hunderttausend Menschen den Meta-Konzern in einer Petition gebeten, das zu tun.
So unterstützt ihr meine Arbeit
Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das ab sofort auf Buy Me A Coffee tun.
Und wenn euch dieser Beitrag gefällt, bitte teilt ihn auf euren sozialen Netzwerken, lasst ein Like da oder kommentiert.
Entdecke mehr von balkan stories
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Wahnsinn! 🤯 Wird denn noch weiteren Investigationen nachgegangen oder das Urteil ist bereits gefallen?
Für die Regimefans ist das Urteil bereits gefallen. da ist egal, was bei Ermittlungen rauskommt. Das ist der Sinn der Übung.