„Fordern neoliberalen Status Quo heraus“

Die Massenproteste in Serbien beschäftigen auch Kulturtheorie- und praxis. Wie, hat der Beograder Kulturforscher Zoran Erić bei den Wiener Festwochen präsentiert. Balkan Stories hat mit ihm vorab gesprochen. Und eine Überraschung erlebt.

„Als wir in den 1990-ern gegen Slobodan Milošević protestiert haben, war das bereits Straßentheater. Was diese Studenten vormachen, ist es noch viel mehr. Das ist subversiv und subtil, auf allen Ebenen“.

Der Beograder Kultur- und Sozialforscher Zoran Erić macht keinen Hehl daraus, dass er große Sympathien für die Studenten und die Massenproteste hat, die diese seit sechs Monaten anführen.

Und, dass er, wie alle anderen, überrascht wurde von den Protesten, die nach dem Einsturz des Bahnhofsvordachs von Novi Sad ausbrachen. Die Trümmer des Vordachs erschlugen am 1. November 16 Menschen.

Zoran war dieser Tage in Wien, um auf Einladung des Vereins K und der Bewegung Resistance Now Together bei den Wiener Festwochen über die Rolle von Kunst bei den Protesten in Serbien zu sprechen.

Balkan Stories hat Zoran vorab im Studio von Dejan Kaluđerović vom Verein K interviewt.

Im Fluss von Zorans Analyse der Proteste ist das die einzige Stelle, bei der wir am Thema seines damals noch geplanten Vortrags anstreifen.

Schnell geht es um die Dynamiken der studentischen Selbstorganisation bei diesen Protesten, die Perspektiven der Protestbewegung – und um die Frage, warum passiert ist, was niemand glaubte, dass passieren würde: Dass eine Protestbewegung in Serbien das politische System des Landes ins Wanken bringt.

Aus Zorans Sicht waren zwei Umstände verantwortlich. Beide kann man in einem gewissen Sinn der Kategorie Zufall zuordnen.

„Als das Vordach des frisch renovierten Bahnhofs in Novi Sad einstürzte, wurde den Menschen klar: Es könnte jeden von uns treffen. Das passierte am 1. November. Gerade am Tag davor waren die Menschen Schlange gestanden, um Monatskarten für die Eisenbahn zu kaufen. Da haben viele gedacht: Das hätte mir passieren können.“

Dass die lokalen Proteste in Novi Sad zu landesweiten wurden, könnte sehr wohl an den Abwehrreaktionen der Regierung gelegen haben. Und daran, dass es die falschen traf.

Als Studenten der Fakultät für Dramatische Künste (FDU) der Beograder Kunstuni zu Protesten in Novi Sad anreisten, wurden sie von der Polizei belästigt und verprügelt.

„Die FDU-Studenten trafen sich zu einem Plenum, beschlossen die berühmten vier Forderungen und die Blockade der Uni.“

Das löste eine Kettenreaktion aus. Wohl auch befeuert dadurch, dass die Kunststudenten von der ersten Minute an ihre Anliegen auch in griffigen Logos und Slogans formulierten.

Nach und nach schlossen sich alle öffentlichen Unis des Landes der Blockade an, und schufen die größte Protestbewegung in Europa mindestens seit 1968.

Dass das möglich war, liegt laut Zoran auch daran, dass die Studenten ausgesprochen ahierarisch denken. „Das hier ist eine horizontale Solidarität und Zusammenarbeit, die alle anspricht und miteinschließt.“

Nach dem Vorbild der Studenten-Plena, wie auch nach den Erfahrungen der jugoslawischen Arbeiterselbstverwaltung, haben sich mittlerweile in einigen Städten auch lokale Bürgerräte gebildet, die so genannten zborovi.

In dieser Bewegung sieht Zoran das vielleicht größte Potential der serbischen Protestbewegung. „Diese Form der horizontalen Selbstorganisation fordert den neoliberalen Status Quo heraus. Das gilt natürlich nicht nur für Serbien. Darum haben die Machthaber auch derartig viel Angst davor.“

Die serbische Protestbewegung habe die Gesellschaft bereits dauerhaft verändert. Das schließt etwa die von Balkan Stories bereits beschriebene Integration der Muslime aus dem Sandžak ein.

„Auch das ist ein wunderbares Beispiel der horizontalen Solidarität. Über die Osterfeiertage etwa sind extra Studenten aus Novi Pazar nach Beograd gereist, damit sie die Schichten ihrer orthodoxen Kollegen an den blockierten Fakultäten übernehmen“, beschreibt Zoran.

Im Moment habe sich eine Pattsituation zwischen dem politischen System von Serbiens Präsident Aleksandar Vučić und seiner SNS und der Protestbewegung entwickelt.

Die Studenten fordern seit einigen Tagen Neuwahlen, treten möglicherweise mit einer eigenen Liste an. Vučić und die neue Regierung lehnen Neuwahlen vorerst ab.

„Beide Seiten belauern sich jetzt und warten darauf, dass die andere Seite einen Fehler macht“, beschreibt Zoran. Wie das ausgeht, ist naturgemäß ungewiss. Dennoch ist es bezeichnend, dass eine spontane Protestbewegung politischer Neulinge diese Situation herbeiführen konnte.

Ein Video von Zoran Erićs Vortrag wird hier erscheinen, sobald es fertig geschnitten ist.

Titelfoto: Zoran Erić im Gespräch mit Dejan Kaluđerović

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