Mural Sarajevo Olympics

Sarajevo Safari: Neue Belege für Mord-Touristen

In der Causa Sarajevo Safari sind neue Belege öffentlich geworden, dass ausländische Touristen Jagd auf Zivilisten im belagerten Sarajevo gemacht haben: Die Zeugenaussage eines US-amerikanischen Feuerwehrmanns vor dem ICTY, die bislang unbeachtet geblieben war.

„I had witnessed on more than one occasion personnel who did not appear to me to be locals by their dress, by the weapons they carried, by the way they were being handled, i.e., guided around by the locals. I saw this in Sarajevo on a number of occasions. Some of my other personnel had seen it in the Mostar area“.

Das sagte der US-amerikanische Feuerwehrmann John Jordan vor dem Internationalen Gerichtshof für Kriegsverbrechen in Jugoslawien (ICTY) beim Prozess gegen den republikaserbischen Korpskommandanten Dragomir Milošević.

„You can assume from my statement that I am a trained observer and can tell when one guy, who is obviously not familiar with an area, is being led, literally almost by the hand, around an area by people who is familiar with it. This is where the term „tourist shooter“ came from. The guy was not from the neighbourhood. He did not carry arms that were typical of the neighbourhood“.

Jordan wusste, wovon er sprach.

Bevor er Feuerwehrmann wurde, war er Scharfschütze im US Marine Corps.

Zwischen 1992 und 1995 leitete er eine Organisation internationaler Feuerwehrleute namens GOFRS. Sie halfen, hunderte Feuer in Sarajevo und in der von der Armee der Republika Srpska besetzten Umgebung zu löschen.

Bei mehreren Gelegenheiten trug Jordan nach eigenen Aussagen selbst ein Gewehr und verteidigte seine Leute gegen bewaffnete Angriffe und gegen Scharfschützen.

Und mehrfach beobachtete er, wie offensichtliche Ausländer bewaffnet durch die Gegend stapften. Das sagte er unter Wahrheitspflicht aus.

„I never saw one of these tourist shooters take a shot. I just saw them being handled and moved around known sniper positions. I never actually saw one take a shot. But, again, it was clearly obvious that the person being led by men who were familiar with the ground was completely unfamiliar with the ground, and his manner of dress and the weapons they carried led me to believe they were tourist shooters. It was an expression that I ran into for the first time in Beirut where we saw the same thing happening around the green line.“

„Burgermeisters“, in englischer Rechtschreibung, war ein anderer Ausdruck, den Jordan und seine Leute für diese Mord-Touristen benutzten.

Wie er sie beschreiben würde, fragt ein Vertreter der Verteidigung.

„The fact that they wore civilian/military combination-type clothing, but mostly it was the weapon. Anyone can go to a surplus store and outfit himself to look like anybody else’s army. But the locals carried certain weapons, and when a guy shows up with a weapon that looks more like he ought to be hunting boar in the Black Forest than in urban combat in the Balkans, you know, when you see him being handled and you can obviously tell he is a novice at moving around rubble, you know, if it walks like a duck, talks like a duck, it’s a duck.“

„Just one last question. Where did you see these people walking around with their weapons? In which neighbourhood of Sarajevo?“, will der Verteidiger wissen.

„On a couple of occasions I saw individuals that fit that profile while I was visiting the Serb firemen in Grbavica, and on a couple of other occasions I saw them in different areas on BSA territory from various over-watch positions that I would take up to maintain over-watch of my fire-fighters.“

Im Gesamtzusammenhang der Aussage wird auch deutlich, dass der Zeuge davon ausgeht, dass diese Touristen von erhöhten Positionen, etwa auf Hügeln, tätig waren. Die Positionen die von der Armee der Republika Srpska gehalten wurden. Die belagerte Sarajevo 1.425 Tage lang.

If it walks like a duck, talks like a duck, it’s a duck.

John Jordan in seiner Zeugenaussage vor dem ICTY

Niemand reagierte auf diese Zeugenaussage

Was die Aussage Jordans besonders brisant macht: Sie stammt aus dem Jahr 2007.

Über den Prozess gegen Dragomir Milošević hinaus scheint nichts mit ihr passiert zu sein.

Auch der slowenische Filmemacher Miran Zupanič kannte sie bislang nicht: „Als wir drehten, hatten wir keine Informationen über seine Zeugenaussage, deswegen ist sie auch nicht im Film“, sagt er gegenüber Balkan Stories.

Miran war es auch, der Balkan Stories das vollständige Protokoll der Zeugenaussage übermittelte. Sie ist unten als pdf angehängt.

Recherchen auf der Homepage des ICTY verifizieren die Version, die hier veröffentlich wird.

Warum 18 Jahre lang offenkundig nichts mit diesen Informationen passierte, ist unklar.

Laut Florence Hartmann, einer früheren Sprecherin der Anklagebehörde beim ICTY, wusste man dort von touristischen Todesexpeditionen. Das bestätigte sie am Mittwoch gegenüber Radio Free Europe/Radio Liberty.

Erst Miran Zupaničs Doku „Sarajevo Safari“ sorgte für nachhaltiges Interesse daran, dass reiche ausländische Touristen Geld zahlten, um bosnische Zivilisten in einer belagerten Stadt erschießen zu dürfen.

Nicht nur das ICTY blieb bei diesem wohl widerwärtigsten Verbrechen im am widerwärtigen Verbrechen nicht armen Bosnien-Krieg untätig.

Auch die bosnischen Behörden verfolgten die Sache nicht weiter, nachdem Mirans Doku 2022 präsentiert wurde – ausgerechnet am Sarajevo Film Festival. Als die damalige Bürgermeisterin von Sarajevo, Benjamina Karić (SDP), Anzeige gegen Unbekannt erstattete, tat sich nichts.

Erst die weiterführenden Recherchen des italienischen Journalisten Ezio Gavezzeni zwangen die Staatsanwaltschaft von Mailand, offizielle Ermittlungen aufzunehmen. Die wurden vor wenigen Tagen bestätigt.

Balkan Stories berichtete am Montag als erstes deutschsprachiges Medium über diese Entwicklung.

Balkan Stories wird über weitere Entwicklungen zur Sarajevo Safari am Laufenden halten.

Titelbild: Wandgemälde „Sarajevo Olympics“ in der Radićeva in Sarajevo. Foto: (C) Christoph Baumgarten, balkanstories.net

Die vollständige Zeugenaussage von John Jordan könnt ihr hier nachlesen.

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2 Gedanken zu “Sarajevo Safari: Neue Belege für Mord-Touristen

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