Warum die Menschen wütend sind. Analyse.

Ein tödlicher Straßenbahnunfall lässt die Menschen in Sarajevo seit Tagen auf die Straße gehen. Der tragische Zwischenfall ist zum Punkt geworden, an dem sich jahrzehntelange Wut artikuliert.

Wir schreiben Tag fünf der Proteste im Stadtzentrum von Sarajevo. Immer noch sind die Menschen nicht müde zu hunderten ihre Wut über den Tod des 23-jährigen Künstlers Erdoan Morankić zu artikulieren.

Eine Straßenbahn, die am Donnerstag vergangener Woche unerklärlich schnell in die Haltestelle vor dem Nationalmuseum raste, entgleiste dort. Das Wrack erschlug den jungen Mann und verletzte die 17-jährige Ella Jovanović lebensgefährlich. Sie verlor ein Bein. Nach wie vor ist sie auf der Intensivstation.

(Balkan Stories berichtete.)

Was den tödlichen Unfall ausgelöst hat, ist unklar.

Gut möglich, dass Geschwindigkeitssteuerung oder Bremsen der alten Garnitur aus den seinerzeit tschechoslowakischen Tatra-Werken versagten.

Gut möglich, dass jemandem bei der Installation der neuen Gleisanlagen ein Fehler unterlief.

Gut möglich, dass der Straßenbahnfahrer einen Fehler machte.

Gut möglich, dass es eine tragische Verkettung von Umständen war, für die niemand Schuld trägt.

(Mehr über den aktuellen Stand der Ermittlungen hat Der Standard.)

Erdoan ist der eine Tote zu viel

In Wien, Berlin, Paris würden Menschen am Tag danach an der Unglücksstelle eine Trauerkundgebung abhalten, Blumen niederlegen. Vielleicht auch am Tag darauf. Es wären ein paar Dutzend. Vielleicht ein paar hundert.

Demonstrationen gegen die Stadtregierung würde niemand organisieren.

In Sarajevo treiben Schulkollegen der schwer verletzten Ella die Proteste an. Werden unterstützt von Fußball-Ultras, Studenten der Akademie der Bildenden Künste, den Familien der Opfer.

Am Rande versucht die klerikalnationalistische Partei SDA Profit aus der Tragödie zu schlagen und trommelt gegen die Stadtregierung. Sie wurde in Sarajevo vor einigen Jahren abgewählt, und schmollt seitdem. Aber das ist irrelevant.

Die meisten Demonstranten protestieren gegen die SDA genauso wie gegen die aktuelle Stadtregierung, gegen die Regierung des Kantons Sarajevo, gegen die Regierung des bosnjakisch-kroatischen Teilstaats Federacija, gegen die schwache bosnische Nationalregierung. Wahrscheinlich auch gegen den Hohen Repräsentanten Christian Schmidt, den Kolonialgouverneur Bosniens für UNO und EU.

Und das, bevor sie wissen, ob es bei diesem tragischen Unfall überhaupt etwas gibt, wogegen man protestieren könnte.

Zu viele Menschen sind in den vergangenen 30 Jahren gestorben an Korruption und Behördenversagen, in zu vielen Fällen haben gleichgültige, unfähige oder korrupte Ermittlungsbehörden die Verantwortlichen laufen lassen.

Dženan Memić. David Dragičević. Die Toten von Donja Jablanica.

(Balkan Stories hat über die drei oben genannten Fälle intensiver berichtet als jedes andere deutschsprachige Medium. Unter den Links findet ihr mehr Informationen.)

Dazu die alltäglichen Beispiele an offensichtlicher Korruption. Auch und vielleicht vor allem an öffentlichen Bauprojekten und wenn Posten im öffentlichen Sektor besetzt werden.

Man denke an Bakirs Frau.

Wen wundert es, dass die Menschen diesem System nicht mehr vertrauen?

Auch Dragan Bursać hat in seiner Kolumne für Radio Sarajevo auf diesen Umstand hingewiesen, als er die Proteste nach Erdoans Tod einordnete.

Die Parallelen zu den Massenprotesten in Serbien

Es sind nicht nur Wut und Trauer, die sich in den mittlerweile tagelangen Protesten artikulieren. Es sind blankes Misstrauen, blanker Hass dem politischen System gegenüber, dem Behördenapparat gegenüber, dem Staat an sich gegenüber.

Gut möglich, dass sich diese Proteste ausweiten, wie sie es nach dem 1. November 2024 in Serbien taten.

Damals stürzte das frisch renovierte Vordach des frisch renovierten Bahnhofs von Novi Sad ein. Die Trümmer erschlugen 16 Menschen.

Anders als aktuell in Sarajevo war dort schnell klar: Eine andere Erklärung als offene Korruption gibt es nicht. Das serbische Regime, allen voran Präsident Aleksander Vučić, heizte Wut und Misstrauen an, als öffentlich verkündet wurde: Der Bahnhof von Novi Sad sei renoviert worden, nur das Vordach nicht.

Dass der Bahnhof in den Monaten davor gleich zweimal neu eröffnet worden war, machte die Sache nicht besser.

Auch wenn bei dem tödlichen Straßenbahnunfall zu Redaktionsschluss keineswegs klar war, dass Korruption oder Schlamperei die Straßenbahn entgleisen ließen, ist die Gemengelange nicht unähnlich.

Die Gleise der Straßenbahn von Sarajevo war erst in den vergangenen drei Jahren umfassend erneuert worden, neu gestaltete Haltestellen ersetzen sukkzessive die alten. Neue Straßenbahngarnituren aus der Schweiz wurden mit viel Pomp vorgestellt und eingeweiht.

Und dann rast eine alte Tatra einen jungen Künstler nieder und kostet einer Schülerin ein Bein.

Dazu kommt, dass die städtischen Verkehrsbetriebe GRAS jahrzehntelang unterfinanziert wurden, und die Misswirtschaft dort für jeden offensichtlich ist.

Dass hinter dem Tod von Erdoan jeder zuerst ein versagendes und korruptes System sieht, ist nachvollziehbar.

Bislang haben sich die Proteste auf die bosnische Hauptstadt beschränkt. Dass sie auf andere Städte überspringen, kann niemand ausschließen.

Könnten die Proteste auf die Republika Srpska überspringen?

Praktisch in jeder Stadt gibt es mindestens einen Toten, dessen vorzeitiges Ableben man Korruption oder Systemversagen anlasten kann.

Anders als 2014 ist aktuell auch nicht auszuschließen, dass die Proteste auf den zweiten bosnischen Teilstaat Republika Srpska überspringen. Der langjährige Machthaber Milorad Dodik darf aktuell kein politisches Amt bekleiden. Die Wahl seines Nachfolgers als Präsident der RS muss wegen massiver Unregelmäßigkeiten wiederholt werden. Es herrscht ein Machtvakuum.

Das könnte verhindern, dass Behörden und Polizei der RS Massenproteste mehr oder weniger diskret niederschlagen wie bei den Sozialprotesten 2014.

Dazu kommt, dass ein guter Teil der Studenten in der RS offen mit den Studenten sympathisiert, die seit mehr einem Jahr die Massenproteste in Serbien organisieren. Die haben das Bewusstsein geschärft, dass Kampf gegen Korruption notwendig ist, und dass Korruption ein Problem am gesamten Balkan ist.

Sie könnten sich deutlich aufgeschlossener gegenüber den Schülern und Studenten zeigen, die in Sarajevo die Proteste nach Erdoans Tod vorantreiben.

Was es in Bosnien auslösen würde, wenn die Proteste auf alle Landesteile überspringen, lässt sich schwer vorhersagen.

Man kann sich sicher sein, dass nicht nur die Politik in Sarajevo die mehrtägigen Proteste mit Unruhe betrachten werden sondern auch in Banja Luka.

Gut möglich auch, dass diese Proteste den gleichen Verlauf nehmen wie alle bisherigen Massenproteste in Bosnien: Dass sich die Leute irgendwann müde laufen, und sich nichts ändert. Und die Menschen in Bosnien mit einem noch tieferen Misstrauen gegen das Gesamtsystem zurückbleiben als sie jetzt schon haben.

Titelfoto: Screenshot einer Videoreportage von Avanz TV auf Youtube.

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