Kroatiens Antifaschisten haben am Sonntag mit dem größten Protestreigen seit Langem versucht, sich gegen den zunehmenden Alltagsfaschismus in der Öffentlichkeit zu stellen. Gleichzeitig markieren die Märsche in mehreren kroatischen Städten einen Bruch mit dem antifaschistischen Erbe im Land.
Zagreb, Pula, Rijeka, Zadar.
Zu wohl zehntausenden strömten Kroatiens Antifaschisten an diesem Sonntag auf die Straße. Ihr Motto: Ujedinjeni protiv fašizma. Vereint gegen den Faschismus.
Sie haben genug von eindeutig nationalistisch oder neofaschistisch motivierten Übergriffen wie vor vier Wochen auf die Tage der Serbischen Kultur in Split.
Genug davon, dass die Ultras von Hajduk Split vier Tage nach dem Überfall auf das Kulturfestival tausende Menschen mobilisieren konnten, die forderten, die Verdächtigen freizulassen, die die Tage der Serbischen Kultur angegriffen haben sollen.
Genug davon, dass zehntausende bei einem Konzert von Ustaša-Barden Thompson den Arm zum Ustaša-Gruß ausstrecken, und die Polizei wegsieht.
„Der Premierminister hingegen versichert uns, dass die Gewalttaten, die wir in den letzten Monaten in unserem Land regelmäßig erlebt haben, lediglich Einzelfälle, Mikro-Vorfälle seien. Gewalt ist kein Einzelfall, sondern ein chronischer Zustand der Gesellschaft, in der sich die Täter schützen und die Opfer immer wieder retraumatisiert werden. Angriffe auf freie Medien und Kultur, auf die Autonomie des Bildungs- und Justizsystems, der Zerfall des öffentlichen Gesundheitswesens und des Sozialsystems, die Militarisierung der Gesellschaft, die Stärkung des Repressionsapparats, Jugend- und Fanbanden, maskierte Hooligans, allgegenwärtige Gewalt unter Gleichaltrigen, in der Familie, geschlechtsspezifische Gewalt und jede andere Form von Gewalt sind keine unzusammenhängenden Mikroereignisse, sondern Ursachen und Folgen verfehlter Politik, die ihre Wählerbasis durch Vetternwirtschaft, Klientelismus, Korruption, die Manipulation von Patriotismus und das Flirten mit dem Faschismus sichert. Dies sind Symptome einer ungesunden Gesellschaft, in der Opportunismus Institutionen vereinnahmt und ein Repressionsapparat das System der Fürsorge und des Mitgefühls ersetzt.“
So beschreibt Lana Bobić den Zustand in ihrer Kolumne für Balkan Stories-Kooperationspartner Lupiga.
Neues und breites Bündnis gegen Alltagsfaschismus
Gegen diese Zustände hat sich in den vergangenen ein neues, breites Bündnis gebildet. Es geht weit über die traditionellen antifaschistischen Organisationen Kroatiens hinaus.
Dieses Bündnis hat am Sonntag Massen in mehreren Städten des Landes mobilisiert. Das versetzte zumindest Manchen in Kroatiens nationalistischer Reichshälfte in Schrecken. In ihren traditionellen Organen versuchen sie, Organisatoren und Teilnehmer des Protestreigens zu diffamieren.
Dahinter steckt wohl auch die Furcht nach den Erfahrungen in Serbien. Dort hat der Einsturz des Vordachs des Bahnhofs von Novi Sad mit 16 Toten vor einem Jahr die größte Protestbewegung in Europa mindestens seit 1968 ausgelöst. Niemand hatte sie kommen sehen. Sie hält bis heute an.
Und zumindest einige der antifaschistischen Demonstranten vom Sonntag liebäugeln ein wenig mit den Protesten gegen Korruption und für Demokratie im Nachbarland.

Und mag auch das offene Auftreten von Neofaschisten in Kroatien, mögen auch die nationalistischen Töne der klerikalnationalistischen Regierungspartei HDZ einen anderen Eindruck erwecken: Es gibt in diesem Land eine starke antifaschistische Tradition.
Kampflos überlassen sie den Neo-Ustaša den öffentlichen Raum nicht, kampflos überlassen sie auch der HDZ das Land nicht. Um das zu zeigen, hätte es die Märsche vom Sonntag nicht gebraucht. Aber die haben eindrucksvoll gezeigt: Mit Kroatiens Antifaschisten ist zu rechnen.
Das Datum ist kein Zufall
Dennoch markieren die Märsche vom Sonntag einen entscheidenden Bruch mit der antifaschistischen Tradition in Kroatien, auf die sie sich stützen.
Man ging am 30. November auf die Straße, nicht am 29.
Der 29. war der Dan Republike. Der Jahrestag der Wiedererrichtung Jugoslawiens durch die AVNOJ im Zweiten Weltkrieg. Der höchste antifaschistische Feiertag im ehemaligen Jugoslawien.
(Mehr könnt ihr hier nachlesen.)
Welcher Tag hätte sich mehr für antifaschistische Massenproteste angeboten?
Dass die einen Tag später stattfanden, ist kein Zufall.
Das kann auch nicht verdecken, dass viele Demonstranten Schilder mit dem Slogan der Tito-Partisanen trugen: Smrt fašizmu, sloboda narodu.
Man kann über die Motive spekulieren.
Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass die Organisatoren den 29. November vermieden haben, um sich nicht den Vorwürfen der Gegenseite auszusetzen, doch bloß Jugonostalgiker und Vaterlandsverräter zu sein.
Das kann sein. Müssen tut es nicht.
So oder so, dieser antifaschistische Aufbruch ist auch ein Bruch mit dem alten Antifaschismus in Kroatien.
Das kann man durchaus kritisch sehen.
Alle Fotos: (c) a.infoshop via X/Twitter.
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