Die Geißel des Balkan

Wettcafes und Casinos sind die Geißel des Balkan. Die Menschen der Region verspielen dort jährlich Milliarden Euro. Die Glücksspielindustrie verfeinert ständig ihre Methoden, um möglichst Vielen möglichst viel aus der Tasche zu ziehen.

„Sejo?“ frage ich den Grauhaarigen um die 70, der im Schanigarten des Cafes des Bahnhofs von Mostar sitzt.

Er starrt gebannt auf einen Bildschirm über dem Eingang des Bahnhofs.

„Ja“, sagt er und sieht mich leicht irritiert an.

„Ciao, ich bin Christoph“.

„Red schon, was willst du?“

Er starrt wieder auf den Bildschirm.

„Wir sollten uns doch für ein Interview treffen“, sage ich.

„Nein, da hast du den Falschen.“

Und starrt wieder auf den Bildschirm.

Ein seltsamer Zufall. Der Sejo, den ich interviewen will, sieht diesem hier laut Facebook-Profil sehr ähnlich.

Treffen wollten wir uns in einem Cafe beim Bahnhof.

„Mein“ Sejo schreibt mir auf Viber. „Ich sitze in einem Cafe gegenüber dem Bahnhof, bei der Stiege“.

So banal der Vorfall ist, so sehr lenkt er meine Aufmerksamkeit auf den Bildschirm über dem Bahnhofseingang.

Die Reize, die süchtig machen

In Nikšić in Montenegro hatte ich das das erste Mal wahrgenommen. Das ist gerade ein paar Tage her.

In den Schaufenstern eines Cafes bei der Nikšićko-Brauerei waren mehrere solcher Monitore.

Man konnte dort vom Schanigarten aus diverse Ziehungen diverser Online-Lotterien verfolgen.

„Farbenwette“ hieß das eine Spiel, und diverse Kugeln in mehreren Farben erschienen am Bildschirm.

Wer auf die richtige Reihenfolge gewettet hatte, konnte mehrere hundert Euro gewinnen.

Knallig bunt, leicht verständlich, ständig in Bewegung.

Die Reize, auf die Menschen leicht ansprechen.

Die Reize, die Manche süchtig machen, wenn sie ihnen häufig ausgesetzt sind.

Zugänglich nicht nur in einem der omnipräsenten und dunklen Klein-Casinos oder einem der Wettcafes- und büros an jeder Ecke.

Zugänglich auch von der Straße aus.

Von Jugendschutz kann hier keine Rede mehr sein.

Spieleinsätze lassen sich in der Regel schnell online machen – auch und gerade übers Handy.

Vor Kurzem noch gab es diese öffentlich sichtbaren Glücksspielbildschirme nicht.

Von Maribor südwärts, einschlägige Lokale an jeder Ecke

Als ob in dieser Gegend nicht schon genügend Spielsüchtige herumlaufen würden.

Aus Sicht der Glücksspielindustrie sind es offenbar nicht genug.

Niemand weiß genau, wie viele einschlägige Lokale es gibt allein im ehemaligen Jugoslawien.

Man findet sie vom Busbahnhof in Maribor südwärts überall.

Mag die Stadt noch so klein sein.

Etwa hier in Rožaje in Montenegro.

Oder hier in Bela Crkva im Banat in der Vojvodina.

Sind es keine Casinos, sind es Wettbüros- oder Cafes. Die Grenzen sind fließend.

Etwa hier in Banja Koviljača in Serbien.

Oder in Zagreb.

In Bosnien angeblich mehr Wettlokale und Casinos als Bäcker

Auf mehr als 2.000 Lokale etwa kommt alleine der bosnjakisch-kroatische bosnische Teilstaat Federacija – und das sind nur Wettlokale.

Dazu kommen mehr als 800 im serbisch dominierten Teilstaat Republika Srpska – und in beiden Fällen einige hundert Kleincasinos.

So weit bekannt, dürfte es mehr Wett- und Glücksspiellokale im Land geben als Bäcker.

Etwa jeder fünfte Einwohner Bosniens dürfte zumindest häufiger wetten, seit Jahren.

50.000 tun das regelmäßig – oder verlieren ihr Geld beim offiziellen Glückspiel.

Das Land hat nach mehreren Schätzungen die höchste Dichte an Wett- und Glücksspiellokalen in ganz Europa.

Fünf Prozent der Wirtschaftsleistung werden verspielt

2021 machten sie alleine in der Federacija einen Umsatz von 1,6 Milliarden Mark, das sind 800 Millionen Euro.

Die Umsätze in der RS sind nicht in ihrer Gesamtsumme bekannt – betragen aber ebenfalls mehrere hundert Million Euro.

Macht konservativ geschätzt zusammen eine Milliarde Euro.

Das bosnische Bruttoinlandsprodukt lag 2022 je nach Schätzung zwischen 22 und 28,5 Milliarden Dollar.

In anderen Worten: Wett- und Spielsüchtige und Gelegenheitsspieler verspielen pro Jahr bis zu fünf Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes.

In Serbien das Gleiche in Hellblau

Serbien hat nach serbischen Angaben die zweithöchste Dichte an einschlägigen Lokalen pro Kopf in Europa, nach anderen Angaben sogar die höchste.

15.000 Beschäftigte haben Wett- und Glücksspielindustrie dort zusammen.

Und das laut einem der Branche gegenüber äußerst wohlwollenden Bericht des regimenahen Boulevardblattes Blic.

Im Land soll es mehr als 30.000 Glücksspielautomaten geben.

Wie viel Geld die Serben dort jedes Jahr verlieren, ist nicht einfach zu recherchieren.

Alleine die Steuerleistung der Glückspiel- und Wettbranche soll 2022 etwa 250 Millionen Euro betragen haben. Die Umsätze sind demnach ein Vielfaches.

Für Montenegro und Kroatien sieht es nur unwesentlich besser aus.

Glücksspiel als Flucht vor der Armut

Dass es ein Problem gibt, ist kaum von der Hand zu weisen.

Ebensowenig, dass nicht nur die Industrie kein Interesse hat, es einzudämmen sondern auch die kurzfristig denkende Finanz- und Wirtschaftspolitik der Region.

Im Vergleich zu anderen Regionen ist das Geschäft mit der Spielsucht am Balkan schwach reguliert.

Das und die ständig feineren Methoden der Branche sind ein Grund, warum das Geschäft so floriert.

Freilich, es ist auch die wirtschaftliche Not, die hier die Menschen besonders anfällig macht, das schnelle Glück zu suchen.

„Die Hoffnung, dass man im Wettbüro etwas gewinnen kann, ist eine Flucht aus der Realität“, sagt etwa der Soziologe Drago Vuković von der Universität Istočno Sarajevo gegenüber Nezavise Novine.

Immer mehr Jugendliche werden spielsüchtig

Besonders alarmierend ist, dass offenbar immer mehr junge Menschen spielsüchtig werden. Das berichtet etwa Jelena Manojlović vom Zentrum SOS in Novi Sad gegenüber Vreme:

„Als ich vor 15 Jahren anfing zu arbeiten, lag die Altersstruktur meiner Kunden zwischen 35 und 45 Jahren. Mittlerweile sind alle meine Kunden unter 30 Jahre alt. Die meisten von ihnen sind zwischen 17 und 25 Jahre alt“.

Auch hier spielt eine Rolle, dass es in der Heimat nicht sehr viele Perspektiven gibt.

Ein guter Teil der Jugend in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens hat sich damit abgefunden, morgen oder in drei Jahren nach Deutschland, Österreich oder in die USA zu gehen.

Andere gehen davon aus, dass sie nie die Gelegenheit haben werden. Das macht sie für das Versprechen des schnellen Glücks besonders anfällig.

Die einschlägigen Lokale sind ganz darauf ausgerichtet.

Getränke sind dort in der Regel günstiger als in normalen Cafes.

Man sorgt sich rührend darum, dass die Kundschaft nachwächst.

Zum Schaden der Allgemeinheit.

Die Zahl der Spielsüchtigen in der Region dürfte jenseits der 100.000 liegen.

Allein für Serbien wird sie auf mehr als 30.000 geschätzt.

Das sind Menschen, die das Geld, das sie verspielen, von irgendwoher kriegen müssen.

Das menschliche Leid, das das bringt, lässt sich kaum ermessen. Für die Betroffenen, für ihre Angehörigen und Freunde, und für Unbeteiligte, die Opfer von Beschaffungskriminalität werden.

Das interessiert die Politik in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens kaum.

Sie erscheint kaum gewillt, etwas gegen die Geißel des Balkan zu unternehmen.

Sie sieht lieber zu, wie die Glücksspielindustrie immer neue Methoden entwickelt, um Menschen zu Spielern zu machen.

Eine tiefergehende Videoanalyse von mir findet ihr HIER.

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2 Gedanken zu “Die Geißel des Balkan

    1. Drogen sind natürlich nicht die einzige Einnahmequelle, aus der Geld gewaschen werden muss. Das allerdings ist ein Aspekt, der sich schwierig nachweisen lässt. Zumal das Glücksspiel ja auch nicht die einzige Möglichkeit ist, die Herkunft von Geld zu verschleiern…

      So oder so, das gesellschaftliche Hauptproblem ist, wie weit verbreitet Spielsucht in der Region offenkundig ist.

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