Ein graues Haus in Ottakring, am Gürtel. Wo für viele der Balkan beginnt. Eine jung wirkende Frau sitzt davor. Sie zählt nicht zu den Gewinnerinnen unserer Gesellschaft. Sie ist am falschen Ort geboren. Eine wilde Notiz aus sich langsam ordnenden Gedanken.

Irgendwo zwischen Lugner City und Thaliastraße.

Auf den Schaufenstern lang aufgelassener Geschäfte vergilben Plakate, die Werbung für Konzerte von Julian Marley und Ceca gemacht haben.

Ein Haus, grau von mehr als einem Jahrzehnt Abgase. Schlicht. Nur der oberste Stock hat eine Verzierung, die ein bisschen an Jugendstil erinnert.

Die Fenster sind großteils geöffnet. Ein Mann, wahrscheinlich Migrant, lehnt im Unterhemd auf einem Fenstersims im ersten Stock. Zwei weitere Männer im kleinen Zimmer, auf das das Fenster den Blick freigibt.

Hier wohnen keine reichen Leute.

Im Erdgeschoss ein Cafe. Türkisch. Die Tür ist offen.

Auf der Stufe zur Tür sitzt eine jung wirkende Frau im Freien. Viel kann sie nicht genießen am Ausblick.

Am Grünstreifen am Gürtel haben sie die Büsche gerodet. Drogendealer hatten dort ihre Ware versteckt.

Sonst nur etwas Verkehr. Ferienzeit. Aber wer will schon Autos am Gürtel schauen? Selbst einem fünfjährigen Kind wird das irgendwann langweilig.

Die Sonne geht hinter ihr und dem abgasgrauen Haus unter. Langsam. Den Sonnenuntergang kann sie auch nicht anschauen wollen.

Vielleicht entflieht sie nur für eine halbe Stunde der Hitze drin.

Sie ist blondiert, sehr freizügig gekleidet für ein türkisches Cafe und raucht eine Zigarette.

Du weißt, was dieses Cafe ist

Wenn du fast 20 Jahre in Gürtelnähe gewohnt hast, weißt du, was dieses Cafe ist.

Auch wenn du noch nie drin warst.

Es überrascht dich nicht, dass du hinter der etwas pummeligen Blondierten zwei Frauen wahrnehmen kannst, die auch freizügig gekleidet sind.

Sie scheinen nicht mehr die Jüngsten zu sein.

Wahrscheinlich hast du in einer Gasse gelebt, wo es ein, zwei solcher Cafes gibt.

Wahrscheinlich hat’s dich zwei, drei Mal in eines verschlagen.

Das erste Mal aus Zufall. Die einzigen, die noch offen hatten um drei, vier in der Früh. Wo dich das schwere Parfüm besoffen gemacht und dir Kopfweh gegeben hat am nächsten Tag in der Früh.

Das zweite und vielleicht das dritte Mal, um zu verstehen, was du da gesehen hast.

Und dann wird dir aufgefallen sein, wo die Frauen herkommen, die du am Schanigarten des Beisls unter deiner Wohnung Nacht für Nacht hast vorbeigehen gesehen.

Immer mit einem anderen Mann. Manchmal alle halben Stunden.

Vier, fünf Mal, während du im Garten gesessen und Bier getrunken hast. Wenn eine jung und hübsch war, und das war selten, ging sie sieben oder acht Mal.

Viel weiter unten kannst du nicht sein in dieser Stadt als diese Frauen.

50 Euro die Nummer. Vielleicht 70.

Bevor sie in Österreich arbeiten durften, waren das oft Bulgarinnen. Heute sind es Türkinnen, oft nur mit Touristenvisum, auch viele Romni von wer weiß woher sind dort.

50 Euro die Nummer. Wenn sie Glück haben 70.

Wie viel ihnen bleibt, keine Ahnung. Die Wohnung in der Nähe, in der das eigentliche Geschäft vonstatten geht, eine Stunde lang oder nur eine halbe, wenn die Frau Glück hat, wird nicht gratis sein.

Das Lokal als Wartezimmer auch nicht.

Vielleicht ist’s dir auch passiert, dass einige dieser Frauen unter Tag auf Kundenschau gehen und dich, aus welche Grund auch immer, von hinten in der Lugner City ansprechen.

„Gehen wir auf Kaffee?“

„Nein.“

„Aber gehen wir zusammen.“

„Nein.“

„Aber komm, gehen wir zusammen.“

Da musst du unfreundlich werden, sonst wirst du sie nicht los.

Die Kunden sind genauso alt, dick und hässlich

Die hier reingehen, um diese Frauen zu suchen, sind meist selbst Migranten. Gelegentlich auch Asylwerber. Haben selbst nicht viel Geld.

Sie sind so alt, so dick und so hässlich wie die Frauen, deren Dienste sie in Anspruch nehmen.

Junge, hübsche Frauen kosten mehr.

Verkehren, im mehrfachen Wortsinn, meist in besseren und teureren Etablissements. Wo sie vielleicht auch daran beteiligt sind an dem, was der Gast konsumiert.

Das ist so, wenn Sex zur Ware wird.

Man kann das beschönigend umschreiben. Man kann verbale Verrenkungen machen, um nicht in den Geruch dessen zu kommen, was man als Bodyshaming bezeichnen würde.

Es hätte nur keinen Sinn.

Dieses Gewerbe ist sexistisch. Sofern die Frauen nicht selbstbestimmt arbeiten können, basiert es auf Ausbeutung. Und diese Ausbeutung hat ihre eigenen Gesetze.

Das soll man nicht beschönigen.

Dass es diese schummrige Welt gibt, diese Halbwelt zwischen Straßenstrich und Bordell, das glaubst du erst beim zweiten oder dritten Mal.

Und dann redest du mit den Nachbarn. Von denen der eine oder die andere vielleicht mitgekriegt hat, dass eine Frau um drei auf offener Straße verprügelt wird, wenn sie nicht genug Geld mitbringt.

Anzeige erstatten hat kaum Sinn. Die Frauen reden nicht mit der Polizei.

Die hässliche Seite der Armut

Gebe es keine Armut, gebe es keine Prostitution. Und so lange Männer in der Regel mehr Geld haben als Frauen, ist es klar, wer auf den Strich geht.

Das gilt auch ganz unten in dieser Gesellschaft.

Man kann die Augen davor verschließen. Man kann das Gewerbe in moralischer Selbstgerechtigkeit verbieten wollen und sich auf die Schulter klopfen, wenn es weniger sichtbar wird.

Dann sitzt diese jung wirkende Frau eben vor einem Cafe in Bratislava und eine Nummer kostet 30 Euro und nicht 50.

Ob ihr das hilft?

So lang an der europäischen Peripherie die Leute nicht besser leben, wird es diesen endlosen Zustrom an Frauen geben, die mit dem, was sie hier verdienen, ihre Familien in Bulgarien, der Türkei oder sonstwo ernähren.

Das ist die Wahrheit. Sie mag bitter sein. Aber sie liegt am Tisch. Und sie muss von Zeit zu Zeit ausgesprochen werden.

Wenn wir helfen, dass es den Menschen in der europäischen Peripherie besser geht, vor allem den Frauen, hört das auf.

Aber erst dann.

Dann sitzt vielleicht die jung wirkende Blondierte auf der Eingangsstufe ihres Wohnhauses. Nach der Arbeit, statt in der Arbeit.

Und sieht ihrem Kind beim Spielen im Hof zu.