Dichtkunst in der Pfeife rauchen

Eine neue Shisha-Bar im Stadtzentrum von Sarajevo sorgt für Aufregung. Sie liegt im ehemaligen Wohnhaus von Mak Dizdar, dem wohl bedeutendsten bosnischen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Eigentlich hätte dort ein Museum entstehen sollen. Die zuständige Bezirksverwaltung reagiert auf Kritik äußerst aggressiv.

Es ist wohl eine der erklärungsbedürftigsten kulturpolitischen Entscheidungen der Bezirksverwaltung Stari Grad.

Im ehemaligen Wohnhaus von Mak Dizdar in der Baščaršija, dem Zentrum der berühmten Altstadt von Sarajevo, hat vor Kurzem eine Shisha-Bar eröffnet.

2017 war noch die Rede von einem Museum zur Ehrung des wohl bedeutendsten bosnischen Lyrikers des 20. Jahrhunderts gewesen.

Oder wenigstens vom einem Haus des Handwerks. Gerade in der Baščaršija eine passende Einrichtung.

Auch wenn die meisten Läden schon längst bloße Geschäfte sind und bestenfalls vorgefertigte Rohlinge für Souvenirs veredelt werden, noch gibt es hier Kupfer- und Silberschmiede, Taschner, Schneider.

Und jede Menge Shisha-Bars.

Fragwürdiges über Fragwürdigem

„Mich hat man nie informiert, dass hier eine Shisha-Bar eröffnet werden soll“, sagt Gorčin Dizdar gegenüber Balkan Stories. Er ist der Enkel des Dichters, der in diesem Haus Jahrzehnte lang werkte und lebte.

Gorčin leitet die Mak Dizdar-Stiftung. Sie verwaltet die Rechte am umfangreichen Nachlass. Das schließt die Namensrechte mit ein.

Und als wäre es nicht fragwürdig genug, dass sich in diesem Gebäude eine weitere Shisha-Bar breitgemacht hat, nennt sie sich auch noch Mak.

Das lässt sich zwar auch mit Mohn übersetzen. Aber dessen Saft wird – glücklicherweise – nicht in der Bar angeboten. Bleibt als Erklärung für den Namen nur, dass ihn sich die Bar angeeignet hat, ohne vorher die Stiftung um Erlaubnis zu fragen.

Nicht die einzige Fragwürdigkeit. Im Innenhof des Hauses hat die Bar auch noch einen generisch anmutenden Glaspavillon aufgestellt.

Wie sich der damit in Einklang zu bringen ist, dass das Haus unter Denkmalschutz steht, sollte die Bezirksverwaltung Stari Grad beschäftigen.

Foto: (c) Gorčin Dizdar

Tut es nicht.

Bezirksverwaltung: Angriff statt Aufklärung

Die Bezirksverwaltung beschimpft lieber Gorčin Dizdar in einer öffentlichen und offiziellen Stellungnahme.

Dieser agiere wie ein „billiger Populist“, und „initiiere eine Verfolgungsjagd“, heißt es in dem Dokument. Außerdem verschweige er die Wahrheit, zumindest die ganze Wahrheit.

„Für jemanden, der sich als Enkel eines der größten bosnischen Schriftsteller ausgibt, ist es äußerst unangemessen, die Öffentlichkeit auf diese Weise zu manipulieren“.

Dafür, dass man im Haus ein Museum errichte, „wollte (die Bezirksverwaltung) Stari Grad weder damals noch heute etwas unternehmen“.

Das klang 2017 anders.

Da war die Rede davon, in „Maks Haus“, wie das Projekt hieß, das Haus der Handwerke einzurichten und nach anfänglichem Zögern stimmte die Bezirksverwaltung auch einem Museum zu, berichtete damals Radio Sarajevo.

Tatsächlich scheint die Verzögerung auch mit Diskussionen unter den Erben Mak Dizdars zu tun zu haben.

Was nicht erklärt, warum die Bezirksverwaltung Stari Grad die Idee eines Hauses des Handwerks kommentarlos entsorgte. Und noch weniger, warum eine Shisha-Bar dort einzog. Am allerwenigstens erklärt es, warum die Bar sich – mutmaßlich – über den Denkmalschutz für das Haus hinwegsetzen kann.

Der Bezirksvorsteher von Stari Grad, Ibrahim Hadžibajrić, zeigt sich nicht übermäßig bemüht, die Erklärungen zu liefern.

Die Bezirksverwaltung, die verfolgte Unschuld

Man habe ein Geschäftslokal zur Miete ausgeschrieben. Gewonnen hätte die Ausschreibung der jetzige Besitzer der Mak Bar. Darauf, welche Art von Lokal dort eingerichtet wird, habe man keinen Einfluss, heißt es in der obigen Stellungnahme.

Foto: (c) Derviš Hadžimuhamedović

Was die Frage aufwirft, wer, wenn nicht eine Bezirksverwaltung, für die Verwaltung von Flächenwidmungen und Gewerbegenehmigungen zuständig ist.

Dem Besitzer der Shisha-Bar wird ein persönliches Naheverhältnis zum Bezirksvorsteher nachgesagt. Balkan Stories kann das nicht überprüfen.

Wo man fragt, Verärgerung

„Ich bin zutiefst verärgert über diese Sache“, sagt Vesna Papats gegenüber Balkan Stories. „Es ist erschreckend, dass die Bezirksverwaltung das zulassen konnte und auch noch eine Betriebsgenehmigung erteilte.“

Vesna ist Gründerin der Bürgerinitiative Spasimo Trg Oslobodjenja/Alija Izetbegović, die sich mittlerweile in Bürgerinitiative für ein besseres und schöneres Sarajevo umbenannt hat.

Die Initiative versucht, das kulturelle Erbe und die Erholungsflächen von Bosniens Hauptstadt vor unbedachten Großprojekten zu schützen. Das ist vor allem der Trg Oslobodjenja/Alija Izetbegović, auch bekannt als Park der Schriftsteller. Dort steht auch eine Büste Mak Dizdars.

„Ich denke, allen geht es so, die den großartigen bosnischen Dichter Mak Dizdar und seine Werke kennen“, ergänzt Vesna.

Verägert zeigt sich auch der Linguist und Journalist Nedad Memić. Der gebürtige Sarajevoer lebt heute in Wien. Wie Mak Dizdar setzt er sich für mehr Bewusstsein und einen Schutz des bosnischen Idioms ein.

Für Balkan Stories hat er diese Stellungnahme verfasst:

„Leider sehen wir in der Altstadt von Sarajevo viele Entwicklungen, die keinesfalls für die Entwicklung der urbanen Identität der bosnischen Haupstadt sprechen. Auf der einen Seite versucht man, das Angebot stärker an Touristen aus der Türkei und aus dem arabischen Raum anzupassen. Die Folge: Viele Läden, Cafés und Restaurants schauen aus wie nicht besonders originelle Kopien aus Instanbul. Auf der anderen Seite leidet das Angebot an authentischen bosnischen Läden und Gastro-Objekten. Ich bin mir sicher, dass man mittlerweile auf der Baščaršija, dem alten Basar von Sarajevo, mehr Läden mit türkischen als mit bosnischen Mehlspeisen findet. Auch architektonische Eingriffe ins historische Erbe der Altstadt werden immer rücksichtsloser.

Eine weitere Shisha-Bar anstelle eines geplanten Mak-Dizdar-Museums auf dem wunderschönen Male-daire-Platzerl, die ironischerweise den Namen „Mak“ trägt, ist ein anschauliches Beispiel, wie einige politisch Verantwortliche in Sarajevo und Bosnien-Herzegowina das eigene kulturelle Erbe betrachten. Es herrscht das Diktat des Geldes. Ich gebe Ihnen nur ein Beispiel: In Alfama, der Altstadt von Lissabon, sind trotz (oder gerade wegen) der Touristen die kleinen Tavernen, in denen man Fado hören kann, sehr populär. In Alfama gibt es auch ein Jose-Saramago-Haus, mit dem die Stadt seinen großen Schriftsteller feiert. Jetzt sollte man das mit der Baščaršija, dem Sevdalinka-Lied und dem gescheiterten Versuch, ein Mak-Dizdar-Museum zu eröffnen, vergleichen. Es ist höchste Zeit, den einzigartigen Baščaršija-Basar von Sarajevo vor billigem Ramsch, orientalischem Kitsch und geschmacklosen architektonischen Eingriffen zu retten.“

Foto: (c) Gorčin Dizdar

Nur öffentliche Stimmung kann würdige Nutzung sicherstellen

„Rechtlich können wir leider nichts gegen die Sache unternehmen“, sagt Gorčin Dizdar gegenüber Balkan Stories.

Bleibt der Druck der Öffentlichkeit. In den vergangenen Tagen wies Gorčin zahlreiche Medien auf die Ramsch-Kommerzialisierung des Erbes von Mak Didzar hin. Die große Plattform klix.ba widmete der Geschichte am Sonntag eine längere Reportage.

Auch Al Jazeera Balkans widmete sich der fragwürdigen Nutzung des Gebäudes, ebenso die englischsprachige Sarajevo Times.

Die öffentliche Stimmung scheint auf der Seite Gorčins zu sein und für eine würdige Nutzung des Hauses einzutreten.

Die sicherzustellen, hängt freilich davon ab, ob man die Shisha-Bar wieder aus dem Haus bringt.

Vielleicht fühlt sich ja diesmal die Bezirksverwaltung Stari Grad dafür zuständig.

Mitarbeit: Mirella Sidro

Titelfoto: (c) Gorčin Dizdar

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