Was die Geschichte einer Studentin über das Wesen von Lohnarbeit und die Arbeitsbedingungen in der Gastronomie erzählen kann.

Vielleicht fünf Sekunden pro Glas.

Schwamm rein.

Glas gedreht.

Immer eine Halb-Drehung auf einmal.

Unters laufende – kalte – Wasser gehalten.

Schwamm.

Nächste Halb-Drehung.

Immer in der Höhe, die die Lippen der Gäste berührt haben könnten, innen wie außen.

Glas unters Wasser gehalten.

Glas geschwenkt.

Ausgeleert.

Auf die Ablage zum Trocknen gestellt.

Nächstes Glas.

Nächstes.

Kein Platz für Gedanken

Jede Handbewegung präzise, fest, zielgerichtet. Keine Hunderstelsekunde verschwendet sie mit einer vielleicht überflüssigen Drehung des Handgelenks oder indem sie zu fest zugreift.

Nach zwei Dutzend Gläsern sind die Aschenbecher dran.

Für die braucht sie vielleicht drei Sekunden, türmt sie rechts neben sich auf, weit genug von den benutzten um den Überblick zu behalten.

Es ist Jelenas Muskelgedächtnis, das arbeitet. Nur nicht nachdenken, keinen Sekundenbruchteil lang die Routine unterbrechen. Sie hält das Werk am Laufen.

Anders als als Werk, als in Fleisch und Blut übergegangene Mechanik, kann man nicht beschreiben, was die Bar-Kellnerin tut.

Für sie gibt es in diesen Minuten keine Welt als die Gläser und Aschenbecher.

Der Beobachter braucht länger, ihre Bewegungen zu begreifen als sie braucht, sie auszuführen.

Von Arbeiterinnen und Kellnerinnen

Vor dem, was sie sich als Technik an wahrscheinlich tausenden Gläsern und Aschenbechern angeeignet hat, steht der Außenseiter das erste Mal wie vorm Fließband einer sagen wir Fabrik für Glühbirnen. In Serbien dürfen die noch verwendet werden, hängen auch in diesem Lokal.

Es ist auch nichts anderes. Mechanische Routine, die ungezählte Wiederholungen voraussetzt und eines nicht erträgt: Nachdenken.

Fabriksarbeiterinnen- und arbeitern gesteht man diese Fertigkeit im Allgemeinen zu. Menschen, die in der Gastronomie arbeiten, eher nicht. Die gelten für die meisten als schnell anlernbare und auswechselbare Arbeitskräfte.

Ein bärtiger Gast um die 30 neben mir neben mir versucht, Jelena aufzureißen. Während sie die Gläser spült, starrt er gelangweilt in die Luft. Als sie ihm später nicht die gewünschte Aufmerksamkeit widmet, begibt er sich von hinnen nach dannen.

„Ich erhalte mich selbst“

Seitdem sie 19 ist, hält sich die heute 23-Jährige mit solchen Anstellungen über Wasser. „Ich habe von meinen Eltern nichts genommen“, sagt sie stolz. „Ich erhalte mich selbst“. Das unterscheide sie von vielen Altersgenossinnen- und genossen.

Die bildhübsche, zierliche, Schwarzhaarige studiert Fotografie und Design an der Akademie in Beograd. Sie dreht sich eine Zigarette und zündet sie an. Jelena inhaliert tief. Eine Belohnung für die dutzenden Gläser du Aschenbecher gerade eben.

Jetzt ist Zeit zum Denken. Zum Mensch sein. Und sei es nur in Form der Kommunikation, die es braucht, um die Bestellungen der Gäste an der Bar entgegenzunehmen.

Nur zwei Stunden Schlaf

Seitdem ich gestern nacht im Lokal war, es ist Monk’s Bar, hat Jelena nur zwei Stunden geschlafen. Man merkt es ihr nicht an. Vielleicht verscheucht die Arbeit die Müdigkeit. Vielleicht liegt es daran, dass sie es gewohnt ist. Ein- bis zweimal die Woche kommt das vor. Sicher ist, dass es nur ihre Jugend ist, die es ihr ermöglicht, das auf Dauer durchzuhalten.

„Ich arbeite noch in einem zweiten Lokal, heute hatte ich Frühschicht“, erzählt sie mir. „So hab ich 700 Euro im Monat, meine Wohnung kostet nur 100. Damit bleibt mir genug.“

Das ist fast ein doppeltes Durchschnittseinkommen in Serbien. In Kombination mit der billigen Wohnung ermöglicht das ein halbwegs angenehmes Leben selbst in Beograd. Große Sprünge kann damit freilich nicht mal hier machen.

Es ist auch der Preis für eine doppelt verkaufte Arbeitskraft. Mit dem Studium kommt sie auf 60, 70 Stunden die Woche, erzählt Jelena. „An den freien Tagen versuch ich dann, meine Freunde zu treffen. Das ist manchmal nicht ganz einfach.“

Wie lang sie das durchhalten wird? Keine Ahnung. „Den Job hier will ich bald kündigen. Im anderen Lokal arbeite ich fünf Tage die Woche. Hier sind es nur zwei. Das zahlt sich nicht aus.“

Ob sie nachher wieder einen zweiten Job sucht oder die Einkommenseinbußen in Kauf nimmt, weiß Jelena noch nicht. Bis sie mit dem Studium fertig ist, will sie jedenfalls für sich selbst sorgen können.

Die Routine beginnt erneut

„Mit dem Diplom in der Tasche kann ich Grafikdesignerin werden, Das ist auch gut bezahlt und nicht so anstrengend.“ Das aber nur, sollte sie nicht vorher heiraten. „Dann arbeite ich nur Teilzeit oder etwas, wo ich weniger verdiene als er. Die Männer bei uns mögen es nicht, wenn die Frau mehr verdient als sie.“

Und vorausgesetzt, sie schafft es bei dem Tempo, ihr Studium abzuschließen. Aber diesen Gedanken enthalte ich ihr diesmal vor. Die Frau hat nur zwei Stunden geschlafen. Das letzte, was sie jetzt brauchen würde, wäre allzu kritisches Hinterfragen dessen, was sie tut

Der Hauptkellner bringt die nächsten Gläser. Dutzendweise. Die Routine beginnt wieder und entfaltet ihre zynische Poesie, die sich wahrscheinlich nur einem genauen Beobachter erschließt.

Schwamm. Halbdrehung. Wasser. Schwamm. Halbdrehung. Wasser. Schwenk. Ausleeren. Ablage.

Dann die Aschenbecher.

Es wird die vorletzte Routinearbeit heute nacht sein. Außer mir sind alle Gäste gegangen. Auch ich habe ausgetrunken. Es ist zwei Uhr früh.

Nur der Chef sitzt mit drei Freunden am der Bar nächsten Tisch. Die sind ausgenommen von der Sperrstunde.

Jelena bedeutet mir leise, sie hoffe, dass die Sonderschicht nicht allzulang dauere. Wenigstens ausschlafen kann sie diesmal. Morgen hat sie im zweiten Job frei.