Das in Deutschland herausgegebene serbischsprachige Boulevardblatt Vesti schürt dieses Wochenende Angst vor Flüchtlingen in Bosnien – mit einem Artikel, der an Absurdität kaum zu überbieten ist. Man wähnt sich beinahe im Krieg des heldenhaften Serbentums gegen eine muslimische Invasion.

„Migranten okkupieren Karadžićs (Wohnung)“ schreibt Vesti in großen Lettern auf seiner Titelseite.

Offenbar haben sich nicht näher beschriebene Nicht-Bosnier, vermutlich Flüchtlinge, in der ehemaligen Wohnung von Radovan Karadžić in Sarajevo eingemietet. Ganz legal.

Serbiens Boulevard überschlägt sich vor lauter Empörung.

Vesti, herausgegeben in Deutschland für serbischstämmige Migranten im deutschsprachigen Raum, setzt sich an die Spitze der Empörungsmaschinerie.

Das Boulevardblatt schäumt richtiggehend. In seinem Artikel über Migranten (oder Flüchtlinge?) in Karadžićs Wohnung ist Milorad Dodik die Hauptfigur.

Dodik ist Präsident des serbisch dominierten Teilstaats Republika Srpska (RS) in Bosnien. Er ist nationalistischer Scharfmacher. Regelmäßig liebäugelt er damit, dass sich die RS von Bosnien abspaltet.

In diesem Artikel über Karadžićs (!) Wohnung lässt Vesti Dodik gleich zu Beginn orakeln, die Regierung des bosnjakisch-kroatischen Teilstaats Federacija ermutige Flüchtlinge, nach Bosnien zu kommen, um die Demographie Bosniens zu ändern. Sprich: Um Bosnien zu islamisieren.

Die Serben würden sich dagegen zur Wehr setzen, sagt Dodik.

Dodiks Warnungen und Hetze nehmen die Hälfte des Artikels ein.

Auch Vojislav Šešelj wird in dem Artikel zitiert. Er ist der nationalistische Hetzer in Serbien schlechthin.

Vor dem Krieg lebte er in Sarajevo. Dort hatte er eine Wohnung, die offenbar enteignet wurde.

Zur Angelegenheit Karadžićs Wohnung kann er nichts beitragen.

Um die Wohnung geht’s eigentlich nicht

Um die Angelegenheit, immerhin Gegenstand der Schlagzeile von Vesti, geht es auch nur am Rande.

Wer wirklich dort wohnt, erfährt man nicht. Es können Flüchtlinge sein, es können auch Einwanderer sein wie Araber, die in der Gegend von Sarajevo etliche Wohnungen und Häuser gekauft haben.

Karadžićs Tochter, der eine Wohnung im gleichen Haus gehört, wird mit den Worten zitiert, ihr sei das eigentlich egal, so lange es die anderen Mieter nicht stört.

Man vermutet, dass Vesti hartnäckig versucht hat, ihr andere Aussagen zu entlocken.

Da fragt man sich als Leser, was das alles soll. Und warum die Sache überhaupt relevant sein soll.

Nach objektiven Kriterien sollte es egal sein, wer 2018 in einer Wohnung lebt, die der ursprüngliche Bewohner 1992 aufgegeben hat und die er seitdem nicht zurückgekehrt ist.

Radovan Karadžić wird auch nicht mehr dorthin zurückkehren.

Das Internationale Tribunal für Verbrechen im ehemaligen Jugoslawien hat den ersten Präsidenten der Republika Srpska wegen Kriegsverbrechen und des Völkermords von Srebrenica zu 40 Jahren Haft verurteilt.

In seinem Alter kommt das einem Lebenslänglich gleich.

Für viele nationalistische Serben ist er bis heute ein Nationalheld.

Nationalistische Hetze

Genau mit diesem Gefühl spielt Vesti, wenn es die Geschichte aufgreift.

Und verstärkt es, indem es den nationalistischen Milorad Dodik über die Gefahr der Islamisierung schwadronieren und auch sonst einige nationalistische Parolen absondern lässt.

Was mit der Frage nach der Wohnung nicht das Geringste zu tun hat. Sie war Karadžićs Privatwohnung und hat nie der Regierung der Republika Srpska gehört.

Dodiks Meinung ist für einen Artikel über eine Privatwohnung, mit der er nichts zu tun hat, schlicht – von einer Irrelevanz, die kaum zu überbieten ist.

Wer in der Wohnung wohnt und wie und warum, geht ihn einfach nichts an. Zumal die Wohnung in der Federacija liegt und nicht in der RS.

Dass er zitiert wird, ist schlicht und ergreifend nationalistische Propaganda.

Man wähnt sich im Krieg des heldenhaften Serbentums gegen eine muslimische Invasion.

So zumindest stellt es Vesti de facto dar.

Und lässt Dodiks These von der „Umvolkung“ Bosniens einfach so stehen. Dass Bosniens Demographie am stärksten durch Auswanderung verändert wird und nicht durch wie auch immer geartete Einwanderung, wird nicht einmal erwähnt.

Das ist der Gipfel der Hetze gegen Flüchtlinge in Bosnien.

Migrantenzeitung hetzt gegen Migranten

Selbst wenn man den offenen Nationalismus des Boulevardblatts Vesti bedenkt, mutet dieser Artikel schlicht und ergreifend grotesk an.

So billige und freiwillige Instrumentalisierung ist unfassbar.

Was der Sache einen bitter-ironischen Beigeschmack gibt: Vesti wird in Frankfurt herausgegeben.

Es ist eine Zeitung für serbischstämmige Migranten.

Eine Migrantenzeitung hetzt gegen Migranten. Das kann man auch als in sich nicht ganz stimmig sehen.

Es ist ein Zeichen, wie sehr sich die Stimmung radikalisiert hat – nicht nur unter Serben.

Flüchtlinge und Migranten sind die Projektionsfläche für den erstarkenden Nationalismus und Neofaschismus in Europa.

In Bosnien hat das besonders gefährliche Implikationen. Hetzartikel wie der von Vesti beschwören geradezu die Gefahr eines neuen Kriegs herauf.

Das macht die Initiative #jersmoljudi ehemaliger bosnischer Flüchtlinge umso wichtiger, die gegen die Hetze gegen Flüchtlinge in ihrer Heimat – beleibe nicht nur durch serbische Nationalisten – protestieren.

Sie haben einen Offenen Brief zur Unterschrift aufgelegt, in dem sie an ihr eigenes Schicksal erinnern und fordern, dass Flüchtlinge in Bosnien menschenwürdig behandelt werden.