30 Jahre nach dem Ende des Kriegs in Bosnien könnte ein Gericht das vielleicht widerwärtstigste Kapitel des blutigen Konflikts mit 100.000 Toten klären. Die Staatsanwaltschaft Mailand ermittelt in der Causa Sarajevo Safari.
Der Völkermord von Srebrenica. Das Hotels Vilina Vas in Višegrad. Die Massaker von Bugojno und Mrkonjić Grad. Die Lager von Brčko.
Es ist eine lange Liste von Verbrechen, Orten und Opfern im Krieg in Bosnien. Kaum eine Grausamkeit, die nicht begangen worden wäre. Bosnische Serben begingen die meisten. Sie waren nicht die einzigen.
So erschreckend und grausam die Liste ist, wahrscheinlich nichts ist so widerwärtig wie die Serie an Verbrechen, die der Mailänder Staatsanwalt Alessandro Gobbis zu ermitteln begonnen hat.
Über die Ermittlungen berichten übereinstimmend Radio Sarajevo, die italienische Nachrichtenagentur ANSA, die italienische Tageszeitung La Repubblica und mittlerweile zahlreiche renommierte Medien in Italien und am Balkan.
Zwischen 1992 und 1995 sollen während der Belagerung von Sarajevo mehrere hundert Zivilisten serbischen Truppen Geld bezahlt haben, um in der belagerten Stadt Menschen zu jagen und zu töten.
Von Anhöhen aus schossen sie mit Scharfschützengewehren auf Zivilisten.
Irina Ćišićs innere Organe wurden im Jahr 1994 in Ciglanje vom Projektil aus einem Scharfschützengewehr zerfetzt. Irina wurde ein Jahr und vier Tage alt.
Wer Irina getötet hat, wird sich vielleicht nie feststellen lassen.
Aber die Ermittlungen in Mailand sind ein erster Schritt, um vielleicht auch ihren Mörder zu finden.
Auf Kinder hatten es die wohlhabenden westlichen Menschenjäger am meisten abgesehen.
Den Medienberichten nach ermittelt Staatsanwalt Gobbis gegen 200 italienische Staatsbürger.
„Die Männer, in Militäruniformen, stammten aus Trivenetien, Piemont und der Lombardei und erreichten Bosnien und Herzegowina innerhalb von 72 Stunden in Kleinbussen. Unter dem Vorwand einer „humanitären Mission“ passierten sie ungehindert Kontrollpunkte in Kroatien und Bosnien und Herzegowina und zahlten hohe Bestechungsgelder für die „Sarajevo-Safari“, berichtet Radio Sarajevo.
Und: „Die Morde an Kindern wurden am höchsten vergütet, mit bis zu 100 Millionen alten Lire (heute umgerechnet über 180.000 KM). Danach folgten Männer (vorzugsweise in Uniform und bewaffnet), Frauen und schließlich ältere Menschen, die getötet wurden – und das kostenlos.“
Mehr als 180.000 Konvertible Mark, das sind knapp 100.000 Euro.
Das Geld ging an bosnisch-serbische bzw. restjugoslawische Streitkräfte. Diese hatten nach den Recherchen mehrerer Journalisten ein Reisebüro für wohlhabende Ausländer organisiert, die in der belagerten Stadt Sarajevo Menschen jagen wollten wie Großwild.
Sie reisten in der Regel über Beograd und Pale an.
Gerüchte über die so genannte Sarajevo Safari hatte es seit Jahrzehnten gegeben.
Das erste Mal glaubwürdig gemacht haben sie die Recherchen des slowenischen Filmemachers Miran Zupanič. Seine Dokumentation Sarajevo Safari zeichnete im Jahr 2022 so minutiös wie ohne einen staatlichen Ermittlungsapparat im Hintergrund möglich die Details dieser Serie an widerwärtigen Verbrechen nach.
Es dürfte vor allem diese Dokumentation gewesen sein, die die Ermittlungen in Gang brachte.
Sie löste zunächst Recherchen des italienischen Journalisten Ezio Gavazzeni aus. Der erstattete im Jänner diesen Jahres Anzeige bei den italienischen Behörden, wie diese Seite berichtet.
Dass erst im November bekannt gegeben wurde, dass die Staatsanwaltschaft in Mailand die Ermittlungen eröffnet hat, überrascht. Für die Verzögerung mag es ermittlungstechnische Gründe geben.
Die damaligen Wochenendmörder waren allesamt wohlhabend und einflussreich. Man darf vermuten, dass sie das auch heute sind, sofern sie noch leben.
Sofern die Staatsanwaltschaft gegen bekannte Verdächtige ermittelt, erscheint es nachvollziehbar, dass man diese nicht aufschrecken wollte.
Weniger verständlich erscheint, dass es bis heute in Bosnien keine offiziellen Ermittlungen zu geben scheint – oder, dass diese in den drei Jahren seit der Präsentation von Sarajevo Safari offenbar zu nichts geführt haben.
Sollte Irinas Mörder jemals vor Gericht stehen, wird es Alessandro Gobbis zu verdanken sein. Und Miran Zupanič.
Balkan Stories hat Miran Zupanič gebeten, die italienischen Ermittlungen zu kommentieren.
In einer ersten Reaktion sagte Miran, dass er in Arbeit untergehe, leitete aber eine interessante Zeugenaussage vor dem ICTY weiter, die neue Belege liefert, dass ausländische Touristen Jagd auf Zivilisten im belagerten Sarajevo machten. Die Aussage wirft einmal mehr die Frage auf, warum die Ermittlungen der Mailänder Staatsanwaltschaft die ersten in dieser Causa sind. Mehr über diese Aussage könnt ihr hier nachlesen.
Irina Ćišić wäre heute 32 Jahre alt.
Titelfoto: (c) Arsmedia
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Unfassbar zu was Menschen fähig sind.