Straßenbahn in Beograd

Flucht nach vorne

Ab 1. Jänner fahren Passagiere kostenlos in Beograds Straßenbahnen und Autobussen. Als Klimamaßnahme ist das nicht gedacht. Es soll auch massive Missstände im öffentlichen Verkehr von Serbiens Hauptstadt zudecken.

Seit mehr als zehn Jahren machen es die Beograder Verkehrsbetriebe Gradsko saobraćajno preduzeće (GSP) es ihren Kunden schwer, Fahrkarten zu kaufen.

Zeitweise musste man im Vorjahr sogar schwarz fahren, auch wenn man zahlen wollte. Niemand verkaufte Fahrkarten – während das 2013 eingeführte Bezahlsystem mit der BG Card – einer Prepaidkarte – gerade abgeschafft wurde.

Warum eigentlich, konnte damals niemand überzeugend beantworten.

Es folgte der niedrigste Fahrpreis für Öffis in allen ex-jugoslawischen Hauptstädten: 40 Cent für eine Fahrt.

Nur, um die zu bezahlen, brauchte man entweder eine serbische SIM-Karte mit Guthaben, oder gute Augen und Nerven. Die Bezahlautomaten für Kredit- und Bankomatkarte in Autobussen und Straßenbahnen waren nicht einfach zu finden, konnten außer von Eingeweihten kaum bedient werden und waren oft Opfer von Vandalismus.

Theoretisch gab es auch normale Fahrkarten im Kiosk als Alternative für alle, deren Telefon nicht funktionierte. Sehr theoretisch.

An den meisten Beograder Kiosken gibt es seit dem Vorjahr keine Öffi-Fahrkarten zu kaufen.

Als ich im Mai in Beograd war, hatte erst der fünfte Kiosk, bei dem ich fragte, Fahrkarten.

Fahrtkartenstreik als Dauerzustand

Es überrascht wenig, dass die meisten Beograder bei dem Chaos mehr oder wenig absichtlich vergaßen, für die Fahrt in den Öffis ihrer Stadt zu zahlen.

Nach Schätzungen der Gewerkschaft kauften 180.000 von 800.000 täglichen Fahrgästen einen Fahrschein. Auch Beograds Bürgermeister Aleksandar Šapić von der klerikalnationalistischen Partei SNS sagt, dass Fahrgäste nur etwa 14 Prozent der Kosten der Beograder Verkehrsbetriebe aufbrachten. In anderen Städten Europas sei der Beitrag dreimal so hoch.

Mit der niedrigen Kostendeckung begründet Šapić auch, warum der Beograder Gemeinderat diese Woche beschließen soll, dass ab 1. Jänner alle Öffis der serbischen Hauptstadt kostenlos sein sollen – einschließlich des S-Bahn-Netzes in die Vorstädte.

Alle Öffis mit Ausnahme der Minibusse auf Expresslinien.

„Beograd wird damit die erste Stadt mit mehr als einer Million Einwohnern mit kostenlosen städtischen Verkehrsmitteln“, kündigt Šapić stolz an.

Kapituliert die durchaus autorität agierende SNS vor dem Fahrtkartenkaufstreik der Beograder?

Das ist es auch.

Gewerkschaft: Stadt will von Missständen im öffentlichen Verkehr ablenken

Für Ivan Banković von der Gewerkschaft Centar GSP Beograd für die Mitarbeiter der Beograder Verkehrsbetriebe spielen auch andere Überlegungen eine Rolle.

Er unterstellt in einer Reportage für BBC na srpskom dem Bürgermeister, mit den kostenlosen Fahrten von den massiven Missständen in Beograds öffentlichem Verkehr ablenken zu wollen.

„Damit möchte die Stadtverwaltung sagen: ‚Wir können Ihnen keine zuverlässigen, bequemen und pünktlichen öffentlichen Verkehrsmittel zur Verfügung stellen, aber sie sind zumindest kostenlos“, sagt der Gewerkschafter. Er spricht von Populismus.

Subtext: Regt euch nicht auf, wenn Straßenbahnen und Busse zu spät kommen oder ausfallen.

Dem hält der Bürgermeister entgegen, dass der Fahrplan nächstes Jahr überarbeitet werden solle. Statt fixer Abfahrtszeiten soll es stadtweit einen dynamischen Fahrplan geben.

Rot und Gelb – bislang hatten die städtischen Autobusse keine einheitliche Farbe. Hier das tägliche Chaos am Verkehrsknotenpunkt Zeleni Venac.

Außerdem sollen alle Busse ausgemustert werden, die älter sind als zwei Jahre. Und sie sollen alle im einheitlichen Blau der Stadt Beograd sein. Vor allem die roten Busse sollen Geschichte sein. Für Šapić ist das möglicherweise das wichtigste Element der Reform.

Mit Rot hat er’s nicht so.

Er würde am liebsten das Muzej Jugoslavije schließen lassen und Tito von dort in seinen Geburtsort Kumrovec in Kroatien umbetten lassen. (Mehr lest ihr hier.)

Kostenlose Öffis sind Geschenk an Untgernehmer

Ob beabsichtigt oder nicht – die kostenlosen Öffis sind auch eine der wahrscheinlich größten Untnehmerförderungen in der Geschichte der serbischen Hauptstadt.

In Serbien sind Arbeitgeber verpflichtet, ihren Arbeitern und Angestellten die Fahrt in die Arbeit und nachhause zu bezahlen. Das Gesetz stammt aus jugoslawischen Zeiten und gilt sinngemäß auch in Bosnien weiter.

Das ist eine etwas andere und durchaus sozialistischere Logik als etwa das österreichische Pendlerpauschale, wo der Staat zumindest einen Teil der Kosten als Steuergutschrift ersetzt.

Für Arbeiter aus Beograd und den Vorstädte, die ans S-Bahn-Netz angeschlossen sind, fällt das ab 1. Jänner weg, hat die serbische Tageszeitung Danas recherchiert.

Geht man von 40 Cent pro Strecke aus, ersparen sich Beograder Firmen für die allermeisten ihrer Arbeiter 80 Cent am Tag oder bei durchschnittlich 22 Arbeitstagen pro Monat fast 18 Euro. In den meisten Fällen ist das eine Lohnkostensenkung von zwischen einem und zwei Prozent.

Diese Kosten trägt ab ersten Jänner die Allgemeinheit.

U-Bahnbau verzögert sich um zwei Jahre

Gut möglich, dass kostenlose Tickets die Menschen in Beograd dazu bringen, häufiger aufs Auto zu verzichten – sollte es der Stadtregierung gelingen, die Öffis spürbar zu verbessern.

Mittelfristig wird das ohne U-Bahn nicht gehen.

Die erste U-Bahnlinie wird gerade gebaut. Wie vor kurzem bekannt wurde, verschiebt sich die Eröffnung von 2028 auf 2030.

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