Die Schau BALKANIZATION des Wiener Künstlerkollektivs Friday Exit wirft Fragen nach Identitäten und Stabilitäten auf. In mehreren Installationen haben Studierende der Akademie der bildenden Künste den Trend zur Kleinstaaterei und isolationistische Diskurse analysiert.

„Ich bin Brite. Das ist mittlerweile ohnehin so, als sei ich kein EU-Bürger mehr“. Der junge Mann will unbedingt durch den Haupteingang der Galerie Friday Exit im achten Wiener Gemeindebezirk.

Der Türsteher lässt Gnade vor Recht ergehen und lässt ihn durch.

Alle anderen EU-Bürgerinnen und Bürger sowie Schweizer müssen heute durch den Seiteneingang der Gallerie.

Zwei Besucherinnen werden beim Haupteingang abgewiesen.
Zwei Besucherinnen werden beim Haupteingang abgewiesen.

Anklopfen an der verschlossenen Tür. Ein Security macht auf, mustert Neuankömmlinge, lässt sich fallweise einen Ausweis zeigen, zeigt ihnen den Weg durch das Lager in die Ausstellung.

Im Vergleich zum Haupteingang der eindeutig mühsamere, längere und hässlichere Weg. Privilegien auf den Kopf gestellt.

Der Eingang für EU-Bürger.
Der Eingang für EU-Bürger.

Nur ich darf nach Belieben durch den Haupteingang spazieren. Kurator Žarko Aleksić hat mir quasi ein Visum gegeben.

Bin ich heute der Quoten-Švabo um zu suggerieren, das Grenzregime sei ohnehin halb so wild oder liegt’s daran, dass ich mich schon vorher als Journalist geoutet habe, der gerne über die Ausstellung schreiben will?

Kurator Žarko, hier im Gespräch u.a. mit Miguel, hat mir sozusagen ein Visum besorgt.
Kurator Žarko, hier im Gespräch u.a. mit Miguel, hat mir sozusagen ein Visum besorgt.

Wie ernst die Republik Österreich den Unterschied zwischen EU-Angehörigen (inklusive Schweizern) und Bürgern des Rests der Welt nimmt, zeigt die erste Installation mit dem Titel „Unbearable Liquidness of European Borders“. Sie verwendet Auszüge aus dem aktuellen Fremdenrecht.

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Vom Sog des einen in den des anderen

Miguel Gonzalez Cabezas aus Salamanca hat eine EU-Flagge gestaltet, um deren Sterne kleine Planeten kreisen. Satellitenstaaten der größeren EU-Länder. Häufig die Reste vormals größerer Einheiten, die in den Sog neuer Mächtiger geraten. Selten vorwiegend zum Vorteil des schwächeren Partners.

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Auch Miguel hat Bezug zum Thema, das die Ausstellung behandelt. Die katalanische Unabhängigkeitsbegeweung trägt die Kleinstaaterei, die hier analysiert wird, mitten in sein Heimatland.

„Ich habe allerdings das Gefühl, dass der Höhepunkt überschritten wurde“, erzählt Miguels Vater. „Bei einer Abstimmung würden sich die Katalanen wohl entscheiden, bei Spanien zu bleiben.“

Tito am Vorhang

Eine kritische Ausstellung von und mit jungen Künstlern vorwiegend vom Balkan kommt nicht ohne Tito aus.

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Tito als Referenzpunkt, Projektionsfläche, degradiert zum Vorhangmotiv. Im Hintergrund Kuratorin Jelena Micić.

Der Langzeit-Staatschef als Mythos mit Popstar-Image, als Referenzpunkt für eine Welt vor und nach dem Zerfall, den man heute als Balkanisierung beschreiben würde.

Eine Textilarbeit greift das ironisch auf, degradiert ihn zum Vorhangmotiv.

Dass die Künstlerinnen und Künstler, die hier ausstellen, durchwegs jung sind, fällt auf. Ihre Arbeiten analysieren die Situation kühl, die Arbeiten sind auch als Anklagen gegen nationale und ethnische Egoismen zu verstehen.

Bitterkeit und Zynismus, wie man sie in den Werken älterer Kunstschaffender finden würde, fehlen hier.

Hier ist eine Generation am Werk, die die Welt für veränderbar hält.

Kuratorin Jelena Micić ist ein wenig zur Ruhe gekommen. Genauso wie Žarko hat sie bis zur letzten Minute Hand angelegt. Sie zeigt sich froh, dass so viele Menschen gekommen sind. Beleibe nicht nur Studierende der Akademie samt Anhang.

Irgendwie auch passend: Eine Ausstellung namens BALKANIZATION in Wien mit internationalem Publikum, ausgeschenkt wird tschechisches Bier.
Irgendwie auch passend: Eine Ausstellung namens BALKANIZATION in Wien mit internationalem Publikum, ausgeschenkt wird tschechisches Bier.

In einem abgetrennten Raum, für den die Bratislavaer Fotografin Martina Šimkovičová verantwortlich zeichnet, stürzen sich die Menschen auf die Ausstellungskataloge.

Freudig zupft mich Martina am Ärmel. „Komm, fotografier das. Das sind tolle Bilder.“

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Auch Martina kommt aus einem Staat, der Produkt einer Balkanisierung ist. Die Slowakei spaltete sich 1992 von der Tschechoslowakei ab – freilich in einem friedlichen und demokratischen Prozess.

Der Besitzanspruch an die „eigenen“ Bürger

Das Foto einer jungen Frau zeigt auf, wie sehr der Zerfall größerer Einheiten Besitzansprüche an die Menschen stellt. Als Make-up-Streifen trägt sie die russische, die ukrainische und die estische Flagge im Gesicht.

Zumindest bei manchen scheitert der Prozess freilich. Arber aus Prishtina und Marko aus Vranje treffen hier aufeinander. Beide sind junge Künstler.

Dass sie einander nach offizieller Lestart ihrer Heimatländer mit Misstrauen zu begegnen hätten, interessiert die zwei nicht. Von Bitterkeit oder neuen Grenzen keine Spur, als sie sich über gemeinsame Freunde unterhalten, dieseits und jenseits der serbisch-kosovarischen Grenze und in der halben Welt.

Über die Situation im „neuen“ Europa, in dem seit Monaten Grenzzäune hochgezogen werden um Flüchtlinge aufzuhalten, meint Marko etwas sarkastisch: „Jemand sollte mobile Grenzzäune bauen, um die Absurdität der Situation aufzuzeigen“.

Sagts und verschwindet mit seinem neuen Freund Arber durch den Haupteingang.