Wie Schneefall aus einem einstündigen Rückflug von Beograd nach Wien eine neunstündige Anreise macht. Und wie ein paar handwerkliche Fehler den Stress für die Passagiere erhöhen. Und trotzdem alles besser ist als Ryanair.
Schnee fällt in Beograd. Das Taxi braucht gut 20 Minuten, um mich in der Maksima Gorkog abzuholen. Angekündigt waren sieben.
Die Fahrt zum Flughafen dauert an diesem Sonntagmittag fast eine Stunde. Normalerweise ist es keine halbe.
Der 12:55-er Flug der Air Serbia nach Wien ist verspätet. Wie viel, weiß man nicht.
Nicht der einzige Flug, bei dem das so ist. Es schneit stark. Das kommt vor.
Gegen halb zwei sitzen wir im Bus zum Flugzeug.
„Der Abflug wird sich um eine weitere halbe Stunde bis Stunde verzögern“, sagt der Kapitän. „Wir sind die Nummer zehn in der Reihenfolge beim Enteisen“. Er ist etwas genervt. Das hört man.
„Fühlen Sie sich imstande, im Notfall die Notausstiegstüre zu öffnen, und uns bei einer Evakuierung zu helfen, und würden Sie das auch tun?“, fragt mich Milica. Sie ist unsere Flugbegleiterin.
Ich sitze auf 1 A, neben dem vorderen Notausstieg der kleinen Propellermaschine. „Ja“, sage ich.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich bei der Air Serbia auf diesem Sitz sitze.
Wie immer ist meine Antwort eine Halbwahrheit. Tun würd ich gerne. Eine ungefähre Ahnung hab ich, was zu tun ist. Wenn’s hart auf hart kommt, hoffen alle, dass es im Stress irgendwie funktioniert. Üben kann man das schwer. Das weiß jeder.
Stunden lang ändert sich die Sicht aus dem Fenster nicht.

„Die sagen uns auch nicht, was los ist“, sagt Ivan, unser Flugbegleiter. Gegen drei frage ich, ob er irgendwelche neuen Infos hat. Wir wissen nur, dass bisher nur drei Flugzeuge enteist worden sind. Wir sind Nummer zehn auf der Warteliste“.
Immer wieder sieht man Autos auf den verschneiten Asphaltflächen hin- und herfahren. Neben uns bleibt ein Dienstauto des Flughafens stehen. Zwanzig Minuten lang sitzen der Fahrer und sein Beifahrer in ihren gelben Dienstwesten im Auto. Dann fahren sie weiter.
Ein Flughafenmitarbeiter reinigt mit einem Reisigbesen die hinteren Reifen der Fly Dubai-Maschine neben uns.
Irgendwann rollt die Fly Dubai-Maschine weg. Ihren Platz nimmt ein Jet der Air Serbia ein.
Es ist finster geworden.

„Es tut uns leid. Der Flughafen hat Probleme, das Rollfeld und die Flugzeuge zu enteisen. Wir wissen nicht, wann wir abfliegen können. Deswegen wird Sie ein Bus abholen, und zum Terminal zurückbringen“, sagt unser Kapitän. Er klingt etwas zerknirscht.
„Tut mir leid“, sagt Ivan, als ich aussteige. „Du bist nicht schuld“, sage ich.

Am Gate C 10.A, unserem, Chaos. Ein junger Flughabenmitarbeiter steht dort alleine. Die Flugpassagiere bedrängen ihn, um Informationen zu kriegen, wie es weitergeht. Er weiß nichts. Dass er eingeschüchtert ist, hilft nicht, die Situation zu beruhigen.
Alles weitere und Essensgutscheine am Infoschalter.
Der ist oben und ein paar hundert Meter entfernt.
„Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Sie können Ihr Bordgepäck hier abholen, wenn Sie es möchten. Dann können wir Ihnen aber nicht garantieren, dass Sie heute nach Wien kommen. Sonst warten Sie am Gate für weitere Informationen“, heißt es am Infoschalter.
Es ist nach 16 Uhr.
Das geplante Frühstück in der Ćevabdžinica in der Maksima Gorkog ist ausgefallen. Das ansonsten sehr empfehlenswerte Restaurant – Sarajevski Ćevapi, need I say more – hatte am Vormittag offenbar doch zu. Bis jetzt habe ich nur ein 20 Gramm-Sackerl Plazma gegessen, das mir Milica im Flugzeug gegeben hat.
Das Chaos ums Essen
„Wo kriegen wir denn was zum Essen?“, frage ich. „Oder gibt’s Essensgutscheine?“
„Am Gate wird’s Catering für Euch geben, Sandwiches und Getränke. Bitte gehen Sie runter“, sagt mir ein Mitarbeiter.
Zurück zum Gate.
„Nein, Essensgutscheine gibt es oben beim Infoschalter. Hier gibt’s bestimmt nichts für euch“, sagt der überforderte Bursch.
Zurück zum Infoschalter. Wieder ein paar hundert Meter. Die zwei Laufbänder auf der Strecke stehen unmotiviert herum und still. In die eine wie die andere Richtung.
Ich gehe den Weg gemeinsam mit einer jungen Budweiserin. Sie ist gemeinsam mit einem Freund am Rückweg aus den USA. In Wien muss sie einen Zug nach Budweis erwischen.
Sie selbst nennt ihre Heimatstadt immer Budweis, nie Budejovice.
„Nein, für euch gibt’s keine Essensgutscheine“, heißt es am Infoschalter.
„Wir sind mittlerweile mehr als drei Stunden verspätet. Ich hab gottverdammtnochmal Hunger und Durst“, schreie ich. Ich schreie wirklich.
Ich bin sauer. Ich bin hungrig. Es ist Balkan. Wenn ich mich jetzt nicht aufspiele, komme ich zu gar nichts.
Die Budweiserin geht auf Sicherheitsabstand.
„Es gibt keinen Grund zu schreien. Auf welchem Flug sind Sie“, fragte die Vorgesetzte des angeschrieenen Infoschaltermitarbeiters. „Wien. Wir sind mehr als drei Stunden verspätet. Ich hab Hunger. Der Infoschalter schickt mich wegen des Essens zum Gate. Das Gate schickt mich wieder hierher. Und nicht mal Essensgutscheine habt ihr. Was soll das? Kein Wunder, dass ich zornig bin“.
Fast wortlos geht die Vorgesetzte zu Kisten, die links neben dem Schalter aufgestapelt sind. Sie nimmt zwei Sandwiches und eine kleine Flasche Wasser, und drückt sie mir in die Hand. „Die stehen für euch bereit. Wenn Sie mehr wollen, bitte sagen Sie es einfach. Alles kein Problem.“
Auf die Idee, mir das zu sagen, als ich das erste Mal nach Essensgutscheinen fragte, ist offenbar niemand gekommen. Unbegreiflich.
Es ist immerhin deutlich großzügiger als Ryanair. Bei meinem Flug von Wien nach Banja Luka hatten wir mehr als zwei Stunden Verspätung beim Abflug. Die Konsumationsgutscheine waren vier Euro wert.
Ich drücke der Budweiserin ein Sandwich in die Hand. Sie hat vor dem Infoschalter auf mich gewartet.
Wir gehen trotzdem in eines der wenigen Fastfoodlokale am Beograder Flughafen. Wir brauchen auch etwas Warmes.
Kulinarisch ist hier Wüste. Zwei Ketten scheinen sich den Flughafen Nikola Tesla aufgeteilt zu haben. Dazu betreibt die empfehlenswerte Bäckereikette Hleb i Kifle ein paar Minifilialen. Was einer ganzen Mahlzeit am Nächsten kommt, ist hier Pizza. Die ist aus.
Es bleiben überbackene Sandwiches. Frisch. Gut.
Als wir fertig sind, ist unser Flug von der Infotafel verschwunden.
Es steht nicht einmal „Cancelled“ drauf, wie bei ein oder zwei anderen Flügen.
Auf den meisten anderen verspäteten Flügen steht mittlerweile meist eine ungefähre neue Startzeit.

Nur Beograd-Wien ist weg. Futsch. Unauffindbar. Disparu. Nestao.
Gut, dass ich um 19 Uhr nicht am Infoschalter war
„Wir wissen wirklich nicht, wie es weitergeht. Um 19 Uhr gibt es weitere Infos. Bitte seien Sie dann am Infoschalter“, heißt es ebendort.
Mehrere aus meinem Flug rollen genervt mit den Augen. Der Anfang-50-er mit der süßen Hündin in der Tasche überlegt, ob er nicht wieder protestieren soll.
Ich habe die Budweiserin aus den Augen verloren.
Mir ist langweilig.
Aus irgendeinem Grund bin ich um 19 Uhr bei der Rolltreppe, die zum Gate hinabführt. Unser Flug ist immer noch nicht auf der Infotafel.
Ich gehe zum Gate weiter. Es wird wohl eine Durchsage geben.
Gegen 19 Uhr 3 bin ich am Gate.
Leute, die ich aus dem Flugzeug kenne, steigen in einen Flughafenbus ein. Sie waren offensichtlich alle nicht um 19 Uhr am Infoschalter. Sie wissen offenbar etwas, das ich nicht weiß.
„Nach Wien?“ fragt mich der junge Flughafenmitarbeiter. „Ja“. „Dann ist das Ihr Bus“, sagt er. Es ist das erste Mal, dass er heute etwas weiß.
Über ihm ist mittlerweile wieder Wien angeschrieben.
Wir warten gut eine halbe Stunde, bis alle Passagiere im Bus sind. Auch der Australier hat es geschafft, der eigentlich heute über Wien heimfliegen wollte. Er wird in Schwechat übernachten müssen.
Der US-Amerikaner, der exakt so aussieht wie Donald Trump Jr. in Dunkelblond, und sein Sohn sind im Bus.
Der Vater der österreichischen Familie sudert. Man versteht ihn.
Die junge Russin und ihr slowakischer Freund sind nicht da.
Die Budweiserin und ihr Budweiser Reisegefährte gehören zu den Letzten, die in den Bus einsteigen.
Es hat offenbar oben irgendeine Durchsage gegeben. Oder irgendwann wusste irgendwer am Infoschalter irgendetwas.
Man weiß es nicht.
Professionell wirkt das alles nicht.
Unsere Bordcrew ist dieselbe. Hut ab vor ihrer Leistung.
„Wieder du“, sage ich freundlich, als uns Ivan im Flugzeug begrüßt. Ich schüttle ihm die Hand.
Er und Milica waren immer freundlich und professionell. Hut ab vor den zwei.
„Wir warten noch auf die Enteisung. Dann geht es los nach Wien. Es tut uns leid, dass wir so viel Verspätung haben“, sagt der Kapitän.
Es ist der Gleiche von vorher.
So sehr ich mich auch gefreut habe, Milica und Ivan zu sehen – dass sie und der Kapitän und der Copilot um mittlerweile nach 20 Uhr die Gleichen sind, die mit uns um 12:55 nach Wien hätten fliegen sollen, ist alles andere als optimal.
Als alter Gewerkschafter sind mir die Arbeitszeiten von Mitarbeitern wichtig. Als Passagier hoffe ich, dass der Pilot und der Copilot nicht übermüdet sind.
Im Schnee neben der Maschine stehen schneebedeckte Koffer. Vermutlich stehen sie etwas länger dort. Sie sind schneebedeckt.
Nach einer Weile kommt ein Gepäckszug des Flughafens. Die Mitarbeiter räumen die Koffer müde in den Gepäcksanhänger. Sie fahren weg.
Vermutlich gehören sie den Passagieren, die sich entschlossen haben, ihr Glück anderwärtig zu versuchen.
Wir warten etwas.
Die Maschine rollt aufs Rollfeld.
Der Enteisungswagen kommt.
Er spritzt viel heißes Wasser auf alle Teile des Flugzeugs.
Der Doch-Nicht-Donald Trump Jr. filmt mit dem Telefon.
Die Propeller rotieren. Die Flügel vibrieren.
Das Flugzeug rollt immer schneller die Startbahn entlang. Wir sind in der Luft.
In Wien erwische ich mit etwas Glück den Flughafenbus zum Westbahnhof um 23 Uhr. Drei oder vier Minuten vor Mitternacht bin ich zuhause. Planmäßig wäre ich zwischen drei und halb vier Uhr Nachmittag angekommen.
Immer noch besser als die Pseudobilligfluglinie Ryanair
Für den Schnee kann niemand etwas.
Ob der Flughafen Beograd Nikola Tesla das besser hinbekommen hätte mit dem Schneeräumen und dem Enteisen, weiß ich nicht. Mit solchen Dingen kenne ich mich nicht aus.
Besser hätten Information und Begleitung laufen können und müssen.
Angefangen damit, dass sie bei unserer Rückkehr aus dem Flugzeug zum Gate dem jungen unerfahrenen Burschen eine erfahrene Kollegin oder einen erfahrenen Kollegen beiseite hätten stellen müssen, um uns zu informieren, wo wir Information bekommen.
Es war vorhersehbar, dass dort auf einen Schlag 80 mehr oder weniger übel gelaunte Passagiere auftauchen und ihn mit Fragen bombardieren werden.
Auch das Hin und Her bei Snacks und Erfrischungen war denkbar unnötig.
Für so etwas müssen ein Flughafen und eine Fluglinie eine Routine haben.
Im Krisenfall Schalter umlegen, Programm anlaufen lassen. Danke. Wiederschauen.
Dass Air Serbia großzügiger war als Ryanair, ist anzuerkennen. Das ist aber auch eine denkbar niedrige Messlatte.
Ryanair ist Ausbeutung. Ausbeutung des Personals, Ausbeutung der Kunden, mit Verspätung als Programm.
Nicht umsonst war Michael O’Leary, der Chef der Pseudobilligfluglinie, Vorreiter bei der leider erfolgreichen Kampagne gegen grundlegende Fluggasterechte der EU. Dass ausgerechnet er Fluggästen vorwarf, gierig zu sein, spottet jeder Beschreibung.
Gut, mit irgendetwas muss man davon ablenken, dass ein wichtiger Teil des Geschäftsmodells ist, dass man zu wenige Flugzeuge für zu viele Strecken einsetzt, was vorhersehbar und damit vorsätzlich Verspätungen bedeutet. Für die man als Passagier heiße vier Euro Getränkegutscheine als Entschädigung bekommt.
Air Serbia ist eine zuverlässige und sichere Fluglinie. Nur im Krisenfall wie bei meiner Reise sind sie offenbar gelegentlich etwas überfordert.
Der Beograder Flughafen ist mit dem laufenden Ausbau gerade in einer Umbruchphase. Dennoch hätte auch von dieser Seite her Vieles besser laufen können.
Das erhöht den Stress für alle Beteiligten. Für die Mitarbeiter und für die Reisenden, die eh schon unter längeren Verspätungen leiden. Das war unnötig.
Es geht besser.
So unterstützt ihr meine Arbeit
Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das ab sofort auf Buy Me A Coffee tun.
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P. S.: Entschuldigung für die längere Pause. Bei meiner Rückkehr in Wien brach ein grippaler Infekt durch. Möglich, dass die anstregende Rückreise das mitausgelöst hat. Mehrere geplante Beiträge wie etwa eine Fotoreportage von der relativ neuen Tradition der Beograder Adventmärkte habe ich nach hinten verschieben müssen. Ich bitte um Verständnis.
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