Vier tote Passantinnen und Passanten, mehr als ein Dutzend Verletzte. Das islamistische Attentat Montagabend in Wien macht traurig, ratlos, wütend. Die Berichterstattung des Boulevardblatts Österreich ebenso. Ein Kommentar über schwer zu fassendes und das wirklich Schreckliche.

Die Gasse hinunter ist eine Moschee für mazedonische Albaner.

Ein paar, die dorthingehen, kenn ich vom Reden. Die meisten vom Sehen.

Am Freitag stehen ja oft Leute vor dem Gebäude – die Moschee ist das Erdgeschoss eines normalen Wohnhauses – und sollte ich auf dem Weg auf den Markt sein, nicken wir uns meist zu.

Die Leute scheinen großteils sehr freundlich zu sein.

Ansonsten bleibt mir diese Welt so fremd wie alle religiösen Welten.

So fremd wie die polnische Kirche ums Eck.

Diese Fremdheit gilt den Welten, nicht den Menschen, die dort hineingehen und hinausgehen.

Das sind ganz einfach Menschen.

Mit Hoffnungen, Freuden, Ängsten, Schmerz. Mit Hunger und Durst, manchmal mit Liebe.

Diese Menschen gehören der gleichen Ethnie an wie der Attentäter von gestern und haben die gleiche Religion.

Das ist alles, was sie mit ihm gemeinsam haben.

Ich werde nicht mal fragen, ob ihn wer gekannt hat. Wozu?

Ich werde auch nicht reden mit den Leuten über den Anschlag. Ich werde sie lieber in Ruhe lassen.

Keiner von denen ist verpflichtet, mir oder sonst jemand gegenüber Stellung zu nehmen für etwas, wo für jeden normalen Menschen – also auch diese Menschen – klar ist, dass es nichts mit ihnen zu tun hat.

Klar, es wäre eine sozusagen billige journalistische Geschichte.

So billig sie wäre, so wertlos wäre sie auch.

Sie würde allerhöchstens das Geschäft des Attentäters besorgen.

Da will ich nicht mitmachen.

Der Schrecken kommt aus unser aller Mitte

Überhaupt, die Geschichte ist nicht, dass einer aus deren Mitte…

Das war er vielleicht, vielleicht auch nicht.

Es war einer aus unserer Mitte.

Geboren in Wien, aufgewachsen in Wien.

Die Stadt, in der ich seit mehr als 20 Jahren lebe, hat ihn entscheidend geprägt.

Manchmal, so müssen wir alle erschüttert zur Kenntnis nehmen, geht das auch schief.

Der Schrecken, die Gewalt, der Schmerz, kommen nicht von draußen.

Nicht die Fremden bringen es herein.

Wir haben es gemacht.

Hier ist etwas schiefgelaufen. Hier, in dieser Stadt, in meiner Stadt.

Hier sind die Voraussetzungen geschaffen worden, die diesen Attentäter radikalisiert haben.

Wie und von wem, weiß ich nicht.

Es wird schon auch damit zu tun haben, dass tatsächliche oder vermeintliche Muslime in dieser Gesellschaft zu den Gruppen gehören, die man behandelt wie Menschen zweiter Klasse.

Es wird schon auch damit zu tun haben, dass und wie manche Gruppierungen von Migranten daraus Kapital schlagen.

Radikal-islamischen Einrichtungen kommt da eine wichtige Rolle zu. Es sind nicht die einzigen, die uns Sorge machen sollten.

Das gegenseitige Wettrüsten der Rechten, der Nazis, Kellernazis und Beinahe-Nazis und der Nationalisten, Islamisten und türkischen Faschisten hat Montagabend vier Opfer gefordert.

Dass die Sicherheitsbehörden versagt haben, liegt auf der Hand.

Der Attentäter war verurteilter IS-Sympathisant.

Wie der zu Schusswaffen kommen konnte, wird mir und der heimischen Öffentlichkeit demnächst jemand erklären müssen.

Es wird keine einfachen Antworten geben, wie der Attentäter zu dem Mörder wurde, der er Montagabend war.

Nur, wir werden uns der Tatsache stellen müssen, dass die Voraussetzungen für diesen terroristischen Akt hier geschaffen wurden.

Das ist das Ungeheuerliche.

Das ist die Geschichte, die man erzählen sollte.