Am Wochenende eskaliert ein Streit unter Ex-Jugos. Ein Bekannter wird erstochen. Vieles ist unbekannt, vieles wird es bleiben. Ein Versuch, mit diesem Umstand zurechtzukommen.
Als mir Aleksandra* Montagabend gesagt hat, dass Josip* ermordet wurde, wusste ich: Das war eine besoffene Geschichte.
Aus meinen Jahren als Chronikreporter kann ich mich spontan an keinen Mord an einem Mann über 40 erinnern, wo Alkohol nicht zu einer tödlichen Auseinandersetzung geführt hätte.
Ausgenommen die zwei Fälle, in denen die Ehefrauen ihren Männer erstachen, nachdem diese einmal zu oft zugeschlagen hatten.
Dass Josip gerne trank, ist kein Geheimnis. Er war auch bei mir mehrmals zu Gast. Ich habe seine Besuche als angenehm in Erinnerung. Streitlustig oder gar gewalttätig war er auch nach ein paar Bieren nie.
Das war vielleicht am Samstagabend anders. Josip war bei Bekannten in der Leopoldstadt. Man begann zu streiten. Aus dem Streit wurde eine Schlägerei. Josips Bekannter griff sich ein Messer. Er stach Josip mehrmals in den Rücken.
Die Rettung konnte Josip nicht wiederbeleben.
Als die Polizei Josips Bekannten festnahm, hatte der zwei Promille Alkohol im Blut. Seine Freundin hatte laut Angaben der Polizei einen etwa gleich hohen Alkoholwert.
Es ist nicht davon auszugehen, dass Josip wesentlich nüchterner war.
Was wir nicht wissen werden
Was den Streit ausgelöst hat, wird man wohl nie wirklich wissen.
Nach Medienberichten soll Josips Mörder die Tat gestanden haben, und der Polizei gesagt haben, es sei um Politik gegangen.
Gegenüber Aleksandra sagte auch seine Freundin, dass es irgendwie um postjugoslawische Verhältnisse gegangen sein soll. Irgendetwas mit Serben, Kroaten und Bosnien.
Ohne ihr nahetreten zu wollen, ist davon auszugehen, dass sie sich nicht an jedes einzelne Wort erinnern kann, das an diesem Abend gefallen ist.
Es war mit ziemlicher Sicherheit nicht das, was einem die Lektüre der Medienberichte nahelegt.
Dort sieht es so aus: Ein Kroate mit serbischer Freundin ersticht bei einem Streit um Politik einen Serben.
Nur: Josip war kein Serbe. Seine Muttersprache war Ungarisch, er war katholisch, halb Ungar, halb Bunjevac aus Subotica. Serbischer Nationalist war er keiner.
Von seinem Kontrahenten weiß ich nur, dass er kroatischer Staatsbürger ist. Über ein mögliches Motiv, mit Josip zu streiten, sagt das nichts aus. Der Mann kann ethnischer Serbe aus Kroatien sein, ethnischer Kroate aus Bosnien, oder etwas ganz was Anderes.
Ohne sehr lange mit ihm und seiner Freundin zu sprechen, lässt sich sicher nicht in Erfahrung bringen, welcher politische Konflikt den Streit ausgelöst haben soll, an dessen Ende Josip in seinem Blut lag.
Selbst dann ist nicht gesagt, dass man das ergründen kann. Alle Beteiligten waren sturzbetrunken. An Details erinnert man sich in dem Zustand im Allgemeinen nicht.
Ohne Alkohol, oder mit viel weniger Alkohol, wäre nichts passiert. Diese Bluttat alleine darauf reduzieren zu müssen, sie alleine daraus zu erklären, ist auf einer persönlichen Ebene belastend.
Ein Leben, reduziert auf die letzten Stunden
Damit werden alle, die Josip gekannt haben, zurechtkommen müssen.
Womit wir ebenfalls zurechtkommen müssen, ist, dass in der Öffentlichkeit sein Leben auf seine letzten Stunden reduziert wird.
Niemand wird schreiben, dass er unter anderem ausgebildeter Stuckateur war. Niemand, wie er sich in Wien von Baustellenjob zu Baustellenjob hantelte, häufig schwarz bei Jugo-Firmen, die’s nicht so genau nehmen. Dass ihm nicht nur ein Chef Geld schuldete. Niemand über seine zeitweise Existenz als quasi Halbnomade, in prekären Untermietsverhältnissen, von der Hand in den Mund, buchstäblich.
Niemand, dass er in Wien nie seine wirkliche Heimat sah. Niemand, wie sehr er sich in eine oberösterreichische Kleinstadt zurücksehnte, in der er seine ersten Jahre in Österreich verbracht hatte.
Niemand, wie gut er sich mit Hunden verstand.
Polizei und Staatsanwaltschaft werden das allenfalls oberflächlich erheben. Dieser Teil von Josips so genanntem Vorleben ist für die Ermittlungen nicht interessant. Wird nicht entscheiden, ob sein Mörder verurteilt wird oder nicht, wie hoch seine Strafe sein wird, sollte er verurteilt werden.
Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht haben andere Fälle aufzuklären. Sie haben nicht die Zeit, sich mit Details aufzuhalten, die mit dem Kriminalfall nichts zu tun haben.
Das muss und kann man verstehen.
Josips letzter Abend wird alles sein, was von seinem Leben bleibt. Außer bei denen, die ihn etwas besser gekannt haben.
Das ist bei fast jedem Mord so.
Für das nähere und das weitere Umfeld des Opfers ist so etwas belastend. Aber damit muss man zurechtkommen.
*Alle Namen in diesem Artikel wurden geändert.
Titelfoto: Jugoslav Krminac
So unterstützt ihr meine Arbeit
Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das ab sofort auf Buy Me A Coffee tun.
Und wenn euch dieser Beitrag gefällt, bitte teilt ihn auf euren sozialen Netzwerken, lasst ein Like da oder kommentiert.
Entdecke mehr von balkan stories
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
