Die vier Verteidigungslinien der Demokratie

In Beograd haben sich vor den heutigen Massenprotesten alle Seiten auf Ausschreitungen vorbereitet. Menschen aus ganz Serbien haben vor dem kritischsten Punkt vier Verteidigungslinien für die protestierenden Studenten aufgebaut.

Man könnte meinen, bei hunderten Polizisten rund um den Pionirski Park würde sich die serbische Hauptstadt anfühlen wie eine belagerte Stadt.

Die Polizisten schützen das Camp einer Gruppe, die sich Studenti 2.0 nennt. Sie eine Gruppe zur Unterstützung von Serbiens Präsident Aleksandar Vučić und richten sich gegen die Massenproteste, die Serbiens Öffentlichkeit seit fast vier Monaten dominieren – und gegen jene Studenten aus allen Unis des Landes, die diese Proteste anführen.

Auffallend viele dieser Ćaci genannten Gegendemonstranten sind grauhaarig, oder sehen aus wie Fußballhooligans.

Kaum jemand glaubt, dass sie hier sind, um dafür zu protestieren, dass Serbiens Unis nach Monaten der Blockade durch Studenten und Lehrpersonal wieder aufsperren sollen, damit sie lernen können.

Die Polizisten sind freilich nur ein Teil des Stadtbilds.

Viel stärker als sie fühlt man den Widerstandsgeist der tausenden Serben, die schon Stunden vor Demonstrationsbeginn mit Trillerpfeifen und Vuvuzelas durch das Zentrum der Hauptstadt ziehen.

Und die Selbsorganisation der Studenten, die die Massenproteste anführen, und ihrer Sympathisanten.

„Ich bin hier, um die Studenten gegen die Hooligans zu schützen“, sagt ein Veteran der Fallschirmjäger auf der Straße vor dem Parlament. Das liegt gleich gegenüber dem Pionirski Park, wo die Ćaci campieren. Hier werden die Studenten am Samstagnachmittag eine Massenkundgebung abhalten, unterstützt von wahrscheinlich zehntausenden Serben, vielleicht sogar mehr als hunderttausend.

Eine ganze Linie an Armeeveteranen wird sich zwischen die Ćaci und die Studenten stellen. Hinter ihnen hunderte Biker aus ganz Serbien.

Vor ihnen zwei Linien Traktoren. Bauern aus dem ganzen Land haben sie in der Nacht auf Samstag rund um das Camp der Ćaci abgestellt und die Luft aus den Reifen gelassen.

Über die Traktoren, an den Veteranen und den Bikern vorbei müssen Leute aus dem Lager der Ćaci erstmal kommen, um die Studentenproteste zu stören. Oder um, wie viele Menschen hier vermuten, einen Sturm auf das Parlament zu inszenieren, den man den Studenten in die Schuhe schieben könnte.

Das wird angesichts dieser Verteidigungslinien schwierig.

Dass Bauern, Veteranen und Biker den Schutz der Demo übernehmen, sagt viel, wie tief man in Serbien den Behörden und der Regierung misstraut. Dieses tiefe Misstrauen ist es auch, das die Massenproteste erst ausgelöst hat, nachdem am 1. November das Vordach des frisch renovierten Bahnhofs von Novi Sad einstürzte und 15 Menschen erschlug.

Seitdem ist die Regierungspartei SNS dieser Proteste nicht Herr geworden.

Vielfach wird vermutet, dass es heute Versuche geben wird, sie niederzuschlagen – sollte es zu echten oder provozierten Ausschreitungen kommen.

Die vier Verteidigungslinien vom Pionirski Park sollen verhindern, dass es zu diesen Ausschreitungen kommt.

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