Die dürstende Schönheit

Die Touristenstadt Herceg Novi in Montenegro ist seit einer Woche beinahe ohne Wasser. Nur an vier Stunden am Tag wird Wasser eingeleitet. Die Hauptzuleitungen werden gerade gereinigt, heißt es. Warum das gerade in der Touristensaison passiert, ist unklar. Das verschärft das Problem nur.

Der Vater aus Wien wirkt erschöpft.

Gut zehn Minuten lang hat er versucht, ein Lokal zu finden, wo seine Tochter aufs Klo gehen kann.

Es ist kurz vor sechs Uhr abends.

Selbst am Hafen ist mittlerweile den meisten Lokalen und Haushalten dsas Wasser ausgegangen.

Irgendwie hat er einen Lokalbesitzer gefunden, der noch ausreichend Wasser in der Leitung hatte.

„Begeistert war er nicht“, schildert der Mann seiner Frau. Sie ist YU-Dijaspora zweiter Generation.

Ein Wunder, dass die Kleine das so lange durchgehalten hat. Sie ist zwei oder drei Jahre alt.

Die Kellnerin erklärt der Mutter so gut es geht die Situation.

Wäre es eine Stunde später passiert, wäre das alles kein Problem gewesen.

Der Großteil Herceg Novis hat von 19 bis 21 Uhr Wasser.

Und dann wieder von 7 bis 9 Uhr früh.

Die restlichen 24 Stunden – siehe oben.

Nikola, dem mein Apartment gehört, beugt vor. Jeden Tag füllt er in der Früh mehrere hundert Liter Wasser in Kübel.

So haben seine Familie und die Gäste zumindest ausreichend Wasser zum Hände waschen unter Tags.

Die Klospülung bringt das freilich auch nicht zu laufen.

Der Tank muss händisch befüllt werden.

Fast überfallsartig war der akute Wassermangel vor einer Woche über Herceg Novi hereingebrochen.

Wenige Tage zuvor informierten die Wasserwerke die 20.000 Bewohner der Stadt, dass ihnen bis 15. September an 20 Stunden pro Tag das Wasser abgedreht würde.

Die Hauptwasserleitungen der Trebišnjica aus Trebinje zum Plat-Stausee werden gereinigt, außerdem werden offenbar Turbinen im Dubrovniker Wasserkraftwerk ausgebessert.

An beiden Leitungen bezieht Herceg Novi den Großteil seines Wassers.

Routinearbeit, heißt es.

Dubrovnik hat offenbar weiter Wasser

Beide Leitungen liegen nicht in direkter Verantwortung der Wasserwerke von Herceg Novi. Verantwortlich sind offenbar kroatische Behörden bzw. Wasserwerke.

Beide Leitungen versorgen auch Dubrovnik mit Wasser.

Dort wird interessanterweise nichts über Einschränkungen in der Wasserversorgung berichtet.

Es scheint als würden Prioritäten gesetzt.

Das wenige Wasser, das jetzt in Herceg Novi in die Leitungen kommt, stammt aus der sehr kleinen lokalen Wasserversorgung, auch Tivat steuert Wasser bei.

Es reicht für 50 Liter pro Sekunde, schreibt die montenegrinische Vijesti.

Normal sind 240 Liter.

Am Strand gibt es länger Wasser

Dass es nicht alle Stadtteile gleichermaßen und gleichzeitig betrifft, liegt buchstäblich in der Natur der Sache.

Wasser fließt von oben nach unten.

Je näher beim Meer, desto länger ist potentiell Wasser in der Leitung.

Hier kommen die Naturgesetze Touristen wie Bewohnern zugute.

Der überwiegende Großteil der Menschen hält sich tagsüber am Strand auf. Touristen ebenso wie die Menschen aus Herceg Novi, die in den unzähligen Strandcafes-, restaurants -und geschäften arbeiten.

Freilich: Vor dem Gang in die Arbeit oder an den Strand – oder gegebenenfalls bei der Rückkehr – wollen alle Aktivitäten wohlüberlegt sein, die Wasser verbrauchen könnten. Vom Trinken bis zum Wäschewaschen.

Warum werden gerade jetzt Wasserleitungen gewartet?

Im Raum steht die Frage, warum Tunnel, Filteranlagen und Wasserturbinen gerade jetzt gewartet bzw. getauscht werden müssen.

Gegen Ende der Touristensaison sind immer noch 17.000 Touristen in der Stadt, meist aus Serbien, Russland und der Ukraine.

Das schreibt etwa Novski.me.

Die Stadt Trebinje selbst hat etwa 20.000 Einwohner.

Würde man warten, bis die Touristen weg sind, würde pro Einwohner selbst nach der konservativsten Schätzung knapp doppelt so viel Wasser zur Verfügung stehen wie bisher.

Vermutlich wären es mehr. Die auf Touristen ausgerichtete Gastronomie macht weit mehr als die Hälfte aller Lokale der Stadt aus.

Fällt die weg, sinkt der Wasserverbrauch drastisch.

Man muss nicht an Touristen wie mich denken, um es für eine Schnapsidee zu halten, ausgerechnet jetzt ein Wasserversorgungsnetz zu warten.

Solche Tätigkeiten kann man planen.

Es ist auch keineswegs so, dass die angeblich jährliche Wartung immer Anfang September beginnen würde.

Im Vorjahr war das nicht der Fall.

Im Jahr 2015 wurden die Leitungen im Juni gewartet, wie diese Benachrichtigung des Wasserwerks von Herceg Novi zeigt.

Auch damals wurde übrigens nichts von Wasserknappheit in der Stadt Dubrovnik bekannt.

Ein Gedanke zu “Die dürstende Schönheit

  1. Wenn es sich um Absicht handeln sollte, dem Nachbarn Wasser vorzuenthalten, um einen Vorteil daraus zu ziehen, ist das äußerst schäbig.
    Es kommt hoffentlich der Tag, an dem auch die miesesten Schurken begreifen, daß … nein – moralische Entrüstung bringt nichts, ausser sich selber für was besseres zu halten. 😞

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