Bei den Massenprotesten in Serbien werden die Unmutsbekundungen gegen die Regierungspartei SNS immer offener. Die sah sich gezwungen, eine Großdemo am Freitag abzusagen. Gleichzeitig kommt es zu immer mehr Festnahmen. Im immer raueren Ton gibt es einen Lichtblick.
Das regierungsnahe Boulevardblatt Informer hat mit viel gerechnet.
Das Blatt hatte Davud Delimeđac aus Novi Pazar verleumdet. Davud ist einer der zehntausenden Studenten, die seit Monaten die Unis des Landes blockieren und die Massenproteste in Serbien anführen.
Und er fordert offen den nationalistischen Konsens der serbischen Innenpolitik heraus, tritt offen dagegen auf, dass von Serbiens Präsident Aleksandar Vučić abwärts fast alle politischen Akteure leugnen, dass die Armee der Republika Srpska in Srebenica 1995 Völkermord beging.
Für den Informer und andere regierungsnahe Medien wie Novosti (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen serbischen Wochenzeitschrift aus Zagreb) reichte das, um eine Kampagne gegen ihn zu starten.
Um es zusammenzufassen: Für sie ist Davud ein Vaterlandsverräter, und ein vom Ausland bezahlter Agent, der im Land eine Farbrevolution herbeiführen will. Auch davor, seine Mutter anzugreifen und Informationen über ihre Gesundheit zu veröffentlichen, scheute der Informer nicht zurück.
Den Studenten der Fakultät für Politikwissenschaft in Beograd reicht das. Gemeinsam mit zahlreichen anderen Studenten und Sympathisanten werden sie am Samstag die Eingänge der Redaktion des Informer über mehrere Stunden blockieren, kündigen sie an.
Überhaupt zeigen sich die Studenten verärgert, wie der Informer seit Monaten gegen sie trommelt.
Ganz auf Linie der Regierungspartei SNS werden sie und die hunderttausenden Demonstranten im Land als Mob dargestellt, als Agenten einer Farbrevolution, als gewalttätig, als Terroristen.
Der Angriff auf Davud brachte das Fass zum Überlaufen.
„Wir werden nicht länger nur mit öffentlichen Aussagen (auf eure Kampagne, Anm.) reagieren und uns gegen eure schmutzigen Angriffe wehren. Von diesem Moment an seid ihr unser direkter Feind. Das ist kein gewöhnlicher Konflikt – das ist ein Medienkrieg zwischen dem Informer und uns Studenten, zwischen Lügen und Wahrheit, zwischen Machtmissbrauch und Widerstand“, heißt es in einer Erklärung der Studenten.
Davud – so die Botschaft – ist einer von ihnen.
Dieses Ausmaß an Solidarität für einen Sandžaklija, das ist neu in Serbien. Bei Protesten früherer Jahrzehnte hätte man das einfach so hingenommen.
Heute darf man davon ausgehen, dass die Verleumdungskampagne gegen Davud nicht nur die Studenten empört sondern die große Mehrzahl der hunderttausenden, die die Massenproteste im Land aktiv unterstützen. Und wahrscheinlich auch bei den laut Umfragen Millionen Sympathisanten.
Ethnie gegen Ethnie ausspielen, das funktioniert nicht mehr.
Dass die Studenten in den vergangenen Monaten bewusst nationalistische Symbolik zurückdrängten und Menschen aller Regionen und aller ethnischer Zugehörigkeiten öffentlich ihren Beitrag leisteten, hat offenbar die Wahrnehmung Vieler im Land nachhaltig verändert.
Das ist ein Hoffnungsschimmer in dem immer raueren Ton in Serbiens tiefer politischer und sozialer Krise.
Unmut artikuliert sich immer offener
Derweil artikuliert sich der Unmut gegen die Regierungspartei SNS immer offener.
Einen Überblick bietet Oliver Soos in seiner Reportage für den Deutschlandfunk.
Und es gibt zahlreiche weitere Beispiele, die Oliver nicht anführt.
Etwa, dass der bei der SNS beliebte Sänger Baja Mali Knindža vor wenigen Tagen ein Konzert in Kragujevac abbrach.
Große Teile des Publikums waren aufgesprungen und hatten geschlossen „Pumpaj“ gerufen. Das ist der mehr oder weniger offizielle Schlachtruf der Massenproteste.
Ironischerweise kommt der Ruf aus der Turbofolkszene.
Baja Mali Knindžas Lieder werden nicht nur auf offiziellen Veranstaltungen der SNS gespielt. Er trat auch kurz nach der Katastrophe in Novi Sad in der Stadt auf. Das zog ihm den Unmut vieler Menschen zu.
Und vergangenes Wochenende konnte ein Infostand der SNS im Beograder Stadtteil Zvezdara nur unter Polizeischutz offenhalten.
Aktivisten aus dem Stadtteil hatten ihn am Sonntag umringt.
Fast zwölf Stunden lang standen einander SNS-Aktivisten und Demonstranten gegenüber.
Nachdem ein SNS-Aktivist ein Ei auf die Demonstranten geworfen hatte – und einen Polizisten auf der Schulter traf -, warf eine Demonstrantin ein Ei auf die SNS’ler. Sie wurde kurzzeitig von Polizisten in Zivil festgenommen. Und freigelassen, nachdem eine aufgebrachte Menge die Abfahrt des nicht markierten Polizeiautos blockierte.
In Valjevo verbot eine Bürgerversammlung, den Chefredakteuren des Informer und des regierungsnahen Boulevard-TV-Senders Pink, die Stadt zu betreten.
Beide Medien hatten, ganz im Sinn der SNS, mehrfach Aktivisten aus der Stadt angegriffen.
Die Beschlüsse der Bürgerversammlung haben keinerlei Rechtskraft.
Allerdings zeigen sie, wie breit und wie offen sich die Ablehnung des Propagandaapparats der SNS mittlerweile artikuliert.
Zum offenbar steigenden Ärger auf Präsident Vučić und seine SNS dürften freilich nicht nur die immer härteren Kampagnen regierungsnaher Medien beigetragen haben sondern auch, dass Freitag vergangener Woche mit Vukašin Crnčević das 16. Opfer der Katastrophe von Novi Sad verstorben war.
Vukašin wurde 18 Jahre alt.
(Balkan Stories berichtete exklusiv auf Deutsch.)
Die Stimmung ebenfalls aufgeheizt hat die nach wie vor unaufgeklärte Massenpanik vom 15. März in Beograd.
Wohl für die Mehrheit der Menschen in Serbien gilt als ausgemacht, dass die Regierung sie mit einer nach wie vor nicht identifizierten Schallwaffe ausgelöst hat.
Die Regierung bestreitet das vehement.
Studenten der Fakultät der Dramatischen Künste in Beograd haben ihre Sicht auf die Ereignisse in einer Doku dargestellt, die am Donnerstag online ging.
Es war dies übrigens bereits die zweite Doku der FDU-Studenten über die Massenproteste in Serbien nach Kameleon, einer Doku über Ćacilend. (Mehr siehe hier.)
Beide Dokus sind auf bisher geradezu unglaubliches Interesse gestoßen.
SNS sagt Kontramiting ab
Am Freitag sagte die SNS kurzzeitig eine Großkundgebung für Beograd kurzfristig ab. Sie war für Freitag geplant gewesen.
Das erklärte Ziel war gewesen, der Großdemo vom 15. März etwas entgegenzusetzen. Das Kontramiting sollte die größte Veranstaltung der serbischen Geschichte werden, hatte Aleksandar Vučić mehrfach öffentlich bekundet.
Angesichts der mindestens 300.000 Demonstranten vom 15. März (siehe diese Reportage und diesen Fotoessay) war das Unterfangen ohnehin aussichtslos.
Offiziell begründet man die kurzfristige Absage mit dem Wetter.
Ein neues Kontramiting vor dem Parlament soll an drei Tagen Mitte April stattfinden, heißt es.
Man darf gespannt sein.
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