Mit ihrem Buch „Über/Leben im Krieg“ hat die Wiener Journalistin Adisa Begić sieben Menschen eine Stimme gegeben, die sonst nicht gehört werden. Sieben Menschen, die aus dem Krieg in Bosnien nach Österreich geflüchtet sind. Vergleichbare Werke auf Deutsch gibt es wenige. Balkan Stories hat die Autorin getroffen.

Es gibt Erfahrungen, die sich bei aller Empathie für Menschen vermutlich der letzten Begreifbarkeit und Nachfühlbarkeit entziehen, die sie nicht erlebt haben.

Aus dem eigenen Heim vertrieben zu werden, gerade noch rechtzeitig einer „ethnischen Säuberung“ entkommen zu sein, aus einem Dorf, das von feindlichen Milizen umstellt ist und bombardiert wird, gehört in diese Kategorie.

„Wenn du einmal in einer Lache menschlichen Bluts gestanden hast, verändert das dein Gehirn für immer. Du bist nicht mehr der gleiche Mensch“, hat der bosnische Schauspieler und Komiker Troko Mladen einmal gegenüber Balkan Stories geäußert. Er hat während der Belagerung von Sarajevo in der Stadt ausgeharrt.

Nur wenn Menschen, die das durchgemacht haben, über ihre Erlebnisse sprechen, kann dieser Bereich des Unbegreifbaren, des Unnachfühlbaren, so klein gehalten werden, wie irgend möglich.

Kann eine Kommunikation stattfinden von gleich zu gleich. Können die Menschen aus dem Schatten ihrer Schicksale hervortreten. Wieder zu Menschen werden.

Mit „Über/Leben im Krieg“ hat die Journalistin Adisa Begić einen Beitrag geleistet, das Unbegreifbare und Unnachfühlbare zu reduzieren.

Sieben Überlebende erzählen

Sie hat sieben Menschen interviewt, die aus dem Krieg in Bosnien nach Österreich geflohen sind.

Lässt sie erzählen, wie sie im Krieg überlebt haben. Wie sie Essen organisiert haben. Wie sie Schulunterricht unter Notbedingungen erlebt haben. Wie sie sich gefühlt haben, wenn Granaten in der Nähe eingeschlagen haben. Wie sie es geschafft haben, nach Österreich zu kommen.

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Eine dieser Überlebensgeschichten liegt Adisa bis heute im Magen. Es ist die Geschichte von Salih.

„Er will nicht auf Srebrenica reduziert werden“

„Er ist ein junger Mann, der von 1992 bis 1995 als Kind in Srebrenica gelebt hat. Das war Krieg hoch zehn“, sagt Adisa.

Die Stadt wurde dauernd von serbischen Milizen bombardiert. „Sein größter Wunsch damals war, einmal durchschlafen zu können.“

Salih und seine Mutter flüchteten, als serbische Milizen unter Ratko Mladić die Stadt einnahmen.

Niederländische UN-Soldaten sahen zu, als die Truppen Frauen und Kinder aus der Stadt trieben und alle Männer und männlichen Jugendlichen, die nicht hatten fliehen können, selektierte und internierte. Auch Salihs Vater.

Er fiel mit 8.371 weiteren Bosnjaken dem Völkermord zum Opfer, den die serbischen Milizen unter Befehl von Mladić begingen.

Salih hatte das Glück, zu jung zu sein für die Mordpläne der Soldateska.

„Er hat mittlerweile in Österreich geheiratet und ein Kind. Er ist traurig, dass sein Vater das nicht miterleben konnte“, schildert Adisa das Interview.

Es war das erste Mal, dass Salih sein Schicksal dokumentieren ließ.

„Er redet ungern darüber. Er will nicht darauf reduziert werden, was er damals erlebt hat. Er will eben nicht nur Opfer sein. Daher wissen auch nicht alle seine Bekannten, dass er aus Srebrenica kommt.“

Auch für die anderen Zeitzeugen war es in der Regel das erste Interview über ihre Erlebnisse.

Keiner hat psychologische Hilfe bekommen

„Die Menschen haben nicht auf Anhieb Ja gesagt, als ich sie kontaktiert habe“, schildert Adisa. Ihre Interviewpartnerinnen- und partner hat sie über die bosnische Community ausfindig gemacht. „Die Absagen hab ich gar nicht gezählt.“

„Die meisten wollen sich dem nicht stellen. Es hat auch niemand von denen, mit denen ich gesprochen habe, eine Traumatherapie gemacht oder sonstige psychologische Hilfe bekommen. Sie haben das alles nicht verarbeitet und waren seit ihrer Flucht vor allem darauf konzentriert, sich ein Leben hier aufzubauen.“

Wenn überhaupt, hat man über die Erlebnisse mit Freunden und Bekannten gesprochen.

Um mit den Erlebnissen zurechtzukommen, haben sich die Betroffenen eine Strategie zurechtgelegt, mit der sie das alles nicht zu nahe an sich heranlassen.

„Die Leute sagen sich: Ich hab eh nicht so viel erlebt. Das wirklich Schlimme, das haben die Anderen erlebt. Denen ist es noch schlechter gegangen.“

Für die Autorin war es eine mehrfache Belastung, die Überlebenden zu interviewen.

Sie durfte das, was sie hörte, nicht zu nahe an sich heranlassen und musste gleichzeitig bei der Schilderung genügend Einfühlungsvermögen zeigen, um die Geschichten glaubhaft zu erzählen und die Interviewten in ihren Emotionen darzustellen.

Adisa kam mit acht Jahren nach Österreich

Und es galt, dagegen zu kämpfen, dass ständig die eigene Geschichte hochkam.

Adisa flüchtete als Achtjährige gemeinsam mit ihrer Mutter aus Bihać.

Auch sie musste sich ein neues Leben aufbauen. Hat studiert. Sich als Journalistin bei der Austria Presse Agentur und aktuell beim Migrantenmagazin Kosmo und als Freie bei der Wiener Zeitung ein Renomee aufgebaut.

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Die Geschichten der Flüchtlinge sind auch ein Teil der österreichischen Geschichte

Mit dem Buch will Adisa nicht nur den Betroffenen eine Stimme geben. Sie will auch zeigen, dass die bosnischen Flüchtlinge Teil Österreichs geworden sind. „In diesem Buch geht es auch um österreichische Geschichte“, sagt sie.

Ein Teil, der abseits der einschlägigen Forschung bislang weitgehend ignoriert wurde.

Und Adisa will einen Beitrag leisten, um einen realistischen Diskurs über die jüngste Flüchtlingsbewegung wiederherzustellen.

„Ein Motiv, das Buch zu schreiben, war die verzerrte Perspektive auf Flüchtlinge seit dem Vorjahr“, sagt Adisa. „Ich wollte damit aufzeigen, was es bedeutet, das Heim zu verlassen, alles stehen zu lassen, die Familie und Freunde zurückzulassen, ohne dass man weiß, ob man je wiederkommen kann.“

Kurz: Einen Beitrag leisten, damit Flüchtlinge wieder als Menschen gesehen werden, und nicht als pauschale Bedrohung oder Belastung.

„Über/Leben“ im Krieg
Erlebnisse aus dem Krieg gegen Bosnien und Herzegowina.
Al Hamra Buchhandel&Verlag, ca. 10 Euro, 2016