Ich stoße mit Adriana auf den Bundessascha an. Johnny kriegt 2 Euro 40 pro Ständer. Walter traut sich nicht ins Lokal.

Adriana fällt mir freudestrahlend um den Hals. Oder ich ihr. Je nach Sichtweise. Wir haben einen Bundessascha und freuen uns.

Ich schmeiße eine Runde. Das ist heute billig.

Neben der rumänisch-stämmigen Kellnerin, die fließend Serbisch spricht, ist nur Franz da. Er ist Betriebsrat bei einer größeren Bude in Wien. Und ich.

„Ja, auf den van der Bellen trink ich gern“, sagt Franz.

„Ich bin auch für van der Bellen. Aber leider hab ich ihn nicht wählen dürfen“, sagt Adriana.

Es werden zwei Gösser und ein Wieselburger. Jugo-Bier gibt’s hier leider nicht.

Aus der Jukebox plärrt Lepa Brena.

„Ich bin der Johnny. Und du?“

Johnny ist betrunken, als er reinkommt. Schwer.

Der kleine, etwas untersetzte, ältere Mann mit sehr breitem Mittelscheitel und Bart bestellt ein großes Bier vom Fass und setzt sich an den Nebentisch.

„Bei mir geht’s um 220 Millionen“, sagt er.

Man merkt, er verkehrt oft in Jugo-Lokalen.

„Ich bin der Johnny. Und du?“

Johnny mag Alexander van der Bellen nicht. Norbert Hofer mag er noch weniger.

„Ich hab drei Autowerkstätten“, erklärt Johnny die Sache mit dem vielen Geld. „Aber ich arbeite dort nimmer.“

Franz trinkt vergnügt sein Bier. Er sieht sich die jüngsten Hochrechnungen auf Puls 4 an.

Das mit der Jukebox geht so nicht weiter

Die von niemandem bediente Jukebox wechselt auf österreichische volkstümliche Musik.

Ich muss ein Wort mit Dragica reden.

Der Jukebox-Typ muss das Ding anders programmieren. Das geht so nicht weiter.

Die balkanstämmigen Gäste stehen nicht auf unsere volksstämmige Musik. Die österreichistämmige Stammbelegschaft auch nicht. Höchstens noch der Fritz, der Maler, und der Ferdl.

Beim Fritz ist die Liebe enden wollend.

Beim Ferdl sind eh immer die Juden schuld. Da ist es egal, was man spielt.

Johnnys Werkstätten haben sich während meines Gedankenganges in Luft verwandelt wie der Inhalt seines Bierglases.

„Ich bin übrigens der Johnny. Und du?“

Für Johnny ist die Wahl noch nicht vorbei, erzählt er.

Johnny baut 2.500 Dreiecksständer wieder ab

„Ich arbeite für den van der Bellen“, sagt er.

Nicht direkt, wie sich nach mehreren Anläufen offenbart sondern für eine der unterstützenden Organisationen. „Ich stelle die Ständer der Umgebung auf.“

Neun Kilo wiegt so ein Dreiecksständer, sagt Johnny. 2.500 haben er und ein Helfer im Wahlkampf aufgestellt. Zehn Tage haben sie gebraucht.

Mit jeder Plakatserie mussten die Sujets neu affichiert werden.

„Da musst du genau aufpassen, wo die aufstellst. Nur dort, wo’s genehmigt ist.“

Knochenarbeit. „Ich hab jetzt eine Schleimbeutelentzündung. Ich kann meinen rechten Arm nicht mehr gescheit heben.“

Ich verkneife mir die Bemerkung, dass eh van der Bellen gewonnen hat. Über Leute mit Schmerzen soll man keine Scherze machen.

Johnny muss diese Woche die 2.500 Ständer wieder abbauen. „Das geht schneller als das Aufstellen. Drei oder vier Tage werden wir brauchen.“

Das Ding aufheben. Neun Kilo das Stück.

Die Fixierungen raus.

Zusammenfalten.

Ins Auto legen.

2.500 Mal.

Wenn man Johnnys Lohn auf die Anzahl der Ständer umlegt, kriegt er je 1 Euro 20 fürs Aufstellen und fürs Abbauen. Insgesamt 2 Euro 40 pro Ständer.

Die von der Konkurrenz kriegen auch nicht besser bezahlt.

Tina und Werner freuen sich

Die Jukebox spielt Bob Dylan.

„Ich bin übrigens der Johnny. Und du?“

Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, Johnny auf ein Bier einzuladen.

Mit Schwung kommen Tina und Werner herein. Tinas Schritte federn richtiggehend.

Wir fallen uns um den Hals.

Tina war heute Mitglied einer Wahlkommission. Werner feiert einfach so mit.

Adriana ruft Johnny ein Taxi.

„Unser Sprengel war super“, schwärmt Tina. „80 Prozent für van der Bellen.“

Der FPÖ-Wahlbeisitzer tauchte seltsamerweise schon in der Früh auf, erzählt Tina.

„So ein Burscherl, das sich ziemlich vor uns gefürchtet hat. Den haben wir schnell in den Griff gekriegt. Wir waren ganz freundlich zu ihm und haben ihn eingebunden. Am Ende war er dann eh nett.“

Tina und Werner bestellen eine Runde Rakija.

Ich bestelle die nächste. Einen Bundessascha kriegt man nicht so oft.

Walter schaut durch die Glastür

Johnny wankt Richtung Tür.

„Ich muss heim. Ich muss morgen wieder arbeiten“, sagt Franz.

Er geht ohne größere Verabschiedungszeremonie.

Ilija schaut zwischen zwei Rosenverkäufern kurz rein und lässt sich von mir eine Zigarette drehen.

Ein grauer Rauschebart schaut durch die Glastüre am Eingang, aus sicherer Entfernung.

Es ist Walter. Der einzige Stammgast mit FPÖ-Sympathien. Die legt er dafür auch ungefragt offen.

Nicht immer ist es ganz klar, was an den Sympathien für FPÖ-Phrasen- und Vorstellungen echt ist und wo er nur provozieren will.

Ferdl ist nicht mehr oft genug da, um als Stammgast im engeren Sinn des Wortes zu gelten.

Walter schaut weiter rein. Er bleibt ein paar Sekunden stehen.

„Der traut sich heut nicht rein, wetten“, sagt Tina und feixt.

Walter geht weiter.

Tina ist nicht böse über die Entscheidung. Werner auch nicht. Er geht trotzdem heim.

Ich hätte heute ein bisschen Lust auf praktizierte Schadenfreude gehabt.

Keine letzte Runde auf den Bundessascha

Adriana schaut auf die Uhr und serviert die Rechnungen. Der Bundessascha zahlt ihr auch keine Überstunden.

Ein letztes Mal tät ich schon noch gern auf den Bundessascha anstoßen.

Adriana will pünktlich heim.

Da diskutier ich nicht.

Am Heimweg liegt mein zweites Stamm-Jugo-Beisl. Vielleicht will dort noch wer auf den Bundessascha anstoßen.

Der (ost-)österreichische Ausdruck Beisl, auch Beisel oder Beis’l geschrieben, entspricht etwa der deutschen Kneipe.