Ein Plakat beim Wiener Westbahnhof soll die türkische Community für eine Demonstration zum 1. Mai mobilisieren.

Radikal unjugoslawisch

Das linke Wien mobilisiert für den 1. Mai. Eine von Wiens größten Gruppen wird fehlen: Die 200.000 Menschen aus Ex-Jugoslawien spricht niemand an. Aus Gründen.

Sie gehören zum Ersten Mai in Wien wie der nach wie vor größte Maiaufmarsch westlich von Moskau der SPÖ am Rathausplatz: Die Demos mehr oder weniger linksradikaler oder kommunistischer Organisationen aus der halben Welt.

Iraner, Kurden, Araber, Südamerikaner und Afrikaner diversester Nationalität marschieren gleich nach dem Maiaufmarsch alljährlich über den Ring, komplett mit Flaggen, Slogans, Musik. Dazu heimische linke Splitterparteien. In Summe meist ein paar tausend Leute. Siehe dieses Foto aus dem Archiv.

Demonstration gegen die iranische Botschaft mit verschiedenen Transparenten und Flaggen in Wien.

In den Tagen vor dem Ersten Mai mobilisieren die dutzenden Organisationen für diesen zweiten Wiener Maifaufmarsch. Poster gibt’s in der ganzen Stadt.

Siehe das Titelbild. Siehe dieses Foto.

Ein Plakat in der Stadt, das gegen Imperialismus und Unterdrückung aufruft, gestaltet mit einer illustration einer geballten Faust und dem Datum "1. Mai".

Die Plakate sind in allerlei Sprachen. Deutsch meist, Türkisch und Kurdisch.

Die Sprache ohne Namen, oder eine der anderen Sprachen, die im ehemaligen Jugoslawien üblich sind, findet man auf den Plakaten nicht. Noch nicht einmal in den Grätzeln, in denen Einwanderer aus deme ehamligen Jugoslawien die Mehrheit der Bevölkerung sind.

Als würde Wiens größte Einwanderergruppe einfach nicht existieren.

Sicher, ein paar tausend der gut 200.000 Ex-Jugos in Wien werden bei den zehntausenden Besuchern des Maiaufmarschs der SPÖ sein. Manche auch als wichtige Mandatare und Funktionäre.

Ein paar dutzend vielleicht werden sich bei der Maikundgebung der KPÖ einfinden.

Aber als Einzelne. Nicht als Gruppe.

Jugoslawien wurde schnell entsorgt

Das sagt vor allem etwas aus über die politische Landschaft in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. Und darüber, wie schnell das sozialistische Jugoslawien entsorgt wurde und wird.

Es gibt in Wien keine einzige linksliberale, linke oder gar radikal linke Organisation von Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Weder unter jugoslawischem Banner noch unter dem eines seiner Nachfolgestaaten.

Das überrascht allenfalls auf den ersten Blick.

In keinem der Nachfolgestaaten Jugoslawiens gibt es heute noch eine linke politische Partei, die irgendeine Relevanz hätte.

Wie im Rest Europas ist das politische Spektrum in den vergangenen 40 Jahren radikal nach rechts gekippt.

Das machte vor den Nachfolgeparteien der Kommunistischen Parteien in Jugoslawiens (Ex-)Republiken nicht halt. Die SPS etwa, die sich als Nachfolgerin der KPS sieht, propagiert eine krude Mischung aus Nationalismus und ein bisschen Wohlfahrtstaat. Daneben ist sie vor allem ein Fanverein von Slobodan Milošević und machthungrig. Keine Partei in Jugoslawiens Nachfolgestaaten war in so vielen Regierungen vertreten wie die SPS. Mittlerweile ist sie zum Wurmfortsatz von Serbiens klerikalnationalistischer Regierungspartei SNS verkommen.

Neugründungen wie die slowenische Levica oder die kroatische Možemo muten allenfalls in einem radikal rechten politischen Spektrum irgendwie links an. Nüchterner betrachtet sind sie allenfalls sehr brave Sozialdemokraten mit grünen Tupfern.

Unten gibt es keine Strukturen mehr, an die politisch linke Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien anknüpfen könnten.

Dazu kommt, dass sich auch seinerzeit die Jugoslawen anders als etwa Kurden oder viele Türken nicht in eigenen politischen Strukturen organisierten.

Die politische Szene Österreichs

Auch in Österreich gibt es nur eine relevante politische Partei, die man sinnstiftenderweise als links bezeichnen könnte. Das ist die KPÖ.

Die Partei LINKS ist mit ihrem Namen eine liberalidentitäre Mogelpackung. Viel im Grunde antimarxistisches und antiuniversalsistiches Gruppenressentiment mit klaren Täter-Opfer-Erzählungen. Zielgruppe sind untergebildete Akademiker, die zu viel Zeit haben, um über sich selbst nachzudenken. Sie sind so etwas wie der brave linke Flügel der US-Demokraten.

Der klassische balkanische Verschwörungstheoretiker würde sich nach Durchsicht des Parteiprogramms fragen, welcher Industrielle die Spaßtruppe bezahlt, um die Linke in Österreich zu spalten und zu desavouieren.

Dass die Partei in einem Wahlbündnis mit der KPÖ ist, ändert nichts an der Tragik.

Teile der SPÖ versuchen, die Partei wieder zu einer linken zu machen. Bislang sind sie am Widerstand der starken linksliberalen Flügel gescheitert. Wenn sich Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien politisch betätigen, war und ist es meist bei der SPÖ.

Dort sind sie mittlerweile so gut integriert, dass sich die Partei nicht mehr die Arbeit machen muss, sie etwa in ihrer Muttersprache anzusprechen.

Bei der KPÖ fand so gut wie niemand eine politische Heimat.

Die KPÖ war bis zum Zerfall der Sowjetunion nach Moskau orientiert. Mit den Jugoslawen fremdelte man bei aller Sympathie ein wenig. Und umgekehrt.

In die zahlreichen linken Splitterparteien verirrten und verirren sich Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien allerhöchstens vereinzelt. Dem widerspricht nicht, dass die mitunter mit linken Splitterparteien in der Region kooperieren.

So vermeldet etwa die Nova Komunistička Partija Jugoslavije den Tod von Tibor Zenker. Tibor war österreichischer Bundesvorsitzender der Partei der Arbeit und verstarb vor wenigen Tagen tragischerweise im 50. Lebensjahr.

Die Jugos sind für die meisten linken Splitterparteien zu unsexy

Für die meisten linken Splitterparteien sind Ex-Jugoslawien und Ex-Jugoslawen freilich viel zu unsexy als Zielgruppe. Sie hecheln lieber den Konflikten nach, die gerade Schlagzeilen machen. Iran, Palästina, Rojava.

Das heißt nicht, dass es nicht vereinzelt durchaus reges Interesse und Engagement in Richtung Ex-Jugoslawien gibt. Aber dass gut zehn Prozent der Wiener im ehemaligen Jugoslawien geboren wurden oder Eltern von dort haben, das ist offenbar nicht wirklich durchgedrungen.

So waren vor einem Jahr die Sozialistische Offensive und das Magazin Der Funke der Revolutionären Kommunistischen Partei die einzigen linken Bewegungen in Österreich, die sich mit den Massenprotesten in Serbien auseinandergesetzt hatten.

Der Rest linker und linksliberaler Bewegungen im Land glänzte mit der üblichen österreichischen – und deutschen – Ignoranz gegenüber den Nachfolgegesellschaften Jugoslawiens.

Siehe diese Analyse von Balkan Stories aus dem Vorjahr.

Und um das Ausmaß der Ignoranz zu verstehen, sollte man sich dieses Beispiel zu Gemüte führen. Es stammt ebenfalls aus dem Vorjahr.

Da kann man dann schon wieder beinahe froh sein, dass keine linke oder linksliberale Partei Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien für den Maiaufmarsch zu mobilisiert.

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2 Gedanken zu “Radikal unjugoslawisch

  1. Diese Diagnose gilt nicht für Graz. Die KPÖ veranstaltet jedes Jahr ihr Yugo-Festa, mit weit über 1000 Teilnehmern aus allen Nationen des Landes. Übrigens: Am Freitag hat Bürgermeisterin Elke Kahr eine Enkelin Titos und von Herta Haasim Rathaus empfangen.

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