In der albanischen Hauptstadt Tirana schießen die Wolkenkratzer aus dem Boden wie im Wald die Schwammerl. Rücksicht auf Stadtbild oder Infrastruktur nimmt die turbokapitalistische Modernisierung der Stadt nicht. Auch sonst wirft dieses Erbe von Ex-Bürgermeister Edi Rama einige Fragen auf.
Man kann ihn aus der Entfernung kaum mehr erkennen, den Skenderbeg-Platz. Längst erdrückt ein Ensemble von Wolkenkratzer-Baustellen die Moschee und den Uhrturm am Platz – die beiden ältesten Gebäude der Stadt.
Wenn Tirana einen historischen Kern hat, sind es diese Überbleibsel eines Han. Aus ihm heraus hat sich einst die Kleinstadt entwickelt, die nach dem Ersten Weltkrieg überraschend zur albanischen Hauptstadt wurde.

Die Straßenzüge rund um den Skenderbeg-Platz kommen mit ihren meist italienischen Gebäuden aus den 1920-ern und 1930-ern einer Altstadt noch am nächsten.

Schon im Sozialismus boten sie nicht genügend Platz für die Bevölkerung der Hauptstadt. Die wuchs damals auf knapp unter 300.000 an. Für sie gab es Plattenbauten rund um das Zentrum herum – meist gut durchdachte sozialistische Stadtplanung, besser als ihr Ruf im Westen.
Seit der kapitalistischen Restauration hat sich die Bevölkerung gut verdreifacht. Zwischen 800.000 bis einer Million Menschen leben in Tirana. Das ist jeder dritte Albaner. Jährlich kommen bis zu 30.000 Menschen dazu – das ist ein Bevölkerungswachstum wie das Wiens.
Berücksichtigt man die gleichzeitige Emigration aus Albanien, wird in 25 Jahren wohl fast jeder Albaner in Tirana leben.
Die Stadtverwaltung kommt seit dem Ende des Sozialismus mit den Planungen nicht mehr nach. Zuerst das Chaos, in dem jeder und jede auf gut Glück und ohne Genehmigung den Wohnraum in den Innenhöfen erweiterte und Kioske schlicht öffentlichen Grund besetzten.

Dann die völlig chaotische Privatisierung des Wohnraums. Sie befeuerte das Entstehen der berüchtigten Pyramidenspiele, bei denen Mitte der 1990-er gut ein Drittel aller Albaner ihr gesamtes Erspartes verlor – und wo der abrupt beendete Bauboom die städtische Landschaft mit halbfertigen Neubauten mit unklarer Eigentümerschaft zurückließ.

Ein Bürgermeister mit künstlerischen Ambitionen
Und dann Edi Rama, damals architektonisch und stadtplanerisch ambitionierter wie unvorbereiteter Bürgermeister Tiranas.
Was gut aufging, war sein Plan, die Stadt bunter zu machen. Er ermutigte, dass die Gebäude der Hauptstadt bunt bemalt wurden. Das gab und gibt Tirana einen einzigartigen Charme – auch, wenn das eine oder andere brutalistische Erbe des sozialistischen Albanian darunter leidet.





Und seine Faible für Wolkenkratzer.
Die sollen das gesamte Stadtbild durchziehen, befand er. Und ließ seine Stadtverwaltung rücksichtslos alles genehmigen, was mehr als 20 Stockwerke hatte – egal, wo es steht, und wie es sich auf die Stadtarchitektur auswirkt.
Weniger wohlmeinende Beobachter befanden, er habe die notwendige Verdichtung des Wohnraums in Albaniens Hauptstadt genutzt, um seine architektonische Großmannsucht zu befriedigen.
Die Baustellen im Stadtzentrum lassen diese Kritik als nicht völlig unbegründet erscheinen.

Private Profite und Geld aus unklaren Quellen
Es wäre auch nicht das postsozialistische Albanien, wären das nicht ausnahmslos Projekte privater Immobilienkonzerne.
Die haben mittlerweile die Wohnungspreise in Tirana in Höhen getrieben, die für normale Albaner nicht mehr leistbar sind. Gemessen am Einkommen ist die Stadt so teuer wie München.
Es ist auch nicht so ganz klar, woher all das Geld kommt, mit dem die Wolkenkratzer gebaut werden.
Diaspora-Albaner sind nur eine Quelle. Eine recht große, zugegeben. Sie dürften etwa ein Drittel aller neu entstehenden Wohnungen gekauft haben. Diese Wohnungen stehen in der Regel leer und dürften in den meisten Fällen reine Spekulationsobjekte sein.

Beim Rest liegt Schwarzgeldverdacht in der Luft wie der süßliche Geruch von Joints.
Das hat miteinander zu tun: Albanien ist das größte Anbaugebiet für indischen Hanf in Europa. Die Plantagenbesitzer handeln nicht zwingend entsprechend dem albanischen Strafrecht. Man muss nicht davon ausgehen, dass sie ihre illegalen Aktivitäten versteuern. Das Geld muss irgendwo hin.
Die hier übliche Finanzierung der Großbauprojekte erleichtert es ihnen und anderen nicht zwingend völlig gesetzmäßig agierenden Geschäftsleuten, ihre Gewinne anzulegen ohne allzuviel Aufmerksamkeit zu erregen.
Hier kauft man die Wohnungen vor Baubeginn. Häufig ohne Kredit und in bar.
Erinnerungen an die „Firmen“ der 1990-er
Dass zudem traditionell der informelle Kreditsektor einen hohen Anteil in der albanischen Wirtschaft hat, macht die Herkunft des Geldes nicht einfacher nachzuvollziehen. Und weckt Erinnerungen an die „Firmen“ der 1990-er, die mit ihren Pyramidenspielen das Land finanziell ruinierten.
(Mehr über dieses Kapitel könnt ihr im Buch Tales from Albarado: Ponzi Logics of Accumulation in Postsocialist Albania von Smoki Musaraj nachlesen. Hier gibt es diese wissenschaftliche Arbeit auch zum Download. Ich hoffe, in nächster Zeit eine ausführliche Rezension zu schreiben.)
Wie sehr der Bauboom in Albanien im Allgemeinen und in Tirana im Besonderen einer kapitalistischen Verwertungslogik folgt, sieht man sogar an an sich öffentlicher Infrastruktur.

Wie Immobilienkonzerne mehrfach am Bauboom verdienen – zu Lasten der Allgemeinheit
Edi Ramas Nachnachfolger als Bürgermeister, der sozialdemokratische Erion Veliaj, mag sich abmühen, das Beste aus der verfahrenen Situation zu machen. Nur entkommt auch er nicht der Logik des balkanischen Turbokapitalismus seit den 1990-ern.
Die neuen Einwohner seiner Stadt brauchen auch Schulen, Krankenhäuser und dergleichen mehr. Die werden unter Erions Ägide häufig als „Public Private Partnerships“ finanziert.
Ein privater Investor baut die Infrastruktur auf eigene Kosten. Die Stadt least sie über einen längeren Zeitraum – meist 20 Jahre. Danach geht sie in öffentliches Eigentum über. In der Zwischenzeit hat der Investor mit den Leasingraten der Öffentlichen Hand ziemlich hohe Profite gemacht.
Auf Dauer sind solche Projekte deutlich teurer als würde man sie aus Krediten finanzieren.
Aber, wenn öffentliche Schulden pfui sind, hat man einen eingeschränkten Handlungsspielraum.

So verdienen private Immobilienkonzerne mehrfach am Bauboom in Albaniens Hauptstadt: An den Wohnungen, deren Preise mit Geld aus dem Ausland und aus dunklen Quellen hochgetrieben werden, und an der öffentlichen Infrastruktur, die die Stadt braucht, um mit der massiven Landflucht in Albanien fertigzuwerden.
Nationalistische Symbolik als Trostpflaster
Als Trost greifen die Konzerne zum gleichen Mittel, wie man es etwa bei der umstrittenen Belgrade Waterfront beobachten konnte: Man befriedigt und befeuert den ortsüblichen Nationalismus.
Streckt in Beograd die kitschige Statue von König Nemanja ein Schwert in die Luft, bedient man sich in Tirana des Nationalhelden Skenderbeg.

Dieses Hochhaus soll aussehen wie sein Gesicht – oder die klassische Vorstellung seines Gesichtes, die mit dem historisch gesicherten Antlitz nur lose zu tun haben.
Die Erker dieses Hochhauses zeigen die Landkarte Albaniens.

So weit erkennbar, ist es immerhin keine großalbanische Karte. Das ist ja schon einmal etwas.
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