Bei den Massenprotesten in Serbien sorgt eine orthodoxe Fahne für Aufregung. Eine kleine Gruppe der Beograder Studenten führte sie auf ihrem Fußmarsch nach Kragujevac mit. Kritiker versuchen, sie mit Neonazis in Verbindung zu bringen.
Hellrot leuchtet der Stoff, in der Mitte eine orthodoxe Christus-Ikone, um sie sind vier mehrere Abkürzungen auf Kyrillisch platziert. Sie bedeuten – auf Griechisch – Christus siegt.
Diese Fahne hat eine kleine Gruppe der Beograder Studenten bei sich, die zu Fuß nach Kragujevac in der Šumadija gewandert ist. Sie waren Teil eines Sternmarsches aus allen Landesteilen in die alte serbische Hauptstadt.
In Kragujevac werden die Studenten gemeinsam mit zehntausenden Menschen den serbischen Nationalfeiertag Sretenje am Samstag als Massenprotestveranstaltung für Demokratie, Rechtstaat und gegen Korruption begehen.
Die rote Fahne überlagert diese Absicht. Genauer gesagt: Die Aufregung, die um die Fahne entstanden ist.
Am Donnerstag explodierte Twitter/X mit Gerüchten, die rote Fahne sei die Kriegsflagge des russischen Kaiserreichs und heute ein gängiges Neonazisymbol. Die Studenten würden Neonazis eine Plattform geben.
Eine Userin behauptete gar, die Fahne sei von Nazi-Einheiten im Zweiten Weltkrieg verwendet worden. Gerade in Kragujevac ein heikles Thema: Wehrmachtssoldaten ermordeten dort im Oktober 1941 2.700 Zivilisten in einer so genannten Vergeltungsaktion.

Und: Die Fahne sei die Flagge, die die russische Armee in der Ukraine verwende.
Manche der Kritiker stehen der serbischen Regierungspartei SNS nahe. Andere haben Sympathien für die Studentenproteste geäußert und sind sonst erklärte Antifaschisten.
Recherchen von Balkan Stories zeigen, dass die Behauptungen der Kritiker großteils Halbwahrheiten und Übertreibungen sind.
Der Gonfalon ist kein allgemein bekannter Neonazi-Code
Die rote Fahne mit der Christus-Ikone, oft als kaiserlich-russischer Jesus-Gonfalon bezeichnet, ist fast ausschließlich als religiöse Fahne im Zusammenhang mit der orthodoxen Kirche in Verwendung. Am stärksten wird sie mit der orthodoxen Kirche in Russland in Verbindung gebracht.
Die starke religiöse Konnotation zeigt sich unter anderem darin, dass sie etwa das texanische Unternehmen Holy Rosary Team im Angebot hat. Das explizit katholische Unternehmen stellt religiöse Kunstwerke und Dekorationsstücke her.
Auch dieser Hersteller religiöser Bekleidung und Deko, mutmaßlich aus den USA, führt die Flagge.
Dieser Gonfalon war auch nie die Kriegsfahne der russischen Armee oder einer Einheit der russischen Streitkräfte, kaiserlich oder republikanisch. Sie ist auch nicht die Fahne der Söldner der Wagner Gruppe, wie ebenfalls unterstellt wird. Einzig 1380 war sie die Fahne der Armee des Rus in der Schlacht bei Kulikovo.
Gleichwohl, ganz unschuldig ist die Fahne nicht.
Einzelne Einheiten der russischen Armee verwenden sie tatsächlich im Krieg in der Ukraine – auch wenn sie bei keiner Einheit die offizielle Fahne sein dürfte. Dieser Händler führt eine Miniaturversion explizit im militärischen Kontext.
Vereinzelt ist auch dokumentiert, dass Neonazis sie verwenden. Bei einem großen Neonazi-Treffen in Budapest vergangene Woche etwa tauchte sie auf.
Parallel zu diesen Videoaufnahmen gibt es auch eine Handvoll von Fotos von der gleichen Veranstaltung, die diese Fahne zeigen.
Das sind die einzigen Aufnahmen, die auf den Twitter-Threads zum Gonfalon auf den Studentenprotesten zu sehen sind.
Das lässt den Schluss zu, dass die Fahne auch in der Neonazi-Szene kein allgemein eingeführter Code ist. Das ist nicht wie etwa die Reichkriegsflagge oder die Kriegsflagge der Konföderierten im US-Bürgerkrieg – die freilich bis heute auch ihre popkulturelle Verwendung hat.
Auch ein serbischer Experte für rechtsradikale Umtriebe, den Balkan Stories nach der Fahne fragte, kannte den Gonfalon nicht in diesem Zusammenhang. Er merkt aber an: „Ich kann nicht alle religiösen Symbole kennen, die Neonazis oder Faschisten als Codes verwenden.“
Jemand, der diese Fahne verwendet, muss nicht zwingend wissen, dass sie vereinzelt auch von Neonazis geführt wird. Man kann sie seriöserweise nicht in diesen Kontext rücken.
Besonderer Beliebtheit dürfte sich dieser Gonfalon in den USA erfreuen. Auch das ist nicht ganz unschuldig. In den vergangenen Jahren sind tausende US-Amerikaner zur russisch-orthodoxen Kirche konvertiert. Fast ausnahmslos sind sie Rechtsradikale, die eine verlässlich reaktionäre religiöse Heimat suchen.
Das spiegelt die Rolle wieder, die die meisten orthodoxen Landeskirchen seit der kapitalistischen Restauration spielen. Sie propagieren nationalistische und reaktionäre Ideologien und sind zu den ideologischen Stützen nationalistischer Regierungen geworden.
Das trifft auf Russland ebenso zu wie auf Serbien.
Die Fahne ist dennoch eine eigenartige Wahl
Das macht die Fahne zu einer etwas eigenartigen Wahl für Proteste, die auch explizit gegen jede Form von Nationalismus gerichtet sind.
Aber die Studentenbewegung deckt ein breites ideologisches Spektrum ab. Dass hier auch konservative Gegner der SNS mitmarschieren, sollte nicht überraschen. Ebensowenig, dass sie auf religiöse Symbolik zurückgreifen.
Die Aufregung um die Fahne wirkt angesichts dieser Erkenntnisse reichlich gekünstelt und übertrieben. Und möglicherweise gesteuert.
Das dürfte auch der Studentenbewegung bewusst sein. Distanzierte sie sich am Donnerstag noch mit einem offiziellen Statement von der Fahne, ist diese Distanzierung mittlerweile gelöscht worden.
(Balkan Stories liegt ein Screenshot der Distanzierung vor.)
Es gibt bei Licht betrachtet nichts, von dem man sich distanzieren müsste. Auch wenn die meisten Studenten vermutlich nicht sonderlich glücklich mit der Fahne sind.
Wer hat Interesse an dieser Diskussion?
Das wirft die Frage auf, wer Interesse an der überbordenden Diskussion haben könnte.
Der SNS kommt sie sicher nicht ungelegen. Alles, was die Massenproteste diskreditieren könnte, ist dort willkommen.
Allerdings widerspricht die Fahne ein wenig den gängigen Unterstellungen der SNS, die Studenten würden von Handlangern aus dem Ausland wie dem kroatischen Geheimdienst gesteuert. Diese hätten das Ziel, Serbien zu destabilisieren.
Warum würden die Studenten aufstacheln, Symbole zu verwenden, die tendentiell die „russisch-serbische Brüderschaft“ beschwören? Das Einsickern derartiger Symbolik ist eher geeignet, die Studentenbewegung zu spalten.
Dass man sich in der SNS über die Entwicklung freuen dürfte, ist kein Beweis, dass sie in irgendeiner Weise dahintersteckt.
Möglich auch, dass es ein Versuch rechtsradikaler Aktivisten ist, die populären Studentenproteste zu unterwandern.
Vereinzelt tauchten in den vergangenen Wochen immer wieder Kleinstgruppen in einschlägiger Aufmachung wie in Četnik-Uniformen auf. Auch zu den Studentenzügen nach Kragujevac gesellten sich vereinzelt Menschen, die man eindeutig zuordnen kann.
Ein Beispiel ist dieses Video aus Mladenovac vom Mittwoch. Hier sieht man auch die Fahne. Allerdings könnte der Auftritt der beiden jungen Männer auch eine Parodie auf die orthodoxe Kirche und ihre Einflussnahme auf die serbische Politik sein.
Dass Rechtsradikale Massenproteste unterwandern wollen, ist nichts Neues. Auch nicht in Serbien.
Was ihnen hier – wie in den anderen Balkanstaaten – entgegenkommt, ist, dass nationalistische Symbole gesellschaftlich breit akzeptiert sind.
Dennoch sind es kaum mehr als kleine Gruppen, die sich auf größere Proteste mogeln. Wie etwa bei den Massenprotesten nach den Amokläufen in Beograd und Mladenovac vor zwei Jahren.


Von Erfolg geprägt war diese Strategie bislang nicht.
Es deutet nichts darauf hin, dass die Episode mit der orthodoxen Fahne viel daran ändert – sollte die Fahne ein Versuch sein, die Proteste zu kapern.
Angesichts der Pläne der Studenten für Samstag wird diese Episode wohl ein Sturm im Wasserglas bleiben.
Für Samstag werden bis zu 200.000 Menschen in Kragujevac erwartet.
Die SNS wird versuchen, dem etwas mit ihrem Kontramiting in Sremska Mitrovica entgegenzusetzen. Busse werden Teilnehmer aus dem ganzen Land und aus der nahe gelegenen Republika Srpska herankarren, dem serbisch dominierten bosnischen Teilstaat.
Das werde die Bilder sein, die das Wochenende in Serbien dominieren werden. Nicht eine Fahne mit Christus-Ikone.
Titelfoto: Screenshot
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Fahnen, Länderflaggen und Flaggen allgemein stehen für eine Idee, einen Wert, eine Ideologie oder ein Interesse und können so oft mit vermeintlich simplen Bildern viel bewegen. Verständlich, dass diese Fahne daher so viel Potential hat.