Wie mein Gepäck am gleichen Tag zweimal kontrolliert wird. Und ich keine Ahnung habe, warum.

Inspektor Andrić will es in Mali Zvornik von mir genau wissen.

(Ist er überhaupt Inspektor? Wie sind die Ränge bei der serbischen Grenzpolizei? Wie ist sein Vorname? Steht nicht auf dem Namensschild seiner Uniform.)

„Was hast du da im Rucksack? Bitte aufmachen.“

Mach ich. Ziehe den Laptop aus seinem Fach, kurz, auch die Kamera. Das einpackte Essen. Herrliche Pogačice sa čvarcima aus der Bäckerei in Banja Koviljača, ein Becher Jogurt.

Auf den sonstigen Krimskrams in den anderen Fächern meines Rucksacks deute ich eher nur.

„Was machst du von Beruf“, fragt mich Andrić, durchaus freundlich.

„Journalist. Aber im Urlaub.“

Er verschwindet mit den Ausweisen von uns Businsassen in seiner Grenzpolizeihütte.

Als er zurückkommt, heißt es: Mitkommen. Samt Tasche im Gepäcksfach des Kleinbusses, der uns nach Lukavica bei Sarajevo bringen soll, dem Republika-Srpska-Busbahnhof der bosnischen Hauptstadt.

Ich bin etwas verwirrt, aber ruhig. Ich habe nichts dabei, was nach menschlichem Ermessen illegal sein könnte.

Als Blogger höchstens technisches Equipment, das zu einigen Fragen führen könnte. Ein normaler Tourist hat das nicht mit. Aber vom letzten Stand der Spionagetechnik sind wir da noch weit entfernt.

Das Gepäck wandert im kleinen Grenzerhäuschen auf eine Bank mit Lederbezug. Vielleicht ist es auch Kunstleder.

Auf der Fensterseite steht ein Schreibtisch mit Computer.

Daneben gibt es noch einen Raum, auf der anderen Seite einen kleinen Vorraum, der das Häuschen mit einem weiteren verbindet.

„Hast du noch anderen ‚ganz natürlichen Tabak?'“

„Mach bitte alle Taschen von Weste und Hose leer“, sagt Andrić.

Mittlerweile reden wir auf Englisch. Ich übersetze das „you“ hier als Du. Es käme der gemeinten und hierzulande üblichen Umgangsform am nächsten.

Und immerhin redet er mich ja mit Vornamen an.

Andrić zieht sich Handschuhe an und tastet mich ab.

Seine ausgesprochen hübsche Kollegin steht im Türrahmen und sieht zu.

Deckt sie den Ausgang ab, falls ich versuchen sollte zu fliehen? Ist sie Verstärkung für Andrić? Oder ist sie in Ausbildung? Oder als Zeugin gedacht, sozusagen nach dem Prinzip: Nie einen Beamten alleine lassen mit jemandem, der befragt oder untersucht wird?

Mehr als etwas zu ihrem Aussehen sagen kann ich nicht. Ich habe sonst nichts mit ihr zu tun. Außer beim Verabschieden wechseln wir auch kein Wort miteinander.

Nicht aus wechselseitiger Missachtung – ihr Gesichtsausdruck wirkt professionell-freundlich – sondern weil es nichts gibt, was wir miteinander zu reden hätten.

„Mach bitte deine Taschen auf“, sagt Andrić. „Auch alle Seitentaschen.“

Alles wird ab- und durchgetastet, inklusive der Seitentaschen meiner Kamera.

In der Vordertasche findet Andrić meinen Tabak, der noch aus Österreich ist. Er riecht an der Packung.

„Das ist guter Tabak“, sagt Andrić.

„Ist auch ganz natürlicher Tabak, ohne Zusatzstoffe“, sage ich.

„Hast du noch anderen ‚ganz natürlichen Tabak‘?“ fragt Andrić und grinst ein wenig.

Ich überlege kurz, was er meint.

Auch wenn ich ausgesprochener Befürworter einer Cannabis-Freigabe bin, das Zeug selbst war nie mein Ding.

Vor Jahren hab ich mal einen Zug gemacht. Anders als Bill Clinton hab ich inhaliert.

Weder hat’s mir geschmeckt noch irgendeine Wirkung entfaltet. Und den Geruch mag ich sowieso nicht.

Da dürfte es wenig wundern, dass es eine Zeitlang dauert, bis ich verstehe, worauf Andrić anspielt.

„Weißt du, was ich meine“ fragt Andrić. Sein Lächeln wird schelmisch.

„Ja. Und nein“, sage ich.

Wir finden’s beide amüsant.

Andrić lernt etwas kennen

„Was ist das?“, fragt Andrić. Er zieht ein dickes Blatt aus Ton aus dem Vorderfach des Rucksacks.

Ganz vergessen, dass ich das dabeihatte.

„Das legt man ins Wasser. Wenn es feucht wird, kommt es in den Tabak, damit der feucht bleibt. Man kann das auch mit Äpfeln oder Kartoffeln machen“, sage ich.

Andrić macht einen interessierten Gesichtsausdruck.

Ihm wird mittlerweile klar sein: Was auch immer er gesucht hat, findet er hier bestimmt nicht.

Wir sind fertig. Mein Personalausweis geht durch den Scan. Andrić schreibt ein – sehr kurzes – Protokoll.

Die Tasche einräumen ist kein Problem. Andrić hat nichts großartig durcheinandergebracht.

„Pass auf, dass du nichts vergisst“, sagt er. „Und tut mir leid, ist meine Arbeit“.

„Ich weiß, kein Problem“, sage ich. Und frage mich, was er wohl gesucht haben wird und warum ausgerechnet bei mir.

Ich weiß, man passt aktuell auf, dass keine Flüchtlinge geschmuggelt werden.

Nur, so groß mein Rucksack auch sein mag, ein solcher hätte dort keinen Platz. Und in der Reisetasche höchstens ein vietnamesicher Schlangenmensch.

Wir verabschieden uns freundlich.

Durchsucht werden macht nie Spaß. Aber wenigstens war’s in einer einigermaßen entspannten und höflichen Atmosphäre. Hätte auch unangenehm werden können.

Meine erste Gepäckskontrolle am Balkan

Zehn Minuten hat’s gedauert. Der Bus hat gewartet.

Letztes Jahr war’s einfacher, denk ich mir, als wir über die Drina-Brücke fahren und ich ins grüne Wasser hinabschaue.

Da hat mich eine österreichische Journalistin angerufen, als wir darauf warteten, dass die serbische Grenzpolizei unsere Reisedokumente zurückbringt.

Der Bus war noch kleiner als heute. Ich aß gerade ein Burek, das ich mir der Früh am Beograder Busbahnhof gekauft hatte.

„Sorry, geht grad nicht. Bin in zwei Wochen wieder in Österreich“ hatte ich ihr gesagt und das war der einzig nennenswerte Vorfall damals an der Grenze.

Überhaupt, ich habe keine Ahnung, wie oft ich in den vergangenen Jahren eine balkanische Grenze überquert habe.

20-mal? Eher 30.

Noch nie wollte jemand mein Gepäck durchsuchen. Was mich mich gelegentlich selbst verfluchen ließ, dass ich doch viel mehr bosnische Drina hätte mitnehmen können. Mindestens eine zweite Stange.

Der Bus muss in die Halle

Wir kommen in Zvornik an, am bosnischen Drina-Ufer. Das des Flusses, nicht der Zigarettenmarke.

Wie letztes Jahr ist das erste, was ich sehe, ein kleines Rudel Straßenhunde.

Erst dann sieht man die bosnische Grenzpolizei.

Alles ganz normal. Der Grenzer kommt in den Bus und sammelt die Reisedokumente ab.

Wir fahren Richtung Grenzbalken.

Der Zöllner begehrt Einlass. Der Chauffeur öffnet die Tür.

„Der Bus muss in die Halle“, sagt der Zöllner.

Wir fahren in das Gebäude. Das Tor Richtung Grenze schließt sich hinter uns. Nur eine kleine Eingangstür bleibt offen.

Das Tor Richtung Bosnien steht offen. Man sieht eine orthodoxe Kirche in Zvornik, davor etwas, was nach Einkaufszentrum aussieht, ein paar Häuser, Wiesen und den Zaun, der uns daran hindern würde, weiterzufahren- oder zu rennen.

Aus der Nähe bellen die Straßenhunde.

„Alle aussteigen“, heißt es. Ich höre etwas von einer Durchsuchung mit Hund und freue mich sogar ein wenig darauf. Ich liebe Hunde.

Alle müssen ihr Handgepäck mitnehmen und, sofern vorhanden, Reisetaschen- und Koffer im Gepäcksraum.

Jede und jeder steht vor oder neben seinen Gepäcksstücken.

Der Hund stöbert

Ein Zöllner kommt mit einem etwas aufgeregt-verspielt wirkendem Hund herein.

Es dürfte ein Mischling sein, etwas größer als kniehoch, dunkel und gestromt.

Wieder bellen die Straßenhunde.

Der Polizeihund zieht an der Leine Richung Ausgang.

Lieber als arbeiten würde er mit den Kollegen draußen herumtollen.

Als er einsieht, dass da snichts wird, stürzt er sich mit Begeisterung in die Arbeit beziehungsweise unseren Bus.

Was mag es für ihn an Gerüchen geben in diesem Passagierraum?

Wie viele tausend Passagiere mögen in diesem kleinen Bus gereist sein, der ursprünglich in der Türkei eingesetzt war – man sieht es an den Warnklebern auf den Fenstern -, mit ihrem Reiseproviant, ihren Parfüms, Rasierwässern, Gerüchen ihrer eigener Haustiere und von Verwandten und Freunden, die sie zum Abschied umarmt haben, an ihrer Kleidung?

Wie viel hat sich in den Stoffsitzen festgesetzt?

Wie lange halten sich diese Gerüche für eine Hundenase?

Welche Handlungen mögen sich vor dem inneren Auge des Polizeihundes abspielen, während er eifrig und gründlich alles beschnüffelt?

Riecht er, was all die Busfahrer aus Gefälligkeit oder gegen Bakschisch mitgenommen haben auf ihren Botendiensten?

Die werden hierzulande nebenbei erledigt. Wenn du willst, dass etwas schnell ankommt, gibst du es dem Busfahrer mit.

Vom Laborbefund über ein Kuvert mit Bargeld bis zur Schnapsflasche. Und gelegentlich eine ganze Badezimmerausrüstung.

Die verständlicherweise nicht im Busfahrerhandschuhfach unerfindlicher Größe sondern im Gepäcksraum.

Dort ist der Polizeihund mittlerweile angelangt.

Wie viele Zigaretten, Würste, Schnapsflaschen hier wohl transportiert wurden, Kaffee vermutlich auch, seitdem dieser Bus im Einsatz ist.

Nicht alles immer ordnungsgemäß deklariert, kein Zweifel. Sicher nur aus Versehen.

Wieder nichts.

Welches Signal auch immer der Polizeihund seinem Herrchen gibt, wenn er gefunden hat, auf dessen Suche er ausgebildet wurde, es kommt nicht.

Es erwischt uns Nicht-Jugos

Eine dünne Wand mit Glasfenster trennt zwei Extraräume in dem Gebäude von der großen Halle ab.

Dort hat sich der Zöllner bereit gemacht, der uns in die Halle dirigiert hat. Eine Zöllnerin und ein Kollege von der Grenzpolizei warten ebenfalls.

Mir schwant, was kommt.

Ein weiterer Zöllner dirigiert eine Iranerin in die Halle. (Ein, zwei Haltestellen später wird eine zweite einsteigen. Das ist eine andere Geschichte.)

Und, natürlich, auch mir deutet ein Beamter, ich solle Richtung Untersuchungszimmer kommen.

„Den haben sie doch schon in Mali Zvornik durchsucht“, protestiert der Busfahrer sanft.

Wurscht. Die beiden Nicht-Jugos im Bus müssen. Wen soll man sonst rauspicken?

Ich will ihnen auch sagen, sie mögen doch bitte Kollegen Andrić in Mali Zvornik anrufen und verwerfe den Gedanken wieder.Würde vermutlich nichts bringen.

Das Zimmer ist deutlich geräumiger als auf der serbischen Seite.

Hier stehen Tische und Sessel aus Holz.

Abgetastet werde ich diesmal nicht

Auf dem Tisch eien Packung mit Plastikhandschuhen. Computer gibt es keinen.

Der dürfte im Nebenbüro stehen, das man anhand der Tür erahnen kann. Von der Halle ist es nicht einzusehen.

Mir widmen sich ein Zöllner und der Grenzpolizist, der vorher den Hund durch den Bus führte.

Auch sie bleiben freundlich. Man merkt, sie sehen es als Routine an.

Reisetasche und Rucksack landen am Tisch.

Die Beamten machen sich darüber her.

Nicht ganz so gründlich wie Andrić. Die Nebenfächer der Kameratasche etwa bleiben zu. Auch das kleine Vorderfach des Rucksacks.

Der Tabak wird gefunden, beschnüffelt und für uninteressant befunden.

Man bleibt aber freundlich und bemüht sich, den Inhalt der Reisetasche nicht zu sehr durcheinanderzubringen.

Abgetastet werde ich nicht. Wenigstens.

Die Iranerin im Nebenbüro hat’s etwas schwerer. Sie versteht kaum Englisch. Das zögert die Durchsuchung hinaus.

Flüchtlinge finden sie da und dort nicht. Sonstiges nach menschlichem Ermessen Illegales haben wir auch nicht dabei.

„Danke für deine Kooperation“, sagt der Grenzpolizist mit Hund.

„Tut uns leid, dass wir dich aufgehalten haben. Manchmal müssen wir eben“, sagt der Zöllner.

Aus Interesse frage ich den Grenzer, wie alt sein Hund sei. „Drei“, sagt er.

Ich hätte ihn für etwas jünger gehalten, verspielt, wie er wirkt.

Das ganze Spiel – umsonst

Auch die Iranerin ist fertig. Aus irgendwelchen Gründen wird eine weitere Passagierin zur Kontrolle gebeten.

Ich rauche derweil eine Zigarette vor der offenen Tür Richtung Zvornik.

Auch die dritte ist bald fertig. Gefunden wurde wieder nichts. Die ganze Aktion war umsonst.

Mit einer halben Stunde Verspätung dürfen wir weiter fahren. Das kostet uns die Pause auf der weiteren Strecke Richtung Lukavica, zum Busbahnhof Istočno Sarajevo.

Vielleicht könnten die Serben und die Bosnier gemeinsame Grenzkontrollen einführen. Würde Zeit sparen. Und Nerven.

Zweimal bin ich heute durchsucht worden. Warum auch immer. Hoffentlich reicht das für die nächsten 30 Grenzübertritte.